Gipfeltreffen der drei Weltbesten 2014 im Hammerwurf der M 55

(Izmir/Krefeld, 27. August 2014) Ein völlig unzumutbarer Wurfring spielte gestern bei der Senioren-EM in Izmir im Hammerwurf der Senioren Zünglein an der Waage. Insbesondere, aber nicht nur in der Altersklasse M55. Die Leidtragenden waren die Filigrantechniker Johann Lindner und Gottfried Gassenbauer (beide Österreich), die beide mit den Gegebenheiten überhaupt nicht zu recht kamen, jeweils fünf Fehlversuche fabrizierten und deutlich unter ihren großen Möglichkeiten blieben. Wobei Lindner wenigstens noch Silber rettete, sein Landsmann nach zwei ungültigen Versuchen schon am Abgrund stand. Gassenbauers im dritten Durchgang produzierter Sicherheitswurf von 49,63m ging letztlich in die Wertung ein und bedeutete Rang vier. Eine herbe Enttäuschung. Bronze war das – realistische – Minimalziel. Und das von „Mister Zuverlässig“, der sich gemeinhin auf den Punkt genau vorzubereiten weiß und zum saisonalen Höhepunkt seine beste Leistung abzurufen pflegt.

Zwei „Ösis“ Opfer des Wurfringes

Nun müssen wir gerade im Zusammenhang mit dieser EM sehr vorsichtig mit den Worten „internationaler Saisonhöhepunkt“ umgehen. Aber im Hammerwurf der M55 traf dieses Attribut voll und ganz zu. Denn mit Lindner (59,23 m), dem Russen Viktor Bobryshev (58,70 m), dem amtierenden Winterwurf-Weltmeister, und Gassenbauer (57,56 m; im Bild) kreuzten die drei Erstplatzierten der Weltrangliste 2014 die Hämmer. Vergewissern wir uns zum besseren Verständnis der Aussage unseres Experten vor Ort, Albert Fichtner aus München, selber Hammerwerfer und bei der M70 im EM-Einsatz gewesen: „Sowohl die M 55, 70 und 75 mussten in dem Ring ihre Wettbewerbe durchführen, bei dem der untaugliche Versuch unternommen worden war, der Eisesglätte mit einer Flex beizukommen. Ein ungeeignetes Mittel. Denn neben den drei Millimeter tiefen Riefen befinden sich jeweils zehn Zentimeter breite unverändert glatte Flächen.“ Vier rhythmische, technisch saubere und gewohnt schnelle Drehungen waren darauf nicht möglich.

Gleich ist nicht zwingend gleich

Gleich schlechte Voraussetzungen für alle, könnte nunmehr lapidar konstatiert werden. Eine zu oberflächliche Betrachtung. Exzellente, weniger von ihrer Kraft lebende Werfer tun sich da zwangsläufig schwerer. Die „russischen Bären“ sind von daheim vermutlich zumindest von den Trainingsbedingungen Kummer gewöhnt. Wahrscheinlich können sie auch auf Schotter drehen. Das Ergebnis scheint es zu bestätigen. Bobryshev wies bei vier gültigen Versuchen eine Tagesbestweite von 57,71 m auf und kam damit seiner Saisonbestleistung ziemlich nahe. Derweil brach Lindner mit 53,85 m für seine Verhältnisse regelrecht ein. Mehr noch sein Landsmann. Der 56-jährige Wiener hatte bisher mit dem Sechser stets 55 Meter und mehr geworfen, wuchtete bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften der Männer den 7,26-Kilo-Hammer gar zweimal über 50 Meter, in der Spitze 51,13 m. Und nun das. Für ihn mickrige 49,63m. Der Russe Sergej Vasenko wusste das großzügige Geschenk zu nutzen und belegte mit 52,25m statt „Gassi“ den Bronzerang.

Vierkampf um Bronze in der M 70

Bei der herrlichsten Nebensache der Welt ist es geboten, vorsichtig mit dem Vokabular umzugehen. Vernachlässigen wir es ausnahmsweise. Denn in der M70 spielte sich ebenfalls ein kleines „Drama“ ab. Da freilich hinter dem souveränen Sieger Heimo Viertbauer (54,51 m) aus Österreich und dem gut abgesicherten Zweitplatzierten Esko Palviainen (43,51 m) aus Finnland in einem tobenden Vierkampf um Bronze. Der wurde praktisch auf dem Durchmesser einer Minipizza entschieden. Wilhelm Kraatz (39,77 m) als Dritten und Albert Fichtner (39,48 m) auf Rang sechs trennten gerade einmal 29 Zentimeter. Dazwischen lagen Borys Kovalskyi (39,65 m) aus der Ukraine und Czeslaw Rosczak (39,54 m) aus Polen. Knapper geht’s nimmer mehr.

Peter Speckens er- und durchlebte Desaster

Ein Desaster erlebte der weltweit erfolgreichste aktive Werfer Peter Speckens (*1935), der womöglich auch ein Opfer der einerseits stumpfen, andererseits aalglatten Platte wurde. Wenngleich es sich in der M75 lediglich um ein Fünferfeld handelte, wurde der Mann mit den verpflichtenden Initialen PS Letzter mit 36,04 m, überhaupt erstmals geschlagen durch seinen Teamkameraden und Speerwurf-Spezialisten Lothar Huchthausen (3. mit 36,64m). Im Vergleich zu Speckens ein „Hungerhaken“, dem das Vater unser durch die Rippen gepustet werden kann.
Beinahe müßig zu erwähnen, dass Arild Busterud (M 65) aus Norwegen auch den Hammerwurf für sich entschied. Bei seinem vierten Streich mit 53,73m hatte er bereits über acht Meter Vorsprung auf den Zweiten. Sven Haumacher bekam in der M35 (drei Teilnehmer) mit schwachen 33,37 m Bronze geschenkt (sofern der Medaillenstandard erfüllt wurde), das sich der griechischstämmige Antonios Kontos (48,65 m) in der M40 redlich verdiente.

„Schweizer Käse“ und sechs „Touris“ aus GER

Küren wir noch den Sporttouristen des Tages, ein Schwyzer Bürli namens Roger Schneider (*1946). Dessen 6,91m in der M65 dürften so eben den Wurfkäfig passiert haben. Immerhin stellte er einen vermutlich nicht mehr zu unterbietenden Negativ-Rekord mit 12,86 Prozent der Siegerleistung auf. Was hat den bloß geritten, sich nun ausgerechnet den Hammerwurf für sein sinnfreies Tun auszusuchen? Schweizer Käse einmal beleidigend zu verstehen. Allerdings seit der schwachmatig organisierten „großen EM“ in Zürich voll im Trend. Verschweigen wir indes nicht, dass auch viele Germanen als „Touris“ unterwegs sind. Viermal in den elf Konkurrenzen gab es die „Rote Laterne“ als imaginären Ehrenpreis, zweimal wurde der vorletzte Platz belegt. Das ist mehr als die halbe Miete.
Wer es genauer wissen möchte, der bediene sich der Online-Ergebnisliste.