Beim DLV-Aufgebot für die EM gilt die Prämisse Masse vor Klasse

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(Darmstadt/Erding/München/Krefeld, 08. August 2022) Eine sehr saloppe alte Redensart behauptet: Man wird so alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu. Das darf allerdings für die hauptamtlichen Spitzenfunktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) um den geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden Cheik-Idriss Gonschinska, der letzte DDR-Meister über 110 m Hürden, und Chefbundestrainerin Annett Stein getrost verneint werden. Dieses sprachliche Duett der Ausreden und Ausflüchte ist aus dem jüngsten kapitalen Absturz seiner 78 Schützlinge bei der WM der Männer/Frauen in Eugene/Oregon (USA) kein bisschen schlauer geworden. Ganz im Gegenteil: Der Heißluftballon wurde beim Aufgebot (siehe Link) für die nächstwöchige so genannte Heim-EM vom 15. bis 21.August im alt-ehrwürdigen Münchner Olympiastadion um sage und schreibe 34 Athleten*innen auf nunmehr insgesamt 112 aufgeblasen. Darunter naturgemäß fast alle WM-Reisenden im Nationaltrikot der Sporttouristenklasse. Wo sonst sollen sie auch alle herkommen? Gleichwohl: Der Laie ist mal wieder bass erstaunt, der Fachmann wundert sich indes nicht mehr über das handelsübliche Gebaren des DLV mit Masse vor Klasse zu operieren und jonglieren.

Manch einer müsste durch den Verband vor sich selber geschützt werden

Das wollen wir jetzt nicht im Detail durchgehen, zumal der Vorwurf nicht in erster Linie den Akteuren zu machen ist. Wohl dies: Großes Kopfschütteln löst in der Szene, namhafte Trainer/innen von einst wie jetzt und ehemalige deutsche Weltklassen-Athleten eingeschlossen, vorneweg die Nominierung von Speerwerfer Thomas Röhler aus. Der Olympiasieger von 2016 (90,30m), ausgestattet mit einer Bestleistung von 93,90m aus 2017, ist schon seit Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst. Der 30-jährige Thüringer belegt mit 72,51m den 13. Platz in der aktuellen DLV-Bestenliste und ist 103. in der europäischen Rangliste 2022. Ja, als schlussendlich chancenloser Titelverteidiger der letzten Europameisterschaften von 2018 in Berlin (89,47m) hat er eine so geheißene „Wild Card“, nimmt keinem Landsmann einen der maximal drei disziplinären Startplätze weg. Aber keiner ist verpflichtet, die Freikarte zu ziehen, sich womöglich dem Gespött und der Häme auszusetzen. Insbesondere bei seiner Reputation aus längst vergangenen Zeiten. Manch einer müsste vor sich selber geschützt werden. Aber die restlos überforderte Verbandsspitze schaut tatenlos zu, nein: sie stellt ihn sogar letztlich auf.   

Bei der EM-Vorbereitung in Erding kann die Bierdusche gleich mit geprobt werden

Was diesmal jedoch anders ist? Es wird entgegen der WM kein luxuriöses neuntägiges „Pre-Camp“ im kalifornischen Santa Barbara zur Verschlimmbesserung der Form geben, bleibt im Lande und macht nahe München in Erding ab heute Station. Das ist insofern ganz praktisch, als nebenbei auch die gekonnte Bierdusche zum Abfeiern der vom, wohlwollend formuliert,
fantasiebegabten DLV-Präsidenten Jürgen Kessing gewünschten Medaillen im zweistelligen Bereich geprobt werden kann. Weihnachten ist freilich auch in diesem Jahr erst wieder ab 24.Dezember und – wir wiederholen zu unserer Glosse vom 02.August – ein Wettkampf kein Wunschkonzert.