Robert Harting King im Ring und "respektlose Zirkusnummer" um Bolt

(Zürich/Krefeld, 14. August 2014)  Auf ihn trafen alle Attribute gleichermaßen zu wie tags zuvor auf Kugelstoßer David Storl (*1990) aus Chemnitz. Freilich noch einen Tick ausgeprägter, da seine Erfolgsbilanz aufgrund seines Alters und der damit verbundenen längeren Zugehörigkeit zur Creme de la Creme noch imposanter ist. Dazu kamen widrige Bedingungen mit Zeitplan-Verschiebungen, endlosen Wartezeiten, chaotischen Wetterbedingungen (Kühle, Regen, in trockenen Phasen böiger Wind) und offenbar überforderten Organisatoren. Manche Medaillenhoffnungen zerschellten daran. Nicht die von Dreifach-Weltmeister, Olympiasieger und Titelverteidiger Robert Harting (*1994) vom SCC Berlin. Der noch 29-Jährige war Herr der Lage und der King im Diskus-Ring. Trotz all dieser Unbilden setzte sich der Berliner mit der kessen Schnauze am späten gestrigen Abend von der Tagesbestweite (66,07 m) letztlich souverän bei der EM durch. Diesmal verzichtete der „Zerreiß-Wolf“ jedoch auf sein Ritual nach Art des Sankt Martin das Leibchen zu (zer-)teilen. Was zum wiederholten Male auch nicht mehr sehr originell gewesen wäre. Dennoch wusste sich der extrovertierte Berliner medial gekonnt vor laufenden Kameras und gezückten Fotoapparaten in Szene zu setzen. Ein Typ mit Ecken und Kanten halt, wovon es nicht allzu viele gibt.
Sein körperlich fülliger wirkende, vermeintlich größter Widersacher Piotr Malchachwoski (*1983) aus Polen schrumpfte eingedenk der schwierigen Voraussetzungen derweil zum Zwerg, musste mit für ihn unterdurchschnittlichen 63,54 m und der Holzmedaille vorlieb nehmen. Ausgerechnet sein jüngerer Landsmann Robert Urbaniak (*1987), der Vorname verpflichtet eben, schnappte ihm um 27 Zentimeter Bronze weg. Mit Gert Kanter (*1979) aus Estland durfte sich ein „Oldie“ aus der M 35 im mutmaßlichen Duell der Giganten Harting vs. Malachowski ziemlich unverhofft über Silber (64,75 m) freuen. Martin Wierig aus Magdeburg, der in dieser Saison immerhin Harting einmal bezwingen konnte, wird sich angesichts der Medaillenränge zwei und drei vermutlich ein Monogramm in den Allerwertesten beißen, mit mäßigen 60,82 m (Elfter) im Vorkampf hängen geblieben zu sein. Eine große Chance auf Edelmettal verpasst. Ärgerlich! Für keinen mehr als ihn selber.
Abgesehen vom Wetter, wofür keiner etwas kann, wurde auch der zweite Wettkampftag von Falschmessungen, Fehlentscheidungen, organisatorischen Pannen und hausgemacht schwachem Besuch bei extrem hohen Eintrittspreisen überschattet. Der Gipfel der Unverschämtheit, dass die zum Semifinale startbereiten 800-m-Läufer wegen eines völlig belanglosen und sinnfreien Innenraum-Interviews mit Sprinter Usain (Witz-)Bolt aus Jamaika minutenlang buchstäblich kalt gestellt wurden. Was haben sich die Verantwortlichen bloß dabei gedacht? Nichts! EUROSPORT-Reporter Sigi Heinrich bezeichnete es völlig treffend als „respektlose Zirkusnummer“.
Gerd Kanter wird im Porträt der Ergebnisübersicht als Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur dargestellt. Ebenfalls peinlich!  

