Senioren-DM 2016: Viele knappe Entscheidungen bei Stoß und Wurf

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(Erfurt/Krefeld, 16. Februar 2016) Klarer Fall, dass Rekorde nun einmal das Salz in der Suppe sind. Insbesondere wenn sich bei nationalen Titelkämpfen die Elite ein Stelldichein auf hohem Niveau gibt. Aber sie sind in aller Regel schon so hoch angesiedelt, dass sie eh einigen wenigen Spitzenkönnern vorbehalten bleiben. Und beim Winterwurf mit Diskus, Speer und Hammer waren sie aufgrund der herrschenden Bedingungen, je nach Startzeit nur ein paar Grad über Null, bei den Deutschen Senioren-Hallenmeisterschaften plus dem schon erwähnten „Anhängsel“ am vergangenen Samstag/Sonntag in Erfurt ohnehin nicht zu erwarten. Was viel mehr zählt, ist die direkte Auseinandersetzung von Mann gegen Mann sowie Frau versus Frau. Und in dieser Hinsicht gab es sehr viele knappe Entscheidungen um Gold, Silber und Bronze.

Beinahe-Rekord durch Kugelstoßer Andy Dittmar

Einen Beinahe-Rekord gibt es dennoch zu vermelden, an dem auf einer Distanz von jenseits von 18 Metern hauchdünne zwei Zentimeter fehlten. So gut wie nichts. Aber kurz daneben ist eben auch vorbei. Er wird es verschmerzen können, der Koloss aus Thüringen, 1,96 Meter groß, 140 Kilogramm schwer. Ärgerlich wäre es für Kugelstoßer Andy Dittmar (*1974; im Bild) aus dem benachbarten Gotha allerdings gewesen, wenn er bei seinen 18,43m seine Bestmarke von 18,44m in der M40 nicht eine Woche zuvor an gleicher Stelle gestoßen hätte. Wie das? Ganz einfach: die Anlage in der Leichtathletikhalle neben dem Steigerwaldstadion ist streng genommen regelwidrig. Die auf dem Boden liegenden blauen Gymnastikmatten sind per Saldo sieben Zentimeter höher als die Kreisfläche des ebenfalls aufgelegten Ringes. Wo immer die Kugel auch landet, werden einem sieben Zentimeter an Weite geklaut. Hinzu kommt der psychologische Hemmschuh des nun einmal gemeinhin mehr oder weniger visuell gesteuerten „homo sapiens“, nicht nur optisch, sondern wirklich bergauf stoßen zu müssen. Es mag auch andere Erklärungen geben. Aber viele schwache Kugelstoß-Leistungen von zuvor besser eingeschätzten Athleten/innen können auch daher rühren. Die gestrengen Augen der Kommissare für die technische Abnahme wären sicherlich pingeliger gewesen, wenn der Sektor gegenüber dem Kreis sieben Zentimeter niedriger liegen würde.
Selbst der Nachteil focht den guten Andy natürlich in seinem mutmaßlichen „Wohnzimmer“ nicht an. Obwohl auch er einräumt, den „Gymastikraum“, der als bislang finsteres Loch endlich keine Barbeleuchtung mehr hat, nicht zu mögen. Völlig unbeeindruckt von allem legte er mit 18,43m, 18,25m, 18,23m, x, x, 18,07m eine blitzsaubere Serie aufs „Parkett“. Sein O-Ton: „Ich bin absolut zufrieden. Alle gültigen Versuche über 18 Meter. Und der selbst mit artistischem Einsatz nicht abzufangende fünfte Versuch war ein Schübchen weiter als mein deutscher Rekord... Die Form ist da.“ Versteht sich am Rande der Bande, dass der 41-jährige Marketing-Fachmann der AOK plus mit seinen herausragenden Resultaten alle Preise kaputt macht. Bereits der zweitplatzierte Sören Voigt vom TSV Erding folgte mit einem Abstand von exakt vier Metern, die Bandbreite bis zum Letzten des neunköpfigen Feldes umspannt 7,12 Meter. Anders ausgedrückt ein Weltklasse-Ergebnis im Weitsprung der Frauen.
Okay – wären  wir an einem anderen Punkt, der auch für alle anderen Altersklassen und Disziplinen Gültigkeit hat: Schlussendlich misst sich jeder an seinem eigenen Leistungsvermögen. Wobei es Meisterschaften nun einmal zwangsläufig mit sich bringen, dass in Titeln und Medaillen abgerechnet wird. Und der Kreis derer ist überschaubar, die da ein Wörtchen mitreden können. Meist waren es zudem die üblichen Verdächtigen, die vorne lagen. Gelegentliche Überraschungen nicht ausgeschlossen. Alles können wir beim besten Willen einem Börsenbericht gleich bei je vier Disziplinen und elf Klassen bei den Senioren und zehn bei den „reiferen Mädels“ nicht auflisten. Dafür gibt es eine Online-Ergebnisliste, die bei intensiverem Studium die Dramaturgie der Wettbewerbe treffend widerspiegelt.

