Neben Kirsten Hilbig ragten Andy Dittmar und Norbert Demmel heraus

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(Erfurt/Krefeld, 08. März 2017) Es liegt mit Ausnahme der sehr überschaubaren Aufrücker aus der M/W35 in der Natur der Sache, dass es zwangsläufig der nahezu immer selbe Mikrokosmos ist, der sich bei Deutschen Senioren-Meisterschaften um sich selber zu drehen pflegt. Die so genannte Papierform beherrscht weitestgehend die Szenerie. Überraschungen, normalerweise das Salz in der Suppe, sind zumeist ausgesprochene Mangelware. Neue „alte“ Gesichter auf den Podien sind allenfalls dann zu sehen, wenn die gemeldeten Favoriten infolge Krankheit oder hinsichtlich der Vielfalt sonstiger Gründe nicht starten konnten. All das war in Erfurt nicht anders. Das soll uns indes nicht daran hindern, noch einen gemessen an dem Wust der Resultate bis M/W endlos aufwärts einen kleinen Nachklapp von den zweitägigen Titelkämpfen zu fahren. Das Glanzlicht, den Europarekord im Hammerwurf der W40 von Kirsten Hilbig vom VfR Eversen, haben wir bereits zeitnah in unserem Fenster „Nachrichten“ vermeldet.

Ein paar Rosinen aus dem Meisterschaftskuchen

Picken wir uns noch ein paar Rosinen aus dem riesigen Meisterschaftskuchen heraus. Vorneweg Lokalmatador Andy Dittmar (*1974) aus dem benachbarten Gotha. Der 42-jährige Kugelstoß-Gigant  blieb sich und seiner Linie treu, eine herausragende 18 vor dem Komma abzuliefern. Diesmal war es allerdings für den Thüringer bei einer für ihn ungewohnten Bandbreite von knapp über einem Meter eine ziemlich zähe Nummer. Was zählt und letztlich bleibt sind jene 18,20m aus dem dritten Durchgang. Verschonen wir seine hoffnungslos unterlegenen „Gegner“, die schließlich nichts dafür können, einen derartigen Ausnahmekönner vorgesetzt zu bekommen. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass sich das Niveau in dieser noch vergleichsweise jungen Altersklasse seit Jahren im steten Sinkflug befindet. Der habe ich schließlich auch mal angehört, und da hätte man mit 14,19m keine Silbermedaille ab
greifen können.
Glücklicherweise ist das nicht durchgängig der Fall, obwohl es ebenfalls einer ist, der klar heraussticht. Nämlich Norbert Demmel (*1963) vom TSV Unterhaching, der sich im vierten Jahr der Zugehörigkeit zur M50 überlegen das begehrte Double mit Kugel (15,89m) und Diskus (53,08m) sicherte. Er bot zudem klassenübergreifend die metrisch beste Leistung mit der Scheibe. Das gelang mit dem Hammer (55,92m) Marcel Kunkel (*1972) vom USC Mainz in der M45 und im Speerwurf (58,37m) Jung-Senior Christoph Maier (*1980) vom LT DSHS Köln. Allerdings hat es da in der Alterspyramide aufwärts relativ gesehen und nach der leider auch nicht seligmachenden Punktewertung viele bessere Leistungen gegeben. Doch das können wir beim besten Willen und aller Liebe zum Detail nicht alles gewichten. Dafür gibt es schließlich für die Freunde der Statistik die Online-Ergebnisliste.

