Olympia: Siegt die Vernunft oder Sport, Kommerz und Politik?

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Tokio/Krefeld, 08. Mai 2021)  
Freimütig und vorausschickend eingeräumt, dass ich kleines Licht am großen Firmament nichts gegen das unheilvolle Konglomerat von – die Reihenfolge ist beliebig austauschbar – Sport, Kommerz und Politik auszurichten vermag. Dennoch werde ich nicht müde, es für verantwortungslos und bodenlosen Leichtsinn zu halten, die Olympischen (Nachhol-)Spiele vom 23.Juli bis 08.August 2021 im riesigen Corona-Tiegel der japanischen 38-Millionen-Hauptstadt Tokio beharrlich auf Gedeih und Verderb durchboxen zu wollen. So sehr ich das auch den Sportlern aus aller Welt gönnen und mir selber in der Doppelrolle als Berichterstatter sowie persönlich Interessierter aus der sicheren Ferne am heimischen Bildschirm wünschen würde.

Noble Geste mit unheilvoller Wirkung

Eine noble Geste, dass nun die Impfstoff-Hersteller und –lieferanten Biontec/Pfizer erklärten, allen Teilnehmern, Trainern und Betreuern an den Olympischen Spielen und anschließenden Paralympics Impfstoff zu spenden. Mit den Auslieferungen an die teilnehmenden Delegationen könne Ende Mai begonnen werden, um sicher zu stellen, dass die zweite Impfung vor der Ankunft in Tokio verabreicht wurde. Die beiden Unternehmen beeilen sich hinterher zu schicken, dass dadurch die Versorgung der nationalen Bevölkerungen weltweit nicht beeinträchtigt würde. Und IOC-Präsident Thomas Bach setzt noch in Prosa einen drauf, dass die olympischen Athleten*innen einen starke Botschaft aussenden könnten, dass „sich impfen zu lassen nicht nur die persönliche Gesundheit angeht, sondern auch die Solidarität und Rücksichtnahme für das Wohlergehen anderer“. Halleluja und Hosianna!

Augenwischerei, Schönfärberei und Milchmädchen-Rechnung

Stimmt allerdings grundsätzlich im Kern der Aussage, ändert aber per Saldo nichts an der Tatsache, dass es sich um Augenwischerei, Schönfärberei und eine kapitale Milchmädchen-Rechnung handelt. Die Weltbevölkerung wird bis zu dem fraglichen Zeitpunkt nicht weitgehend durchgeimpft sein. Und alles, was ich für einen gesunden, weit überwiegend jungen Personenkreis abzwacke, fehlt anderen, die in der Priorisierung und Notwendigkeit vor ihnen an der Reihe gewesen wären.
Schauen wir „lediglich“ nach Indien. Dort gibt es im 7-Tage-Mittelwert täglich 389.900 Neuinfektionen, sind bislang 234.000 Menschen an COVID-19 gestorben (Krefeld quasi ausradiert), herrscht am Ganges und anderswo Land unter mit dem medizinischen Ausnahmezustand, müssen Hilfeleistungen von überall her, die dazu in der Lage sind, auch der Bundesrepublik, in Anspruch genommen werden. Ungeachtet dessen stimmen allzu viele Verblendete und Verbohrte in den Chor ein „Olympia muss leben“, während allenthalben und allerorten auf diesem Globus Menschen an diesem verdammten Virus sterben und nach Milliarden zählende Lebende händeringend auf die Impfung warten.

Online-Petition gegen Olympia mobilisierte in kurzer Zeit 207.000 Japaner

Das ist nicht nur absurd, das ist menschenverachtend. Und dies alles für „Die herrlichste Nebensache der Welt“, die sich Sport nennt. Abgesehen davon, dass ich mich stets traue öffentlich unverblümt Flagge zu zeigen und nicht als anonymer Heckenschütze auftrete, liege ich allem Anschein nach mit meiner Sicht auf die Dinge nicht so schief. Innerhalb weniger Stunden beteiligten sich 207.000 Japaner, in deren Land zum wiederholten Male der Corona-Notstand ausgerufen worden ist, in einer an den
Herrn der Ringe" namens Bach gerichteten Online-Petition mit dem Titel „Sagen Sie die Olympischen Spiele in Tokio ab, um unser Leben zu schützen“. Es würden für dieses gigantische Spektakel in der Organisation 10.000 medizinische Mitarbeiter, 500 Krankenschwestern und 200 Ärzte gebunden, die für die Versorgung der Bevölkerung wegfielen. Und: Bislang sind erst zwei Prozent der Bürger des 126,3 Millionen Einwohner starken Inselstaates im Pazifik geimpft. Da müssten zusätzliche Kapazitäten reingepumpt werden.
Noch Fragen? Die jedoch besser nicht an Bach richten. Da empfehle ich eher SPD-Gesundheitsexperte Prof.Dr.Karl Lauterbach, in dem namentlich auch ein bisschen Bach, aber noch deutlich mehr fachliches Wissen vorhanden ist.