Senioren-EM in "türkischer Sauna" wirft ihre Schatten voraus

(Izmir/Krefeld, 20. August 2014)  Ob nun eine Laune des Zufalls oder Dramaturgie der Terminplaner (schwerlich vorstellbar) – wenige Tage nach den Europameisterschaften der Männer/Frauen in Zürich beginnen alsbald auch für die „ewigen Talente“ ab M/W 35 die kontinentalen Titelkämpfe im brüllend heißen türkischen Izmir (22. – 31. August). Erwarte allerdings bitte keiner von uns, dass wir an dieser Stelle ein Minderheitenprogramm für die statistisch gesehen rund 200 deutschen Starter/innen, die übliche Ausfallquote von 25 Prozent bereits abgezogen, zelebrieren und in epischer Breite irgendwelche Regularien veröffentlichen. Das werden sie als mündige, des Lesens mächtige gestandene Aktive schon selber mit dem Athleten-Handbuch auf der Verbandsnetzseite hinbekommen. Gleichwohl werden wir für die viel größere Zahl der Daheimbleibenden von den Titelkämpfen berichten. Denn aus der Fernsicht wird sie das eine oder andere sicherlich interessieren. Und sei es, die Bestätigung zu erhalten, alles richtig gemacht zu haben zu Hause geblieben oder bei angenehmeren Temperaturen in wirklichen Urlaub gefahren zu sein. Lampis ist redaktionell nicht in Izmir vertreten, erhält jedoch von etlichen Mitgliedern vor Ort unverfälschte  Informationen aus dem „Nähkästchen“. Die ersten sind bereits eingetrudelt und werden im Laufe des Tages im Fenster „Flurfunk“ nachzulesen sein.

Enttäuschende Bilanz des deutschen Teams bei der EM

Kommentar

Unter uns gesagt

(Zürich/Krefeld, 19. August 2014)
Erwartungsgemäß rauschte es gestern im analogen und digitalen Blätterwald zum Abschneiden der Deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft bei den Sonntag zu Ende gegangenen Europameisterschaften der Männer/Frauen im (einstmals?) legendären Letzigrund in Zürich (Schweiz). Die angesehene und häufig zitierte Rheinische Post titelte „Schwächste EM-Bilanz seit Wiedervereinigung“. Dabei hatten hoffnungslos optimistische Tagträumer des Verbandes prognostiziert, das bislang beste Ergebnis von der EM 2002 in München noch toppen zu können. 20 Plaketten sollten es schon werden. Da hat sich wohl mancher von den acht Einzelsiegen bei der Team-EM in Braunschweig (ver-)blenden lassen und geflissentlich übersehen, dass die großen Nationen teilweise nur ihre zweite Garnitur aufboten. Denn nun wurde umgekehrt ein Sportschuh daraus, weist der Medaillenspiegel Deutschland (vier Goldene) denkbar knapp vor den zunächst noch stärker schwächelden Russen und dem „Zwerg“ Niederlande (je drei) klar hinter Großbritannien (zwölf) und Frankreich (9) als Drittplazierten aus. Selbst der als offizielles Ziel ausgegebenen dritte Platz in der Nationenwertung, der die Ränge eins bis acht in den einzelnen Disziplinen berücksichtigt, wurde verfehlt. Den nimmt Russland ein, das auch insgesamt fast dreimal so viele Medaillen (22 zu 8) gewann. Das ist halt der Schwachsinn an dieser Art eine Rechnung aufzustellen: Am Golde hängt, zum Golde drängt alles.