David Storl wurde seiner Favoritenrolle souverän gerecht

(Zürich/Krefeld, 13. August 2014) Wenn nicht er, wer sonst? Es gibt sicherlich unangenehmere Vor- und Aufgaben, als von der Fachwelt zum einsamen Favoriten proklamiert zu werden, der den Titel auf dem Tablett serviert bekommt und ihn sich „nur“ noch abholen muss. Das tat er dann auch, der Kugelstoßer David Storl vom LAC Erdgas Chemnitz aus dem Sachsenlande. Aber der Druck, der da von innen und außen auf ihm lastete, war immens. Als Selbstverständlichkeit sollte es nicht angesehen werden, dass der 24-jährige Koloss all dem standhielt und gestern Abend im legendären Letzigrund in Zürich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften seinen Titel verteidigte. Wieder einmal. Nun ist „Storli“ also im doppelten Doppelpack Europa- und Weltmeister, dazu Olympiazweiter. Halten wir inne und vergegenwärtigen uns – der Mann ist gerade einmal 24 Jahre jung,  geboren schon als Bundesbürger am 27. Juli 1990 im sächsischen Rochlitz. Die deutsche Nationalhymne, die für ihn bei seinen vielen internationalen Erfolgen, Junioren eingeschlossen, schon so eine Art Evergreen ist, scheint ihn nicht sonderlich zu begeistern. Mit stoischer Ruhe und Gelassenheit, fast teilnahmslos, nahm er das Zeremoniell hin. Eben irgendwie doch schon Routine. Nur die Scherzchen vor- und nachher mit dem diesmal drittplazierten Doppel-Olympiasieger Tomasz Majewski (*1981) aus Polen ließ ein gewisse Freude über das Erreichte durchblitzen.
Die Messe im Wettkampf selber war schnell gelesen. Für die Konkurrenz, aber auch ihn selber. Der Schützling von Bundes- und Heimtrainer Sven Lang legte gleich zum Auftakt 21,41 m vor. Und das, mit Rücksicht auf die im Abschlusstraining in Kienbaum erlittene Rückenverletzung, mit einem Sicherheitsstoß aus dem Stütz. Für die zunächst elf Gegner mehr als genug, für ihn nicht. Danach versuchte er es mit der Brechstange und verlor dabei seine technische Linie, wie er es selbst analysierte. Obwohl 21,41 m alles andere als ein Pappenstiel sind, hat vielleicht die verfehlte größere Weite seine Freude ein wenig getrübt. Die große Werfer-Familie hat er jedoch einmal mehr begeistert. Und ein Ende ist bei seinen überragenden Möglichkeiten, seiner Entschlossenheit und Zielstrebigkeit glücklicherweise nicht abzusehen. Der ist noch nicht einmal im besten Stoßer-/Werfer-Alter. - Ergebnisübersicht

Titelverteidiger David Storl geht bei EM als klarer Favorit in den Ring

(Zürich/Krefeld, 11. August 2014)  Es geht aus Werfersicht zum morgigen Auftakt (10 Uhr) der 22.Europameisterschaften der Männer/Frauen im legendären Stadion Letzigrund in Zürich (Schweiz) gleich richtig los. Der Zeitplan will es so, dass kein Geringerer als Kugelstoß-Koloss David Storl (*1990) vom LAC Erdgas Chemnitz als Eisbrecher für das mit großen Erwartungen in der Alpenrepublik an den Start gehende 92-köpfige deutsche Team fungieren wird. Der Doppel-Weltmeister ist als Titelverteidiger, der zudem die europäische Jahresbestenliste mit 21,97 m ziemlich deutlich anführt, der klare Favorit der 25 gemeldeten Kugelstoßer. Außer dem 24-jährigen Sachsen überboten lediglich vier weitere Recken die 21-Meter-Marke. Der Russe Aleksandr Lesnoy (*1988) liegt mit 21,40 m vor der „Alt-Herren-Riege“ mit Borja Vivas (*1984, 21,07 m) aus Spanien, Doppel-Olympiasieger Tomasz Majewski (*1981; 21,04 m) aus Polen und Marco Fortas (*1982; 21,01 m) aus Portugal. Dieses Quintett sollte nach der so genannten Papierform Titel und Medaillen morgen Abend ab 19:34 Uhr (die Schweizer nehmen es ganz genau und werden es sicher auch pünktlich einhalten) unter sich ausmachen. Doch vor der Kür steht wie immer die Pflicht, die in zwei Gruppen ab 10:04 Uhr die zwölf Besten für den Vorkampf des abendlichen Finales ausfiltert.
Nun, liebe wahren Fachleute, noch eine gute Nachricht: Wer bei den unsäglichen, lauflastigen Dampfplauderern vom ZDF, die allerdings den verletzten Zehnkämpfer Michael Schrader als Experten an ihrer Seite haben, Ohren- und Kopfschmerzen bekommt, dem steht alternativ der Spartensender EUROSPORT zur Verfügung. Beide übertragen live: ZDF 10 – 14 und 18 – 20.35 Uhr, unterbrochen von Nachrichtensendungen; EUROSPORT 10 – 14 und 17 – 21.30 Uhr.
Alle aktuellen Informationen im Netz unter www.zuerich2014.com und www.leichtathletik.de

