"Leuchtturm-Verband" missachtete einmal mehr eigenes Reglement

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Kolumne

Moment mal

(Mainz/Darmstadt/Sylt/Krefeld, 04. Mai 2021)
Nun bin ich als ehedem kugelstoßender, gleichwohl von der Interessenlage nicht eindimensionaler Sportjournalist weit mehr als 10 Kilometer davon entfernt, die Ergebnisliste von einer Deutschen Meisterschaft der Frauen und U23 im 10.000-m-Lauf bis ins kleinste Detail zu durchforsten. Aber es gibt glücklicherweise oftmals eifrige Kiebitze, die uns für unsere Berichterstattung, persönlichen Erbauung oder Erweiterung des Wissenshorizonts etwas zu zwitschern. Und so haben wir noch einen aus dem Kuriositätenkabinett des hypermodernen Dienstleisters Deutscher Leichtathletik-Verband  (DLV) in Darmstadt mit seinen vermeintlichen Leuchtturmprojekten von selbst verliehener weltweiter Strahlkraft. Diesmal ist es allerdings keine Lachnummer von der Langstrecken-DM in Mainz (siehe Glosse).Eher so vom Ritter von der traurigen Gestalt, die jener DLV mal wieder abgibt.

Einem Phönix aus der Asche gleich

Einem weiblichen Phönix aus der Asche gleich taucht die nicht in der elfköpfigen Meldeliste über 10.000m der Frauen und U23 genannte Sylter Insulanerin Sandra Morchner (*10.04.1971) vom Laufteam Kassel auf. Sie ist auch weder in der DLV-Bestenliste der Frauen, noch in der bei den Seniorinnen W45 in 2020 geführt. Die Norm von 36:00 Minuten kann sie ebenfalls nicht erfüllt haben, denn sie lief als Meisterschaftssiebte von zehn Starterinnen (drei gaben vorzeitig auf) mit 36:04,19 Minuten Saisonbestzeit  (13. von 14 in der Jahresbestenliste 2021).  Kommen wir nunmehr von den vom Verband geforderten Fakten die als Bedingungen lauten einem Bundes- oder Landeskader anzugehören oder Berufssportler/in zu sein und die Norm erfüllt zu haben. Das kann bei einer 50-Jährigen schlankweg in Bausch und Bogen verneint werden. Ein unbeschriebenes Blatt ist sie für Insider der Laufszene jedoch nicht (siehe Sportlerprofil).

Sandra Morchner verbesserte den deutschen W-50-Rekord um 46 Sekunden!

Keine Frage, dass es sich für eine Angehörige der W50 um eine exorbitant gute Zeit handelt, die sie da gerannt ist. Denn sie schaffte, wie zuvor verlautete, ihr Vorhaben, den deutschen Altersklassen-Rekord einer Ausnahmeläuferin, Weltsenioren-Leichtathletin von 2015, mehrfachen Weltrekordlerin und Weltmeisterin wie Silke Schmidt (*1959) von Mettmann-Sport aus dem Jahre 2012 von 36:50,82 Minuten um satte 46 Sekunden zu verbessern. Das ist toll, geradezu phänomenal: Tusch, Applaus, Chapeau!
Aber: Bei der Gelegenheit hätte sie die neue Bestzeit streng genommen nicht aufstellen dürfen. Wobei selbstverständlich nicht ihr der Vorwurf  zu machen ist. Der geht einmal mehr an die Adresse dieser halbherzigen Dachorganisation, die sich nach Gutdünken nicht an ihr eigenes Reglement (siehe oben) hält.

Stetes Messen mit zweierlei Maß ein Ärgernis

Doch wehe ein über jeden Zweifel erhabener Klasse-Senior, kann auch weiblich sein, hat aufgrund von Verletzung oder Krankheit aus dem Vorjahr kein vorzeigbares Ergebnis und will für die Hallen-DM des Folgejahres melden. Dann droht ihm/ihr der Gang nach Canossa mit gefühlt zu beantragenden 25 Sondergenehmigungen bei Krethi und Plethi vom Kreis bis zum Bund aufwärts. Nicht zu vergessen einem Gutachten vom Medizinischen Dienst der Kassenärztlichen Vereinigung. Und genau das ist der Dreh- und Angelpunkt: Dieses stete unsägliche Lavieren des „Darmstädter Komödienstadls“ mit zweierlei Maß in der an sich unbestechlichen Leichtathletik mit inzwischen fast überall üblichem elektronischen Messverfahren und klarem, unmissverständlichen Regelwerk.