Konstanze Klosterhalfen sorgte mit dem EM-Titel für magische Momente

(München/Krefeld, 19. August 2022) Ein Gewitter reinigt die Luft, lässt aber auch die Temperatur fallen und sorgte gestern Abend für eine halbstündige Verspätung beim Auftakt der Wettbewerbe am vierten Tag der Leichtathletik-Europameisterschaften im Münchner Olympiastadion. Wem es nützte und wer darunter zu leiden hatte, ist aus der Fernsicht schwerlich zu beurteilen. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen hat es einige sehr erfreuliche Überraschungen und magische Momente für das deutsche Team gegeben, die so wohl kaum einer auf seiner Rechnung hatte. Allerdings auch umgekehrt.

Maleika Mihambo sprang um drei Zentimeter an der Titelverteidigung vorbei

Wobei diesbezüglich der Ball ganz flach zu halten ist. Wer schon kein Glück hat, bei dem kommt mitunter noch Pech hinzu. Das darf Weitsprung-Allesgewinnerin Malaika Mihambo getrost für sich in Anspruch nehmen. Die 28-Jährige war im  unmittelbaren Vorfeld durch eine Corona-Infektion und eine neuntägige Trainingspause stark eingebremst worden, stand ihr Antreten regelrecht auf der Kippe. Mit 6,99 m in der Qualifikation schienen alle öffentlichen und eigenen Zweifel an ihrem vollständigen Leistungsvermögen ausgeräumt. Aber wer weiß das schon, was ohne dieses Handikap gewesen wäre? So waren es am Ende winzige drei Zentimeter und bei einer tollen Serie (6,71, 7,03, 6,86, 6,95, x, 6,99m) mit lediglich einem ungültigen Versuch (für sie ungewöhnlich), die an einer erfolgreichen Titelverteidigung fehlten.

Feine kleine Gemeinheiten entschieden über Sekt oder Selters

Kommen wir zum Stichwort Pech. Die gleich im ersten Versuch auftrumpfende Serbin Ivana Vuleta (frühere Spanovic) durfte sich bei ihren 7,06m  (sonst nur noch 6,98m im zweiten Durchgang) eines leichten Schiebewindes von 0,3m/sec. vergewissern. Derweil hatte Mihambo bei ihren 7,03m im zweiten Versuch einen Gegenwind von 0,5m/sec., in Summe ein Unterschied von 0,8m/sec. Das sind die feinen kleinen Gemeinheiten, die über Sekt oder Selters entscheiden können. Gerechtigkeit im Sport gibt es nun mal nicht. Die in sich ruhende, feingeistige 28-Jährige trug es mit der ihr eigenen Gelassenheit und begab sich fahnengeschmückt gemeinsam mit der Überraschungsdritten Britin Jazmin Sawyers (6,80m) auf die Ehrenrunde mit „Autogrammstunde“. Bleibt unter dem Strich: Mihambo hat eine grandiose Vorstellung geboten und das Publikum begeistert, widerlegte den Spruch, dass der/die Zweite, der erste Verlierer ist.

Eine weise Entscheidung den Rat Dritter in den Wind zu schreiben

Die ausgelöste Empathie galt auch für Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen. Nach dem vierten Platz über 10.000m sollte sie die dem Rat von Trainer und Management folgend die 5.000m eigentlich sausen lassen. Doch die für ihre Beharrlichkeit bekannte 25-Jährige setzte sich darüber hinweg, wollte die einzigartige Atmosphäre im Tempel der Olympischen Spiele von 1972 einfach noch einmal 12,5 Runden lang genießen. Eine weise Entscheidung. Denn „Koko“ belohnte sich nach einem taktisch klugen, beherzten Rennen mit der Goldmedaille und ihrem ersten großen Titel, ließ mit 14:50,47 Minuten im Ziel die auch diesmal hoch favorisierte 10.000-m-Siegerin Yasemin Can, eine gekaufte Wahl-Türkin mit kenianischen Wurzeln, letztlich noch deutlich um 6,5 Sekunden hinter sich. Bravourös!

