Belgierin Rachel Hanssens stellte ihren fünften Weltrekord auf

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(Izmir/Krefeld, 31. August 2014) Wo hätte es nach dem von Ausnahmen abgesehen weitestgehend schwachen Niveau in den einzelnen Wurf-Disziplinen in der Vielseitigkeitsübung der Stoßer/Werfer quasi wie vom Himmel gefallen auch plötzlich herkommen sollen. Denn es handelt sich zumeist eh um Spezialisten, egal welcher „Güteklasse“, die sich mal so nebenbei als Möchte-gern-Mehrkämpfer im Wurf-Fünfkampf versuchen. Getreu der Devise: Wer hat immer noch nicht genug, wer will noch mal?  Wirklich komplette Athleten/innen mussten mit der Lupe ausfindig gemacht werden, zumal der in dieser Hinsicht überragende mehrfache aktuelle Weltrekord-Inhaber und vierfache Einzelsieger Arild Busterud (M 65) aus Norwegen wohl auch wegen „Montezumas Rache“ (Durchfall) notgedrungen verzichtete. Es war also durchweg bescheiden, was da gestern und vorgestern zum Abschluss der Wurf-Wettbewerbe dieser alles in allem armseligen 19. Senioren-Europameisterschaften in Izmir geboten wurde. Freilich völlig erwartungsgemäß.

Brite Stephen Whyte ragte heraus

Und diesmal brechen wir unser Wort und orientieren uns bei einer Bewertung zumindest an den Europarekorden, die allerdings häufig zugleich Weltrekord darstellen. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, was jeder leicht selber anhand der Ergebnisliste nachvollziehen kann, war das Resultat vernichtend. Mit Ausnahme der M 50. Da war mit dem Briten Stephen Whyte aber auch der Weltrekordler am Start, der 4.357 Punkt ansammelte und nicht allzu weit unter seiner globalen Bestmarke (4.590) blieb. Da war selbst ein so vielseitiger Werfer wie der Ex-Zehnkämpfer Norbert Demmel aus Unterhaching mit 3.998 Zählern ohne den Hauch einer Chance. Ein Ergebnis jenseits von 4.000 Punkten, gewissermaßen dem Eintritt zur Spitzenklasse in der M 50, versemmelte der Oberbayer mit für ihn unterdurchschnittlichen 14,41 m im Kugelstoßen (SBL 15,87 m).

Zehn Punkte entschieden über Sekt oder Selters

Derweil durfte sich sein Klubkamerad Bernd Hasieber in einer enorm spannenden Auseinandersetzung mit dem Schweden Peter Hackenschmidt über den Titel in der M70 freuen. Winzige zehn Punkte gaben bei 4.082 zu 4.072 den Ausschlag. Bei der Disziplin-Wertung unterlag Hasieber mit 2:3. Seine Erfolge mit Hammer und Wurfgewicht in dem hammerwurflastigen Fünfkampf (Gewichtwurf ist bis auf den kürzeren Draht schließlich nichts anderes) machten unter dem Strich diesen Minimalvorsprung aus.
Völlig daneben lag Lothar Huchthausen von der LG Altmark in Sachsen-Anhalt, der als Dritter in der M75 mit für ihn mäßigen 3.680 Punkten um 49 Zähler den Titel „abschenkte“. Höchstwahrscheinlich war auch er durch den grassierenden Virus körperlich geschwächt. Allein in seiner Paradedisziplin Speerwurf (33,43 m) blieb er rund neun Meter unter seinen großen Möglichkeiten, wo er im Einzelwettbewerb mit 42,68 m Vizemeister geworden war.
Bei unserer Auszeichnung „Touri des Tages“ tobte ein Dreikampf unter drei absoluten Laiendarstellern aus dem Gastgeberland, den Ersan Gurelli aus der M55 mit 1.126 Punkten oder 28,31 Prozent der Siegerleistung (3.977) relativ knapp für sich entschied. Aber auch hier gab es in der normenfreien Zone EM Sporttouristen aus dem früheren Deutschland und nach Lesart des DLV heutigen Germany. Dazu noch im Sommerschlussverkauf zwei preiswerte  Medaillen in jämmerlich besetzten Wettbewerben für Sven Haumacher (2. in der M 35) und Michael Galuska (3. in M 40).

Ein Rekord wie vom anderen Stern

Darauf hätten getrost Wetten in beliebiger Höhe abgeschlossen werden können, dass Rachel Hanssens aus Belgien die W85 hoch überlegen und mit neuem Weltrekord gewinnen würde. Schließlich hatte sie zuvor in den fünf Einzelkonkurrenzen viermal den Weltrekord und einmal den Europarekord verbessert. Und so kam es, wie es kommen musste. Obwohl die Belgierin eingedenk des strammen Programms überall recht klar unter ihren Leistungen in den fünf Einzelwettbewerben blieb, hatte sie auf ihre Dauerrivalin und bisherige Europarekordlerin (4.153) Hilja Bakhoff aus Estland schier unglaubliche 1.233 Punkte Vorsprung. Den zehn Jahre alten Weltrekord (4.211) keiner Geringeren als der im Juni 95-jährig verstorbenen legendären Olga Kotelko aus Kanada steigerte sie auf 4.846 Punkte. Das ist außerirdisch, wie von einem anderen Stern, der ganz normale Wahnsinn! Dahinter verblasst zwangsläufig alles Sonstige in diesem Wettbewerb bei den Seniorinnen, wo noch in viel krasserem Maße gilt, was im Vorspann zu den Senioren konstatiert wurde. Da begab sich, nur ein Beispiel und zum Schutze der Athletin ohne Namensnennung, eine ausgewiesene Kugelstoß-Spezialistin und leidliche Diskuswerferin ans fünfteilige Werk - und kassierte Bronze. Aberwitzig! So manches Edelmetall verkümmerte zum Muster ohne Wert. Von Glanz keine Spur. Aber der Bundesausschuss Senioren poliert weiterhin eifrig am Medaillenspiegel herum. Geschenkt, die Übung. Den können sie sich in der DLV-Geschäftsstelle in Darmstadt aufs Klo hängen. Doch bitte nicht auf die Gästetoilette! 
Deshalb halten wir den Ball hübsch flach und nennen rein nachrichtlich die deutschen Medaillengewinnerinnen. Dabei sind bereits die Punktzahlen lediglich Schall und Rauch, dienen höchstens der Ernüchterung. W 35 (3 Teilnehmer): 3. Birgit Keller; W 40 (5): 1. Bettina Schardt; W 45: 2. Ellen Weller; W 55 (8): 3.
Carola Petersen; W 60 (6); 2. Claudia Vollert; W 65 (12): 3. Eva Nohl; W 70 (7): 2. Ingrid Holzknecht; W 75 (5): 1. Brunhilde Ponzelar, 2. Brita Kiesheyer; W 80 (3): 1. Christa Winkelmann, 3. Annemarie Scholten.