Medaillengewinner von Albrecht und Fändrich Gnaden

Ein Kuriosum am Rande der Bande sei noch erwähnt. Hermann „Herminator“ Albrecht (*1940) von  der SpVgg Satteldorf, haushoher Favorit im Hammerwurf der M75, verletzte sich beim Einwerfen am Knie und musste kampflos die Segel streichen. Beim ungültig gegebenen ersten Versuch legte er das Gerät lediglich ohne geworfen zu haben im Ring ab. Und sein „Kronprinz“ Günther Fändrich (*1941) vom TV Heppenheim verzichtete aus Verärgerung wegen des Theaters um seine Frau Erika (wir berichten) auf den Wettbewerb. So kamen Athleten mit bescheidenen Weiten zu Titel- und Medaillenehren, die vorher davon nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Schauen wir noch ein wenig über den Werferzaun hinweg. Beim Duell des alten und neuen Hallenrekordlers im Hochsprung der M70 gab es eine faustdicke Überraschung. Aufgrund der Mehrversuchsregel konnte Wolfgang Hirt (*1946) vom SC Bayer 05 Uerdingen bei Höhengleichheit von 1,50m (für ihn neue Bestleistung) seinen prominenten Antipoden Thomas Zacharias (*1947), der kürzlich die Bestmarke auf 1,55m geschraubt hatte, in die Schranken weisen.

Reinhold Keller – die Wundertüte

Und noch einer aus dem Raritätenkabinett. Der Wahl-Düsseldorfer Reinhold Keller (im Bild) von der LG Neckar-Enz, seines Zeichens mit 1,37m seit Januar deutscher Hallenrekordler der M75 im Hochsprung,  wurde in seiner Spezialdisziplin ebenfalls durch die Mehrversuchsregel mit 1,32m Zweiter. Dafür gewann er als Außenseiter in einer außergewöhnlichen Symbiose jedoch den Speerwurf in der auf den ersten drei Rängen äußerst umkämpften Auseinandersetzung mit 35,70m und einem Vorsprung von 23 Zentimeter auf Norbert Röhrle (*1942) von der LG Stadtwerke München sowie vor Josef Halder (alle Jg.1942) von der SpVgg Rommelshausen, der nach 35,03m im ersten Durchgang sein Pulver verschossen hatte. Das „Keller-Kind“ ist eine regelrechte Wundertüte.
Bleiben wir auch bei den mehr oder weniger fortgeschrittenen Mädels bei der Allstarwertung nach den metrisch größten Weiten in den vier Stoß-/Wurfdisziplinen. Wobei die Langwürfe zu den Winterwurf-Wettbewerben unter freiem Himmel gehörten, das Kugelstoßen in der anonymen hinteren Ecke der Halle durchgeführt wurde. Als da wären, neben der bereits genannten Hilbig mit dem Hammer (54,38m), im Kugelstoßen Jana Müller-Schmidt (W50; im Bild) von der SG Osterholz mit 13,96m denkbar knapp vor Nadine Kant (W40) vom Hagenower SV mit 13,89m, im Diskuswurf Bettina Schardt (W45; 44,41m) von der Mannheimer TG und mit dem Speer (44,33m) Wilma Jansen (W35) von der LT DSHS Köln. Müßig zu erwähnen, dass auch hier isoliert gesehen möglicherweise Besseres geboten wurde. Es allen recht machen zu wollen ist freilich eine Kunst die keiner kann. Also treten wir unter diesem Anspruch erst gar nicht an.


Felix Austria = Glückliches Österreich!

Was die Ehrung, falls das überhaupt so bezeichnet werden kann, der Senioren-Leichtathleten des Jahres 2016 anbelangt, halten wir es wie der DLV in der Senioren-Spielecke auf seiner Netzseite: Sie wird nicht weiter erwähnt. Das sagt alles zum vom Verband beigemessenen Stellenwert dieser "Wahl" einer zudem bei den Seniorinnen höchst umstrittenen Entscheidung. Wohlwollend formuliert. Nur mal so zum Vergleich unsere alpenländischen Nachbarn aus Österreich. Da wurden die Masters-Sieger Marianne Maier (W70) und Gottfried Gassenbauer (M55) Ende Februar auf einer großen Gala im Festsaal des noblen Grand Hotel in Wien zusammen mit den Männern/Frauen und den besten Nachwuchs-Athleten mit schmucken Awards ausgezeichnet. Felix Austria = Glückliches Österreich!