Tobias Poyte nutze beim Heimspiel die Gunst der feuchten Stunde zum silbernen Flug

Die Gunst der feuchten Stunde wusste auch völlig überraschend der ebenfalls extrem schlanke Hochspringer Tobias Poyte von der LG Stadtwerke München bei seinem wahrhaftigen Heimspiel für sich zu nutzen. Das 27-jährige Leichtgewicht nahm alle drei Höhen bis 2,27 im ersten Flug. Das sollte ihm die Silbermedaille bescheren. Allein der „geteilte“ Olympiasieger Gianmarco Tamberi, nebenbei ein belebender „Showman“ der Extraklasse, überquerte 2,30m. Der entthronte Titelverteidiger  Mateusz Przybylko, gemeinsam mit Poyte höhengleich Deutscher Meister 2022, war untröstlich, an 2,27m gescheiterte zu sein, wurde Sechster mit 2,23m. Den Rang belegte nach einer Berg- und Talfahrt nach sieben Disziplinen auch Mehrkämpferin Carolin Schäfer mit 6.223 Punkten. Die vor dem 800-m-Lauf besser platzierte und um 96 Punkte höher notierte Sophie Weissenberg trat wegen einer blitzartig aufgetretenen Erkältung (offizielle Erklärung) zum abschließenden Wettbewerb nicht mehr an. Selbst die Bronzemedaille war allerdings unerreichbar weit weg.

Eine Mini-Renaissance des deutschen Sprints auf europäischem Laufsteg

Erfreulicherweise gab es in den Vorentscheidungen sehr viele gute Resultate für heimische Athleten*innen auf dieser kleineren europäischen Bühne. Was nicht darüber hinwegtäuschen darf, befand auch Doppel-Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl im ARD-Interview bei Moderator Claus Lufen, dass im Weltstandard der Musik hinterher gelaufen wird. Stellvertretend außerhalb der verlinkten Ergebnisliste sei die Mini-Renaissance des deutschen Sprints zumindest in Europa genannt. Nach der zum Titel stürmenden Gina Lückenkemper über 100m erreichten Joshua Hartmann  in persönlicher Bestzeit von 20,33 Sekunden als Direktqualifizierter und Alexandra Burkhardt in 23,05 Sekunden mit kleinem „q“ die Finals über 200 Meter.

Leichtathletik-EM: Alle sechs gestrigen Finals ohne deutsche Beteiligung

(München/Krefeld, 18. August 2022) Fassen wir uns diesmal in aller Kürze, denn darin liegt ja angeblich die Würze. Das kann allerdings auch signalisieren, dass es nicht allzu viel Positives aus eingeschränkter heimischer Sicht zu berichten gibt. Dem war so. Nach dem Ausnahmezustand von Dienstag mit dem glänzenden und berauschenden Auftreten der deutschen Leichtathleten*innen bei der EM vor begeisterten 40.000 Zuschauern im Münchner Olympiastadion trat postwendend wieder Normalität ein. Gänzlich ohne deutsche Beteiligung fanden gestern Abend vor weitgehend gähnend leeren Rängen die sechs Finals statt. Die Zuschauer vom Fach haben eben ein feines Gespür dafür, wann sich ihr Kommen für ein üppiges Entree von 140 bis 180 Euro „lohnt“. Selbst bei einem internationalen Publikum aus aller Herren Länder lässt vor allem Lokalkolorit mit eigenen Assen die Kasse klingeln.  

Ein DLV-Quartett kam in den Vorentscheidungen weiter

Aber auch in den Vorentscheidungen der so genannten „Morning Session“ gab es zur Erntezeit wieder ziemlich viel Fallobst im prallen DLV-Aufgebot. Das wollen wir jetzt nicht alles aufzählen, überantworten wir bei Interesse der verlinkten Ergebnisliste, kaprizieren uns auf jene wenige, die in ihren Konkurrenzen weitergekommen sind. Das war lediglich ein Quartett, indes mit drei prima Vorstellungen. Constantin Preis in 49,63 (SBL) und Carolina Krafzik in 54,32 Sekunden (PBL) zogen als jeweils überlegene Vorlauf-Erste in die Triplefinals ein.
Bereits eine Etage höher geht es für Dreispringerin Nele Eckhard-Noack weiter, die mit persönlicher Bestweite von 14,53m die Qualifikation für sich entschied. Ein Fingerzeig in Richtung Medaille? Eine Binsenweisheit, dass im Vorkampf und Finale im übertragenen Sinne die Karten völlig neu gemischt werden. Diskuswerfer Henning Janssen löste das auf dem Weg dahin mit 62,60m und einem kleinen „q“. Medaillenträume können damit gegen übermächtige Konkurrenz allerdings erst gar nicht aufkommen, geht es schlicht um die Bestätigung des individuellen Leistungsvermögens. Und daran haperte es allzu oft bei den „Heimarbeitern“, können auch die schönen Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen. Den nationalen Dachverband einmal ausgenommen.