Sportsch(l)au: Nicht Ausdauer- oder Krafttraining - beides ist wichtig

(Köln/Krefeld, 12. August 2014) Es kursieren eine Menge Sportirrtümer, die so lange kolportiert und transportiert werden, dass sie irgendwann Mythenstatus erlangen, also für bare Münze genommen werden. Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse (im Bild) von der Deutschen Sporthochschule Köln, früherer Klasse-Sprinter beim einstmals ruhmreichen ASV Köln, nimmt sich derartiger Vorurteile im WDR2-Hörfunk und ARD-Morgenmagazin unter der Rubrik „Sportsch(l)au“ an. Mit seiner freundlichen Genehmigung werden wir in loser Folge diese Beiträge veröffentlichen, wobei wir aus Platzgründen gelegentlich den Sinn wahrende Kürzungen vornehmen. Das ist nunmehr das 55. Kapitel zu diesem Themenkomplex. A.H.
Muskel- oder Krafttraining in so genannten „Muckibuden“ wird nach wie vor als die Trainingsmethode der Pumper und Bodybuilder abgetan. Besonders Frauen befürchten zudem, dass allein der Anblick von Gewichten ihre Proportionen durch übermäßige Muskelberge aus den Fugen geraten ließe. Im Gegenzug dazu wird Ausdauersport meist als die Bewegung überhaupt propagiert. Sei es, wenn es um das Thema Abnehmen oder auch um die Vorbeugung typischer Zivilisationskrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Beschwerden, Stoffwechselstörungen, Diabetes mellitus und Ähnliches geht. Wer joggt, ist also der wahre Gesundheitssportler!
Der durchweg positive gesundheitliche Nutzen des Krafttrainings findet leider aufgrund vieler falscher Klischees immer noch nicht genügend Anerkennung. So ist mittlerweile bewiesen, dass ausreichend  intensive Gewichtsbelastungen zu einer Verbesserung der Knochendichte und somit einer Prävention gegen Osteoporose verhelfen können. Ausdauersport bringt da fast gar nichts! Nicht anders sieht es mit dem Erhalt der Muskelmasse aus, die ab dem 25. bis 30. Lebensjahr um etwa ein Prozent pro anno abnimmt, sofern keine ausreichende Beanspruchung der Muskulatur mehr stattfindet. Ferner zeigen Studien aus der Gehirnforschung, dass Muskeln als „Motor unseres Gehirns“ angesehen werden können.
Fazit: Nicht Kraft- oder Ausdauertraining – beides ist wichtig und ergänzt sich bestens. Denn eine gesteigerte Ausdauerleistungsfähigkeit führt zu einem längeren Durchhaltevermögen bei mittelschweren Kraftanstrengungen. Andererseits unterstützt eine erhöhte Muskelmasse unter anderem effizient die Fettverbrennung beziehungsweise die allgemeine Ökonomisierung des Stoffwechsels und schützt außerdem die Gelenke bei längeren Beanspruchungen. Täglich etwas für seine Muskeln zu tun sollte daher zur Routine werden.