Werfer holten einmal mehr Kastanien aus dem Feuer

Obwohl auch bei den Werfern längst nicht alle Blütenträumen reiften, Martin Wierig, Betty Heidler, die beiden Speerwerfer Andreas Hofmann und Thomas Röhler restlos enttäuschten, waren es einmal mehr die üblichen Verdächtigen, die die leicht verkokelten Kastanien aus dem Feuer holten. David Storl, Robert Harting (beide Gold), Linda Stahl, Shanice Kraft (beide Bronze) und Christina Schwanitz (Gold) sammelten in dieser Reihenfolge fünf der in Summe acht Medaillen. Ein wenig aufgehübscht wurde die per Saldo dürftige Edelmetall-Bilanz vom völlig überraschenden Erfolg von Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt, dem dritten Platz von Hürdensprinterin Cindy Roleder und den Silberjungs über 4 x 100 Meter. Das war’s. Quo vadis? Wohin gehst du, deutsche Leichtathletik?
Nun war deshalb längst nicht alles schlecht und muss die Götterdämmerung ausgerufen werden. Es gab durchaus etliche positive Auftritte, denen die Krönung durch eine Medaille versagt blieb. Das ist eben die Krux, dass in der öffentlichen und veröffentlichten Wahrnehmung der Zweite bereits der erste Verlierer ist und Plätze zwischen vier und acht schon nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Logischerweise können wir an dieser Stelle nicht Plus und Minus aller 92 deutschen Teilnehmer beleuchten. Noch weniger ist es unsere Aufgabe, uns die Köpfe hoch bezahlter Sportdirektoren, Chef- und Bundestrainer zu zerbrechen. Doch der Stein des Weisen war es sicherlicht nicht, die Deutschen Meisterschaften nur rund zwei Wochen vor den internationalen Saisonhöhepunkt zu terminieren. Da mussten auf der letzten Rille noch hausgemacht höhere Normen erfüllt werden, wirkten viele zur Stunde X ausgebrannt, saft- und kraftlos. Von taktischem Fehlverhalten und mutlosem Agieren ganz zu schweigen.

Mehr Schweizer Käse als viel gerühmte Präzision

Bestes Gegenbeispiel waren die aus einer aktiven Erholungsphase ohne Wettkampfstress relativ kurz zuvor an den Start gehenden Mehrkämpfer/innen, die nahezu ausnahmslos einen prima Eindruck hinterließen. Wenn andere besser sind, ist dagegen nun einmal kein eigenes Kraut gewachsen. Dabei ist noch ins Kalkül zu ziehen, dass sich Claudia Rath im abschließenden 800-m-Lauf für ihre auf Medaillenkurs liegende junge Team- und Klubkameradin Carolin Schäfer als Zugmaschine opferte, die dennoch Bronze um 28 Punkte verpasste.
Natürlich müssen wir in einer Replik über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Die Organisation war im Paket gesehen salopp formuliert „unter aller Sau“. Da haben sich die für ihre Präzision gerühmten Schweizer ein Armutszeugnis ohnegleichen ausgestellt. Aber sind ja auch berühmt für den Käse mit den vielen Löchern. Das traf es dann schon eher. Jetzt wissen sie es auch, dass zwischen der Ausrichtung eines Abendsportfestes von Weltruf und einer Sechs-Tage-Veranstaltung ein Riesenunterschied liegt.
Ob der Sagen umwobene Letzigrund damit gleich seinen Nimbus verloren hat, sei einmal dahin gestellt. Das Bild von der heilen deutschen Leichtathletik hat jedenfalls erhebliche Risse bekommen. Da hilft kein pudern und kein schminken. Aber beim DLV werden sie es schon irgendwie schön reden. Darin sind sie nämlich unschlagbar.