Für das DLV-Team lag zum Auftakt der EM das Gold auf der Straße

(München/Krefeld, 16. August 2022) Mit einem Auftakt nach Maß begann für die sehr üppig vom DLV aufgestellte Nationalmannschaft der Männer/Frauen gestern mit den überhaupt ersten Entscheidungen die Leichtathletik-EM im Rahmen des riesigen Volksfestes European Championships Munich 2022. Und das in einer Disziplin, die bislang nicht gerade zu den deutschen Domänen (die es allerdings auch nicht mehr gibt) gerechnet werden durfte: Im Marathon, der klassischsten aller Laufdisziplinen der Antike über die Langdistanz von 42,195 Kilometer. Allein das nötigt ja Hans Mustermann und Lieschen Müller schon Respekt oder verständnisloses Kopfschütteln ab. „Das Gold liegt auf der Straße“, titelte heute in ihrer Printausgabe die Rheinische Post. Richard Ringer rang es in seinem erst vierten Marathonlauf als scheinbar schon feststehender erster Verlierer noch in einem fulminanten Zielspurt dem völlig verblüfften Israeli Maru Teferi in 2:10,21 Stunden mit einem Minimalvorsprung von zwei Sekunden ab. Damit war der Meister-Ringer zusammen mit dem Viertplatzierten Amanal Petros (2:10,39) und Johannes Motschmann (16. in SBZ von 2:14,52)  auch maßgeblich an der Silbermedaille in der erstmals vergebenen Mannschaftswertung beteiligt.

Starkes DLV-Trio gewann Mannschaftstitel im Marathonlauf
 
Was immer man von einem solchen Konstrukt dieser bloßen Aneinanderreihung von Zeiten hält und das für so überflüssig wie einen Kropf ansieht – sie existiert nun mal. Das deutsche Frauen-Trio (4. Miriam Dattke, 6.Domenika Mayer, 10. Deborah Schöneborn) wurde dafür mit golden glänzendem Edelmetall belohnt. Und die Verantwortlichen des arg gebeutelten und völlig zu Recht gescholtenen Dachverbandes strahlten im Zielbereich um die Wette. Allen voran der mittlerweile höchst umstrittene DLV-Vorstandsvorsitzende Cheick-Idriss Gonschinska.

Licht und Schatten wechselten in rascher Folge

Dazu gab es in den Wettbewerben im Olympiastadion weitaus weniger Anlass, wechselten Licht und Schatten mit teilweise ernüchternden Vorstellungen in rascher Folge. Verlass war wieder einmal auf die Fraktion von Stoß und Wurf. Völlig überraschend überstand Kugelstoßer Simon Bayer gegen freilich schwächelnde Konkurrenz als Zwölfter mit 19,92m so gerade die Qualifikation, konnte sich im abendlichen Finale (ebenso gewöhnungsbedürftig wie unnötig bei einer sechstägigen Veranstaltung) allerdings nicht mehr steigern, wendete jedoch als Elfter mit 19,83m die „Rote Laterne“ des Schlusslichts ab.

Bekloppt: Kugelstoß-Finals der Frauen und Männer zeitlich überlappend

Das Mädel-Terzett mit Katharina Maisch (18,65m), Sara Gambetta (18,53m) und Julia Ritter (17,80m: im Bild) kam im gleichen Modus geschlossen weiter. Richtig Dampf auf dem abendlichen Kessel hatte allerdings nur Julia Ritter, die mit sechs Versuchen jenseits von 18 Metern (ZDF-Reporter Peter Leissl quittierte es mit den Worten: „Ein sehr sichere Drehstoßerin“; Ritter stößt in der konventionellen Technik) hinter Sara Gambetta (18,48m) mit 18,29m den sechsten Platz belegte. Enttäuschend Katharina Maisch, die bereits in der „Quali“ ihr Pulver verschossen hatte und mit 18,01m Achte wurde. Bereits Bronze hing mit 18,94m in unerreichbarer Höhe, hätten Gambetta und Maisch (beide 18,88m) persönliche Freiluft-Bestleistung stoßen müssen. Was – kein Schreibfehler – dem Zeitplan-Verunstalter eingefallen ist, die Finals der beginnenden Frauen im Innenbereich des Kurvensegments auf getrennten Anlagen zeitlich überlappend mit den Männern auszutragen, dafür gibt es nur ein Wort: Bekloppt!

