Ritte und Huchthausen konnten Titel nicht mit Rekorden krönen

(Torun/Krefeld, 28. März 2015) Es sei einmal dahin gestellt, ob es gestern ein schwarzer Freitag für die deutschen Werfer/innen bei den 10.Hallen- und Winterwurf-Europameisterschaften war. Festzuhalten bleibt indes auch eine durchweg geringe deutsche Beteiligung in den jeweiligen Altersklassen beim Kugelstoßen, Diskuswerfen und Gewichtwurf. So muss im einzigen Wettbewerb unter dem Hallendach schon eine Anleihe bei dem in Deutschland wohnhaften und international für sein Geburtsland Kroatien startenden Stipo Knez gemacht werden. Der Drehstoßer mit dem markanten, tinnitusverdächtigen Urschrei beim Ausstoß gewann die M65 mit 12,99m vor Lampisianer Frans de Laat (12,79m) aus den Niederlanden. Beide können wesentlich mehr und haben sich womöglich gegenseitig blockiert. Gemessen an Titeln holte Joachim Bremser aus Bad Schwalbach mit 41,50m im Diskuswurf der M35 die Kastanien, sprich: Goldmedaille, aus dem Feuer.
Die jüngeren bis reiferen Mädels von W35 bis „endlos“ arbeiteten bei regnerischen äußeren Bedingungen den Gewichtwurf ab. Christel Junker entschied die W60 mit 12,82 m für sich. Wie schon beim Hammerwurf führte Gurdrun Mellmann mit 12,05m die rein deutsche Troika auf den drei Medaillenrängen der W70 an und aufs Podest.

Ein Wettkampf ist kein Wunschkonzert


Karten wir noch ein wenig zu den Entscheidungen von Donnerstag nach. Unser VIP-Mitglied Wolfgang Ritte (*1953) aus Moers am Niederrhein zelebrierte einmal mehr den Stabhochsprung, durfte sich dabei der auf ihn gerichteten Kameras des Internet-TV im „Livestream“ sicher sein. Was treibt den Mann überhaupt noch an, der seit seiner nun schon langen Zugehörigkeit zur Altersklasse trotz Konkurrenz praktisch konkurrenzlos ist? Vornehmlich wohl die Lust auf Weltrekorde, von denen er mit dem Stab klassenübergreifend bislang 40 an der Zahl aufgestellt hat. Als seine sieben „Opfer“ bereits mehr oder weniger lange mit ihrer Handwerkskunst am Ende und nur noch staunende Beobachter waren, legte der 62-jährige Modell- und Vorzeigeathlet des SC Bayer 05 Uerdingen erst so richtig los. Üblicherweise begann er ohne sich einzuspringen bei für ihn moderaten 3,50m, die er locker überwand. Was danach kam, ließ jedoch seine sonst an den Wettkampftag gelegte Souveränität stark vermissen. 3,70 im zweiten und 3,90m erst im dritten Anlauf entsprechen weder seinem Anspruch, noch seinem für alle anderen entrückten Leistungsvermögen. Dann schon eher die 4,00 Meter, die er auf Anhieb und mit einem darüber „gebauten Haus“ übersprang. Das nährte die Hoffnung auf eine Verbesserung seines eigenen Weltrekords (4,16m). Doch an den im nächsten Zuge aufgelegen 4,17m scheiterte er dreimal. Das wird auch er sich anders vorgestellt haben, der gerne seine Titel mit einer Bestmarke zu garnieren pflegt(e). Was noch bei den bewegten Bildern auffiel: Ritte trug ein Trikot vom us-amerikanischen DLV-Ausrüstungssponsor mit dem Schriftzug DEUTSCHLAND (Ehrensache, beteiligte er sich doch auch an der Sengida-Aktion), darunter eine Radlerhose von ADIDAS und an den Füßen Spikes ebenfalls mit den weltberühmten drei Streifen. Angesichts dessen durfte nach Herzenlust mit unverhohlener Schadenfreude gefeixt werden.
Dass sich Vorhaben und Wirklichkeit nicht immer beliebig in Einklang bringen lassen, ein Wettkampf eben kein Wunschkonzert darstellt, musste auch Jung-Achtziger Lothar Huchthausen (*12.03.1935) aus Arneburg in der Altmark (Sachsen-Anhalt) erfahren. Der Wurf-Allrounder war nach seinen Ergebnissen von der DM in Erfurt, da noch als nur nationaler M80er, hoch vorgewettet, so ganz "nebenbei" zwei Weltrekorde zu verbessern. Was schon in seiner Paradedisziplin Speerwurf scheiterte, misslang auch im Kugelstoßen (13,58m). Freilich denkbar knapp um lediglich zehn Zentimeter. Allerdings handelt es sich um Jammern auf hohem Niveau. Denn beide Male gewann er deutlich. Das trifft auch auf den Schwaben Roland Heiler (*1938) zu, der innerhalb von acht Stunden den Klassiker mit, in dieser Reihenfolge, Diskus (39,68m) und Kugel (12,54m) für sich zu reklamieren wusste.

„Gassi“ durfte wieder die Polinnen abbusseln
 
Schauen wir noch über den nicht mehr vorhandenen Grenzzaun zu unserem alpenländischen Nachbarn Österreich. Gottfried „Gassi“ Gassenbauer (*1958) aus Wien durfte nach dem Hammerwurf auch als Sieger mit dem Wurfgewicht (18,13m) die auf High-Heels angestelzt kommenden hübschen Polinnen abbusseln. Sein von der Papierform ärgster Widersacher Tom Jensen aus Dänemark hatte sich mit drei ungültigen Versuchen im Vorkampf selber aus dem Sportverkehr gezogen. Dabei hätten für ihn lächerliche 11,11m zum Weiterkommen gereicht.
Damit das hier nicht zum Börsenbericht entartet, sei für den ganz großen Überblick die Online-Ergebnisliste empfohlen.