Es gibt kein größeres Leid, als das der Mensch sich selbst andeit

Kolumne

Das Wort am Sonntag

(Krefeld, 10 . August 2014)
Wichtigstes Informationsinstrument zu den 19. Senioren-Europameisterschaften vom 22. bis 31. August 2014 in Izmir (Türkei) ist die herunter tickende Uhr auf der Netzseite des Lokalen Organisationskomitees (LOC). Jetzt sind es noch 11 Tage, xx Stunden und xx Minuten. Ansonsten ist der Nachrichtenfluss eher dürftig bis überhaupt nicht vorhanden. Werten wir es mal als positives Zeichen, öffnen gleichwohl eine allseits verpönte Baustelle zu derlei Titelkämpfen internationaler Machart. Manche/r müsste bei kontinentalen und globalen Meisterschaften vor sich selber geschützt werden. Denn die jeweils federführenden Dachverbände EVAA und WMA schauen seit Jahren tatenlos zu. Getreu der Devise „Süßer die Kassen nie klingeln“ tritt die körperliche Unversehrtheit der Aktiven in  den Hintergrund. Und das bei den zu erwartenden Temperaturen. Die pflegen in Izmir im Durchschnitt jenseits von 32 Grad zu liegen. Im Schatten, wohl gemerkt. Den gibt es allerdings im Sommer bei Wettkämpfen unter freiem Himmel nicht. Kurzum: in der Sonne wird es brüllend heiß.
Geradezu unverantwortlich, was da in der normenfreien Zone EM/WM so alles getrieben wird. Sich zu spezialisieren ist augenscheinlich etwas für Feig- und Schwächlinge. Hoch lebe der/die Alleskönner/in. Jede sich bietende „Marktlücke“ wird gnadenlos (aus-)genutzt. Davon machen die Germanen/innen, gerne auch fortgeschrittenen Semesters („Was schert mich meine Restlaufzeit“), keine Ausnahme. Dies offenbart ein kühner Blick in die Meldeliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Als Starter in einer Spezialdisziplin fällt man(n)/frau unter Exot, kann sich quasi für Eintritt im Zirkus bestaunen lassen. Fünf, sechs Starts sind keine Seltenheit, häufig in Verbindung mit Mehrkämpfen. Abenteuerlich dabei teilweise die Zusammenstellung, die keinerlei disziplinäre Verwandtschaft mehr erkennen lassen.
Den Vogel bei den Seniorinnen schießt Ingrid Holzknecht (W 70) von der LG Elmshorn, eine durchaus renommierte Werferin, mit sieben Wettbewerben, darunter den Wurf-Fünfkampf oder Werfer-Fünfkampf, wie es der DLV fälschlicherweise nennt (es wird ausschließlich mit Geräten, nicht Personen geworfen). Von der gleichermaßen bescheuerten Bezeichnung Gewichtswurf hat sich der Verband erfreulicherweise verabschiedet.
Durchweg gesitteter, sprich: sparsamer, geht es bei den Senioren zu. Selbst der weithin bekannte Titel- und Medaillen-Moloch Guido Müller (M 75) vom TSV Vaterstetten kommt, ohne Staffeln, "lediglich" auf fünf Starts. Spitzenreiter ist Klaus Heidinger (M 75) vom TB Emmendingen, der sich sechs Solowettbewerbe und den Zehnkampf aufbürden will. Das nächst strammste Programm hat sich Reiner Görtz (M 70) aufgehalst, der wie einige andere sechsmal gemeldet hat, darunter jedoch den Wurf-Fünfkampf und Zehnkampf. Das sind per Saldo sage und schreibe 20 (in Worten: zwanzig) Disziplinen. Obendrein mit mehreren Versuchen und Fehlversuchen (Hoch und Stabhoch). Die Hochrechnung verweigere ich jetzt.
Dazu fallen mir spontan die sarkastischen Sprüche „Sport ist Mord“ und „Sport treiben oder gesund bleiben“ ein. Ergänzend ließe sich hinzufügen: „Es gibt kein größeres Leid, als das der Mensch sich selbst andeit.“ Ganz nebenbei bemerkt auch eine Frage des Geldes. Da kommt bei den horrenden Preisen sehr zur Freude des LOC nämlich ein erkleckliches Sümmchen an Startgeldern zusammen. Ganz zu schweigen von allen anderen Nebengeräuschen. Aber was soll der Geiz? Schlussendlich hat das letzte Hemd keine Taschen.
In diesem Sinne einen schönen (Rest-)Sonntag und eine schaffensreiche neue Woche!