Drei-Mädel-Haus im Diskuswurf souverän durch die Qualifikation

Das deutsche Drei-Mädel-Haus hielt in zwei verschiedenen Gruppen ebenfalls mit „kompletter Combo“ recht souverän Einzug der besten Zwölf in den Vorkampf des Finales (das gab’s in gleicher Besetzung auch schon bei der WM). Die in Eugene krachend gescheiterte Kristin Pudenz mit 64,25m und Claudine Vita mit der Maßarbeit von 63,51m verdienten sich das große „Q“ (63,50m erforderlich; schafften nur vier), Shanice Craft (62,64m) kam als Gesamtfünfte gut abgesichert weiter. Einen Ritt auf der Rasierklinge absolvierte Mitfavoritin Jorinde van Klinken aus den Niederlanden nach zwei ungültigen Versuchen und dem Befreiungsschlag von 62,18m. Davon hatte sie offenbar einen solchen Adrenalin-Überschuss, dass sie wenig später hinter ihrer Landsfrau Jessica Schilder (20,24m) und der Portugiesin Auriol Dongmo (19,82m) mit 18,94m Dritte im Kugelstoßen wurde.

DLV sollte sich den vorläufigen Medaillenspiegel ausdrucken und einrahmen

Bei der letzten Entscheidung des Abends belegte Konstanze Klosterhalfen in 31:05,21 Minuten den vierten Platz. Und dahin ging der vage Traum einer Bronzemedaille. Dazu hätte sie schon satte 20 Sekunden schneller sein müssen. Es wäre jedoch eine Schublade zu hoch gegriffen von einer ernüchternden Vorstellung zu sprechen. Übrigens: Den vorläufigen Medaillenspiegel sollte sich der DLV ausdrucken, einrahmen und auf die Gästetoilette der Geschäftsstelle in Darmstadt hängen. Den führt nämlich Deutschland mit zwei goldenen und einer silbernen Plakette an.
Alles Ergebnisse der ersten Tages zur Selektion und eigenem Gusto unter diesem Link.

Niklas Kaul und Gina Lückenkemper vergoldeten den "deutschen Tag"

(München/Krefeld, 17. August 2022) Famos, furios, grandios – und setzen wird noch einen drauf: phänomenal. Welch ein Tag „so wunderschön wie heute“ für die deutsche Leichtathletik und das begeistert mitgehende Publikum am Straßenrand und gestern Abend vor gut gefüllten Rängen im Olympiastadion in München mit insgesamt fünfmal Edelmetall. Geher Christopher Linke sorgte für den Auftakt, gewann am Vormittag im Herzen der „Weltstadt mit Herz“ in 2:29,30 Stunden in einer Hitzeschlacht die Silbermedaille über 35 Kilometer. Den dramaturgischen und buchstäblichen Schlusspunkt setzte unter Flutlicht bei der letzten Entscheidung des zweiten Wettkampftages die auch wieder mit ihren Beinen flinke Sprinterin Gina „Nazionale“ Lückenkemper im 100-m-Finale. Die kesse 25-jährige Blondine gewann mit einem Becker-Hecht ohne Tennisschläger in 10,99 Sekunden hauchdünn um 5/1.000 vor der nach zwei Kommastellen zeitgleichen Schweizerin Mujinga Kambundji und der Britin Daryll Neita (11,00) den EM-Titel bei den European Championships Munich 2022. Da ließ es sich für die gebürtige Westfälin verschmerzen, dass sie sich bei dem Sturz Schürfwunden am Bein sowie eine blutende Wunde an der Hand zugezogen hatte und vor der Ehrenrunde mit der Deutschland-Fahne verarztet werden musste.    