Ein paar Rosinen aus dem Meisterschaftskuchen

Gleichwohl picken wir uns ein paar Rosinen aus dem riesigen Meisterschaftskuchen heraus. Wurf-Allrounder Norbert Demmel (*1963) vom TSV Unterhaching gewann in der M50 das klassische Double mit Kugel (15,47m) und Diskus (52,35m), erzielte zugleich klassenübergreifend die metrisch beste Leistung mit der Scheibe, übertraf als einziger die 50-Meter-Marke. Wer keine ernsthafte Konkurrenz hat, der macht sie sich halt selber. Die von Lutz Caspers trainierte ZDF-Sportredakteurin Bettina Schardt (*1972) von der MTG Mannheim veranstaltete bei ihren Erfolgen in der W40 mit Diskus und Hammer eine Art Zielwerfen. Es fiel mit 42,16 zu 42,15m knapp zu Gunsten des behandschuhten Gerätes mit Draht und Griff aus. Allemal kurios. Noch ein Caspers-Schützling trumpfte ebenfalls mit dem Hammer auf. Marcel Kunkel (*1972) vom USC Mainz, als Jugendlicher ein 80-Meter-Werfer, gewann die M40 überlegen mit 52,97m. Die inoffizielle All-Star-Wertung musste er allerdings dem neun (!) Jahre jüngeren Peter Huber (*1981) vom LBV Phönix Lübeck überlassen, der als Sieger mit nur einem Gegner in der M35 53,34m warf.

Ein Bruder-Duell mit dem Hammer

Es gibt auch Familiäres zu berichten. Vorneweg ein Duell der „feindlichen“ Brüder mit verschiedenen Vereinen im Hammerwurf der M70. Helmut Dintner (*1946) vom LC Jena entschied es mit 40,91m und einem Vorsprung von sieben Zentimetern gegenüber dem zwei Jahre älteren Rolf Dintner (*1944) vom OSC Berlin für sich. Wilhelm Kratz (*1943) vom TSV Bargteheide lag mit 40,75m in Schlagdistanz zu den beiden. Es war zugleich der Wettbewerb mit dem dichtesten Resultat auf den Medaillenrängen.
Das Werfer-Ehepaar Teodora und Hermann Albrecht von der SpVgg. Satteldorf schürfte dreimal erfolgreich nach Gold. Teodora (*1946) gewann in der W70 mit Kugel (8,99m) und Hammer (29,43m), Hermann (*1940) in der M75 mit dem überhaupt größten Vorsprung von 10,85 Meter seine „Schokoladen-Disziplin“ Hammerwurf (45,74m). Insgesamt erfolgreichste/r Teilnehmer/in der Fraktion Stoß/Wurf war Ingrid Holzknecht (*1940) von der LG Elmshorn. Sie heimste in der W75 die Titel mit Kugel (9,56m), Diskus (26,33m) und Speer (22,60m) ein, wurde dazu Zweite mit dem Hammer (30,24m) hinter der überlegenen Gurdrun Mellmann (*1941) vom SV Lurup Hamburg, die sich mit 35,97 m in die Siegerliste eintragen konnte. Erfolgreichster "Stubenältester" war Richard Rzehak (*1929) vom SC Preußen Erlangen mit einem Doppel-Sieg im Kugelstoßen (9,04m) und Hammerwurf (31,15m) in der M85.
Eine ungewöhnliche Kombination von Disziplinen wählte der bisher hauptsächlich als Diskuswerfer bekannt gewordene Georg Kinadeter (*1946) vom TV Hauzenberg. Oder hatte der Bayer schlicht eine Marktlücke entdeckt? Jedenfalls lag er in der M70 in seiner Paradeübung mit 42,75m vorn und auch im Dreisprung mit 8,92m. Das lässt den Schluss zu, dass seine Knie noch völlig intakt sein müssen, dass sie mit Siebzig noch diese „Knochenbrecher-Disziplin“ aushalten. Seine Generation traut sich ja kaum noch Hockstrecksprünge zu machen.

Sekt oder Selters bei Weitengleichheit

Schließen wir durch die Werfer-Brille betrachtet mit dem knappsten aller knappen Ergebnisse dieser zweitägigen Titelkämpfe in der Landeshauptstadt von Thüringen auf den wieder einmal sauber herausgeputzten Anlagen gleich gegenüber dem Landtag und neben der Gunda-Niemann-Stirnemann-Eishalle (welch ein Bandwurm). Schauplatz Baustelle Steigerwaldstadion, Speerwurf der W60. Jung-Sechzigerin Brigitte Brunner (*1956) von der Troisdorfer LG erzielte im zweiten Durchgang ihre Tagesbestweite von 23,12m, hatte weitere gültige Versuche von 21,84m, 20,18m und 22,00m. Wären es nicht nur fünf Teilnehmerinnen gewesen, hätte Marianne Schuhmacher (*1952) vom CSV Krefeld nach dem Vorkampf ihre Siebensachen packen müssen und den Ort der Handlung zähneknirschend verlassen können. So aber durfte sie fünf „Fahrkarten“ in Serie produzieren, um dann im letzten Durchgang ebenfalls 23,12m zu werfen. Fachleuten stellt sich die Frage nicht, wer den Sektkorken knallen lassen konnte und wer mit Selters vorlieben nehmen musste. Denn B.B.aus T. hatte gleich drei weitere bessere Versuche vorzuweisen.