Start der Deutschen Sportlotterie musste erneut verschoben werden

(Krefeld, 16. August 2014)  Es hakt und klemmt bei der von Diskuswurf-Allesgewinner Robert Harting vom SCC Berlin mit initiierten Deutschen Sportlotterie (DSL), die in der repräsentativen Villa Haus Schönhausen im edlen Krefelder Stadtteil Bockum gegenüber dem Zoo ihren Sitz haben wird. Wie der geschäftsführende Gesellschafter und erfolgreiche Unternehmer Gerald Wagener gegenüber der örtlichen Presse erklärte, muss der für September geplante Start nunmehr auf Ende November verschoben werden. Diese Meldung waberte durch die Medienlandschaft und schwappte bis zur EM nach Zürich herüber, wo Harting in Interviews damit konfrontiert wurde. Der 29-jährige „Goldhamster“ zeigte sich bestens informiert und präpariert, kennt den Grund für die neuerliche Hinauszögerung. Der da wäre: Obwohl der Antrag bei der Bezirksregierung Düsseldorf werberische Maßnahmen für die Lotterie durchführen zu dürfen bereits seit März vorläge, wurde bislang die Genehmigung dafür noch nicht erteilt. Dazu bedürfe die Werbeerlaubnis obendrein der Zustimmung des Glücksspielkollegiums. „Ohne Werbung macht es wenig Sinn an den Start zu gehen“, erklärten Wagener und Harting unisono zeitversetzt an verschiedenen Orten.
Bleibt also zu hoffen, dass es sich um die letzte Hiobsbotschaft handelte und die DSL demnächst ihrem plakativen Wahlspruch „Wir machen Sieger und Gewinner!“ gerecht werden kann.

Polnisches Schwabbel-Wabbel-Tänzchen stellte Ästheten auf harte Probe

Kolumne

Das Wort am Sonntag

(Krefeld, 17 . August 2014)
Vergegenwärtigen wir uns genüsslich und in sonntäglicher Andacht, dass die kernigste aller olympischen Kernsportarten mit L e i c h t A t h l e t i k bezeichnet wird. Leicht lässt sich verschiedenartig interpretieren. Mit der Leichtigkeit des Seins und Tuns oder Leichtgewichtigkeit von rank und schlank. Letzteres ist schwerlich durchzuhalten in Hinblick auf Stoß und Wurf. Aber Athletik im Sinne einer austrainierten, gut definierten Figur mit vertretbarem Körperfettanteil sollte bei Professionals mit ausgeklügelten Trainings- und Ernährungsplänen, wie sie noch bis heute Nachmittag bei den Europameisterschaften im Züricher Letzigrund zu bewundern sind, schon im Spiel sein. Nun erwartet natürlich kein Fachmann allen Ernstes, dass bei den werfenden Mädels, ähnlich dem Sprint, Sprung und Siebenkampf, die wohl geformten Topmodels mit Laufstegqualitäten für Heidi Klums nächste Fernsehshow ihre Werbebotschaft abgeben.
Gleichwohl war - um im Bilde zu bleiben - das gebotene Kontrastprogramm beim Hammerwurf der Frauen schon gewaltig. Da blieb von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter die auch optischen Hingucker Kathrin Klaas, Betty Heidler und die Slowakin Martina Hrasnova, die Athletik gehörig auf der Strecke. Bei einigen, selbst im Medaillenbereich, war verdammt viel träge Masse zu beschleunigen. Unter dicken Fettschichten und großen „Rettungsringen“ um die Hüften waren die verborgenen Muskelfasern nicht einmal zu erahnen. Umso erstaunlicher die dargebotenen Leistungen. Die quasi im Superschwergewicht antretende Anita Wlodarczyk aus Polen gewann bei denkbar ungünstigen äußeren Bedingungen mit Weltjahresbestleistung, Landes- und Championship Record von 78,76 m, verfehlte Heidlers Weltrekord lediglich um 66 Zentimeter. Holla!  Mindestens genau so erstaunlich ihre noch knubbeligere, untersetzte Landsfrau Joanna Fiodorow (73,67 m), die im finalen Versuch der Frankfurterin Klaas (72,89 m) die schon sicher geglaubte Bronzemedaille wegschnappte. Irgendein TV-Reporter bezeichnete die drittplazierte Polin als Wonneproppen. Proppen schon. Exakt 1,68 "Kubikmeter" (quadratisch, praktisch, gut), bei angeblich nur 77 Kilogramm. Indes von Wonne keine Spur. Dass die beiden fettleibigen polnischen „Dragoner-Stuten“ nach getanem Medaillenwerk ihren Erfolg zusammen ausgelassen feierten, ist selbstverständlich vollkommen legitim. Doch bekennende Ästheten im Stadion und den Bildschirmen daheim im Pantoffelkino wurden bei deren Schwabbel-Wabbel-Tänzchen mit gefühlten 210 Kilogramm Gesamtgewicht (offizielle Version 171 kg) auf eine harte Probe bis hin zum gerade noch unterdrückten Brechreiz gestellt. Wie ich mittlerweile aus vielen Gesprächen mit Freunden, Bekannten und Sportkameraden weiß, erging es mir nicht alleine so.
Noch ein paar Takte zum von mir verpönten Modewort „Körpersprache“. Die Kommentatoren dieser Fernseh-Welt betätigen sich neuerdings als Wesentaschen-Psychologen und wollen daraus alles Mögliche von entspannt und locker bis verkrampft und verunsichert ablesen. Dass zumindest der Gesichtsausdruck auch die pure Konzentration vermitteln könnte, darauf sind sie nicht gekommen. Allerdings muss ich schon zugeben, dass ich an der ganzen Körpersprache von Betty Heidler nichts Positives zu entdecken vermochte. Die tomatenblonde 30-Jährige schlich wie ein Häufchen Elend in den Ring, wirkte ohne jedes Selbstvertrauen, Mumm und Pep. So warf sie dann auch. Dass sie nicht beliebig alle Tage in die Nähe ihres Weltrekorders von 79,42 m kommen kann, schon gar nicht bei dem Sauwetter zu fortgeschrittener Abendstunde, darf keiner ernsthaft erwarten. Aber jene 72,39 m (Fünfte) und die neuerlicher Niederlage gegen ihre Klubkameradin kamen für eine Mitfavoritin einem Offenbarungseid gleich.
In diesem Sinne noch einen geruhsamen Sonntag, ein paar ansehnliche(re) Menschen beim heutigen Kehraus dieser in vielen Belangen Seuchen-EM in der Alpenrepublik (wo ist sie bloß geblieben, die oft gepriesene Schweizer Präzision?) und eine schönere kommende Woche, als die vergangene es aus stark getrübter deutscher Leichtathletik-Sicht war!