Eine unglaubliche Aufholjagd des Mainzers
 
Aber auch was nahezu unmittelbar davor geschah, ist durch die heimische Brille betrachtet ebenfalls reif für das Leichtathletik-Bilderbuch. Der nach acht Disziplinen des Zehnkampfes schier aussichtslos und uneinholbar um 520 (!) Punkte hinter dem Schweizer Sprungwunder Simon Ehammer (8,31m weit, 2,08m hoch und 5,20m stabhoch) zurückliegende Ex-Weltmeister Niklas Kaul (im Bild) krönte sich in einer faszinierenden Aufholjagd letztlich sogar noch deutlich mit 8.545 zu 8.468 Punkten zum „König der Athleten“, wie die Mehrkämpfer aufgrund ihrer Vielseitigkeit im sehr unterschiedlichen Zwei-Tage-Werk mit wenig Nachschlaf dazwischen völlig legitim genannt werden. Der 24-jährige Mainzer öffnete sich mit zwei Disziplin-Siegen von 76,05m im Speerwurf (nie warf ein Zehnkämpfer weiter bei einer EM, er selber bei seinem WM-Gewinn 2019 in Doha mit 79,05m) und der neuen persönlichen Bestzeit von 4:10,04 Minuten im abschließenden 1.500-m-Lauf. Abgerechnet wird halt zum Schluss, kommt es eben stets auf die sehr unterschiedlichen individuellen Möglichkeiten der Athleten an. Nicht zuletzt, ungerührt mit Rückschlägen umgehen zu können. Und die hat praktisch jeder im Programm bei diesem sportlichen Spektakel in zehn Akten.

Achterbahnfahrt der Gefühle von Arthur Abele bei seiner Abschiedsvorstellung

Davon kann der entthronte, inzwischen 36-jährige Titelverteidiger Arthur Abele aus Ulm bei seiner Abschiedsvorstellung ein Lied singen. Aufgrund eines angeblichen Fehlstarts über 110m Hürden wurde er disqualifiziert, durfte jedoch nach erfolgreichem Protest durch den DLV in einem Solorennen unmittelbar im Anschluss an den Diskuswurf den Hürdenwald in Angriff nehmen. Dem entledigte er sich unter der frenetischen Anfeuerung der Zuschauer in 14,50 Sekunden mit Bravour. Letztlich durfte er sich zusammen mit seinem landsmännischen Nachfolger und den 13 weiteren „finishenden“ Kollegen, darunter Kai Kazmirek als Achter (8.151), nach der Achterbahnfahrt der Gefühle feiern lassen. „König“ Arthur verfehlte als i-Tüpfelchen mit 7.662 Punkten den bereits 50 Jahre alten deutschen M35-Rekord (7.713) von Graf Werner von Moltke aus Mainz um 51 Zähler.  

Kristin Pudenz fehlten winzige acht Zentimeter zum Diskus-Titel

Als „Spielverderberin“ an diesem deutschen Abend erwies sich die exaltierte, arrogant rüberkommende Diskuswurf-Diva Sandra Perkovic aus Kroatien auf dem Weg zu ihrem beispiellosen sechsten Titelgewinn in Folge. Dazu musste sich die mit allen Wassern gewaschene routinierte 32-Jährige in einem extrem spannenden Wettbewerb mit ihren beiden deutschen Kontrahentinnen bei lediglich zwei gültigen Versuchen mit einem Vorsprung von acht Zentimetern begnügen. Das ist nicht mal die Hälfte des Durchmessers (18 cm) der 1-Kilo-Scheibe. Kristin Pudenz aus Potsdam übernahm im dritten Durchgang mit 66,93m die Führung vor Perkovic (65,77m) und ihrer Teamkameradin Claudine Vita (65,20m), lag also zunächst auf Goldkurs. Die Kroatin konterte im fünften Versuch mit 67,95m, dem unmittelbar danach die Olympia-Zweite Pudenz die persönliche Bestweite von 67,87m (zuvor 67,10m) folgen ließ. Das Klassement auf den Medaillenrängen war damit festgeschrieben, hatte der finale sechste Durchgang lediglich noch statistische Bedeutung. Sei noch erwähnt, dass  Shanice Craft die Initialzündung nicht für sich zu nutzen vermochte und mit 62,78m Siebente wurde. Dennoch: Mit der Maximalausbeute von drei Athletinnen aus einer Nation im Endkampf, dazu garniert mit zwei Medaillen – das hat was für weitaus bescheiden gewordene deutsche Ansprüche dieser sportlichen Zunft.

