Bei der DM Männer/Frauen war ziemlich viel Sand im Getriebe

(Braunschweig/Krefeld, 06. Juni 2021) Gewöhnen wir uns einfach daran, auch wenn uns der sehr von sich eingenommene Dach- und Fachverband mit dem Kürzel DLV etwas anderes vorgaukeln möchte: Die deutsche Leichtathletik ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Irgendwie sollte der Auftakt-Wettbewerb zur DM der Männer/Frauen mit dem unterbelichteten, völlig sinnfrei vorgezogenen Stabhochsprung des schöneren Geschlechts zumindest mit der gestrigen Fortsetzung Symbolcharakter haben. Es war nicht gerade ein Offenbarungseid, aber durchgängig betrachtet auch keine Offenbarung dieser zur größten Olympia-Qualifikation hochstilisierten dreitägigen Titelkämpfe im Eintracht-Stadion in Braunschweig vor auserlesenen (theoretisch) 2.000 Zuschauern. Allerdings drängte sich der Eindruck auf, und den ver- und übermittelte auch der ARD-Reporter im Internet-Livestream, dass es gestern mehr Pappkameraden als leibhaftige Menschen gewesen sind. So viel zum heimischen öffentlichen Interesse an der einstigen olympischen Kernsportart, bei der auf ein Kurzfazit komprimiert jede Menge Sand im Getriebe vorhanden war.

Oftmals schwaches Niveau in Spitze und Breite

Ein paar negative Schlaglichter, die Männer vorweg: Sieben so genannte Berufs- und Spitzensportler traten über 5.000 Meter an, zwei gaben auf, nach 14:26,32 Minuten passierte der Fünft- und Letztplatzierte die Lichtschranke; über 110m Hürden, wie andere mehr eine frühere deutsche „Schokoladen“-Disziplin, langten 14,52 Sekunden für den Finaleinzug (das gereicht manchem Zehnkämpfer nicht einmal zur Ehre); das lässt sich auch für den Hammerwurf der Männer konstatieren, bei dem lediglich einer die 70-Meter-Marke übertraf, der Achte gar unter 60 Meter blieb; ohne Überflieger Johannes Vetter ist es beim Speerwurf eben alles nix: 80,33 Meter genügten Julian Weber (USC Mainz) zum Sieg, der Sechste warf 65,84m und wieder lassen die Zehnkämpfer schön grüßen; der Dreisprung entpuppte sich als Wettbewerb der Kopfschüttler mit massenhaft ungültigen Versuchen und kargen Weiten, einschließlich Primus Max Heß (LAC Erdgas Chemnitz), der mit 16,51m (SBL 17,13m) im finalen sechsten Versuch Schadensbegrenzung betrieb, der Fünfte kam mit 14,99m auf eine international sehr gute Frauen-Weite.

Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth biss mit ihrer Petition beim DLV auf Granit

Wären wir zugleich beim Stichwort. Ein Eigentor der Extraklasse schoss der DLV damit, die talentierte, 16-jährige Hochspringerin und Bestenliste-Erste Johanna Göring (1.92m) von Salamander Kornwestheim von einem DM-Start auszuschließen (wir berichteten). Obwohl sich die einstmals im selben jugendlichen Alter und derselben Höhe (damals Weltrekord) zur Olympiasiegerin gekürte Ulrike Meyfarth persönlich beim Verband mit einer Petition für deren Einsatz stark machte, durfte/musste Göring daheim am Notebook oder wo auch immer mit ansehen, wie der Titel mit indiskutablen 1,87m an Imke Onnen (Hannover 96) ging, ganz zu schweigen der niedrigen Höhen beim Rest vom traurigen Fest. Speerwerferin Kristin Hussong vom LAZ Zweibrücken hat mit ihren jüngsten 69,19m und konstant starken Leistungen den Erwartungshorizont zwangsläufig höher gelegt. Mit immer noch sehr ordentlichen 63,30m, aber auch viel Asche darunter, war sie sichtlich nicht zufrieden. Allerdings ein Trauerspiel, was sich hinter ihr auf den nächsten sechs Plätzen bis hin zu 46,51m abwärts darbot.

Bei viel Schatten gab es auch einige Lichtblicke

Ja und Halleluja, es war nicht alles schlecht bis „saumäßig“. Lichtblicke gab es derer auch. Da ist vor allem in Spitze und Breite in der Spitze der Dreisprung zu nennen. Ein Trio über 14 Meter, das kann sich auch unter internationalem Anstrich sehen lassen. Neele Eckhardt-Noack (LG Göttingen) gewann mit 14,26m (12. Platz in der aktuellen Weltbestenliste) vor den mit 14,11m weitengleichen Kristin Gierisch (TuS Bayer 04 Leverkusen) und Maria Purtsa vom LAC Erdgas Chemnitz. Der nächstbessere Versuch entschied mit 13,98 zu 13,85m für die Leverkusenerin.

Sara Gambetta nicht dermaßen souverän wie erwartet

Kugelstoßerin Sara Gambatta vom SV Halle durfte sich als ehemalige Siebenkämpferin über ihren ersten DM-Titel in der auserkorenen Spezial-Disziplin freuen. Ein Selbstläufer wurde es für die in dieser Saison auf 18,86m verbesserte 28-Jährige trotz Abwesenheit von „Quarantäne-Frau“ Christina Schwanitz nicht. Dafür sorgte sie einerseits mit „nur“ 18,31m selber und zwei junge „wilde“ Drehstoßerinnen unmittelbar hinter ihr auf den Medaillenrängen mit jeweils persönlichen Bestleistungen jenseits 18 Meter. Übrigens auch „ex aequo“ mit 18,13m. Katharina Maisch (*1997) vom LV 90 Erzgebirge hatte gegenüber Yamisi Ogunleye (*1998) von der MTG Mannheim mit 17,90 zu 17,53m die nächstbeste Weite aufzuweisen. Doch insbesondere den nicht einfachen Namen der im letzten Durchgang ihren bisherigen „Hausrekord“ von 17,65m um 48 Zentimeter steigernde, sich wie eine Schneekönigin mit Sturzbächen von Tränen freuende Badenerin sollte man sich merken. Sie gefiel nicht nur durch ihre feine technische Klinge, sondern auch keine träge Masse mit sich herumschleppenden sehr athletischen, austrainierten Figur.  
Alle Zeiten, Höhen, Weiten unter diesem Link. Heute geht es ab 13.54 Uhr im ZDF-Livestream weiter.