Für Schwanitz & Co. stehen die Qualifikationen mit Kugel und Diskus an

(Zürich/Krefeld, 15. August 2014)  Einmal abgesehen davon, dass heute vor 47 Jahren meine Tochter Vera geboren wurde, hat der oben genannte Tag für Millionen Menschen eine besondere Bedeutung. Für die Italiener ist es der Ferragosto, der älteste in Europa immer noch begangene Feiertag. Er kennzeichnet den Mittelpunkt der Ferienzeit. Da herrscht von oben in Südtirol bis in die Stiefelspitze und den dazu gehörigen Inseln eine Art Ausnahmezustand. Darüber hinaus wird er in vielen christlichen Staaten und auch Teilen hier zu Lande als Mariä Himmelfahrt gefeiert. Das eine wie das andere wird für die heutigen Protagonisten bei den Leichtathletik-Europameisterschaften der Männer und Frauen indes allenfalls zu einer Randnotiz verkümmern, so sie überhaupt daran denken. Gleichwohl werden manche hinterher ihren Auftritt als Himmelfahrtskommando verstanden haben. Mögen unsere stoßenden und werfenden Mädels davon verschont bleiben, die gleich zu den Qualifikationen in die verschieden großen Ringe im bislang mäßig gefüllten Stadion Letzigrund gehen. Das sollte allerdings für das Quintett um die Kugel stoßende Vize-Weltmeisterin Christina Schwanitz bei den geforderten Weiten von 17,50 respektive  57,50 m kein allzu großes Problem darstellen. Mit Ausnahme von Drehstoßerin Lena Urbaniak, die schon in den Bereich ihrer Bestleistung von 17,84 m vordringen müsste.