Malaika Mihambo überraschte sich und die Fachwelt mit 6,99m

Und was stand noch neben nur am eigenen Leistungsvermögen gemessen vielen enttäuschenden Darbietungen (welch ein Wort dafür) sonst noch auf der Habenseite? Der Deutsch-Amerikaner Sam Parsans belegte mit einer blitzsauberen kämpferischen Vorstellung bis zur Ziellinie einen feinen sechsten Platz über 5.000 Meter in 13:30,38 Minuten. Die von einer Corona-Infektion vermeintlich eingebremste Weitspringerin Malaika Mihambo überraschte sich und die Fachwelt, entledigte sich der Qualifikation am frühen Morgen bei minimaler Balkenberührung mit der Tagesbestweite von 6,99m. Das kleine „q“ nach dem Auffüllmodus verdiente sich Merle Homeier mit 6,49m.
Den morgendlichen Silbergang von Linke rundeten der Fünftplatzierte Jonathan Hilbert (2:32,44) und Carl Dohmann (2:36,52) in dem gewerteten 17-köpfigen Feld ab.  
Alle Resultate des zweiten Wettkampftages. Durch eine veritable und fatale technische Panne konnte dieser Beitrag erst stark verspätet um 11 statt 9 Uhr eingestellt werden. 

DLV-Gefasel: Herzstück wird Olympiastadion zum Beben bringen

Kolumne

Moment mal

(München/Darmstadt/Krefeld, 15. August 2022)
Nun gehen sie heute an „Maria Himmelfahrt“  (Feiertag in Teilen Bayerns) innerhalb der neun Finals bei den European Championships Munich 2022 endlich los: Die Leichtathletik-Wettbewerbe der kurz EM genannten kontinentalen Titelkämpfe. Der plump-dreiste Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat sie in der ihm eigenen Bescheidenheit und Zurückhaltung kurzerhand als „das Herzstück“ dieses größten multiplen Sportereignis auf deutschem Boden seit den Olympischen Spielen 1972 an selber Stelle ausgerufen und das alt-ehrwürdige Olympiastadion würde nicht weniger als zum Beben gebracht. Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner? Klar, bis auf die stärkste europäische Nation Russland in der vermeintlichen olympischen Kernsportart wird der Großteil der Elite vom so geheißenen alten Kontinent am Start sein und sich auch ein internationales Publikum aus aller Herren Länder in der bayerischen Metropole ein Stelldichein geben. Nicht zuletzt wegen der acht anderen Finals in äußerst attraktiven Sportarten.

303.900 Zuschauer von der EM 2002 sind die extrem hohe Messlatte

Bei der Mixed-Staffel im Triathlon gestern Abend säumten Zuschauermassen jenseits der 100.000 den Rundkurs im Olympiapark und sorgten für eine stimmungsvolle, mitgehende und die Hauptdarsteller mitreißende Kulisse. Gänsehaut-Atmosphäre für alle Beteiligten am Rand und auf der Strecke. Nicht allein wegen des Fassungsvermögens der Zeltdach-Arena (69.250) ist eine solche Party schwerlich vorstellbar: 1. München ist zunächst einmal Fußball und nicht die klassische Leichtathletik-Stadt, fand hier zuletzt als größeres Ereignis 2002 die EM statt, da allerdings mit 303.900 Zuschauern an sechs Tagen (das ist die extrem hohe Messlatte),  und 2. hat diese Sportart eingedenk des in Spitze und Breite stark gesunkenen Leistungsvermögens seiner Asse in Deutschland nicht mehr den einstigen Stellenwert beim sportinteressierten Zuschauer. Sowohl live vor Ort, als auch vor dem Bildschirm bei Live-Übertragungen im Fernsehen oder Internet-Stream. Die DM-Finals 2022 mit gar 14 Sportarten Ende Juni in Berlin geben davon ein beredtes Zeugnis, herrschte im weiten Rund des dortigen Olympiastadions überwiegend gähnende Leere und eine mäßige Einschaltquote.
Doch lassen wir das Unken, sondern uns vielmehr überraschen. Auch vom Abschneiden der 112-köpfigen männlichen und weiblichen deutschen Nationalmannschaft. Doch da lege ich mich fest: Das Wunschkonzert von DLV-Präsident Jürgen Kessing mit einer zweistelligen Medaillenausbeute wird nicht in Erfüllung gehen. Möge es zumindest kein Himmelfahrtskommando mit Pleiten, Pech und Pannen werden wie bei der WM in Eugene.
(Alle weiteren Informationen für Enthusiasten unter european-athletics.com und leichtathletik.de)