Diskuswerfer Daniel Jasinski ragte bei Olympia-Generalprobe heraus

(Thum//Krefeld, 17. Juli 2021) Olympia-Generalprobe nannte der MDR in seiner Ankündigung für den Internet-„Livestream“ den 18.Thumer Werfertag gestern Abend vor etwa 1.000 dichtgedrängten (!) Zuschauern im Stadion Wiesenstraße der Gemeinde im Erzgebirge. Schicken wir als ernüchterndes Fazit voraus, dass es für einen Teil der nicht vollständig versammelten kommenden Olympioniken der Fraktion Stoß/Wurf eine ziemlich zähe Nummer war. Selbst der alle überragende weltweite Primus inter pares (Erster unter Gleichen) der Speerwurf-Szene dürfte sich seinen noch kurzfristig eingebauten Trip in sein heimatliches Bundesland Sachsen anders vorgestellt haben.
Der deutsche Rekordhalter (97,76m) und Weltjahresbeste (96,29m) Johannes Vetter von der LG Offenburg wollte den durch einen zu weichen Belag in der Stemmphase beim Juwelen-Meeting vorigen Dienstag in Gateshead für ihn schwachen Auftritt und Eindruck von 85,25m verwischen, gewissermaßen Vergessen machen. Das Vorhaben muss als gescheitert bezeichnet werden. Dem bislang mit 90-Meter-Weiten am Fließband verwöhnenden „Jojo“, wie er unter Leichtathleten genannt wird, gelang mit 86,48m erneut lediglich eine „normale“ Weltklasseleistung. Der 28-Jährige muss also notgedrungen die alte Theater-Weisheit in Anspruch nehmen, worauf einer missratenen Generalprobe meist, nicht immer, eine rauschende Premiere folgt.

„Königin von Thum“ konnte keinen Befreiungsschlag landen

Dem kann sich auch die vom pfiffig, gewitzt und schlagfertig moderierenden Stadionsprecher Hardy Gnewuch (Halle/Saale) als „Königin von Thum“ bezeichnete Kugelstoßerin Christina Schwanitz (*24.12.1985) vom LV 90 Erzgebirge bei ihrer Heimdarbietung anschließen. Die 35-jährige Zwillingsmama aus Dresden mühte sich mehr schlecht als recht, steigerte mit 18,63m zwar ihr sehr ausbaufähige Saisonbestleistung  um vier Zentimeter, doch ein Befreiungsschlag sieht deutlich anders aus. „Langsam muss sie mal zu Potte kommen“, befand auch noch während des Wettbewerbs ihr Heim- und Bundestrainer Sven Lang.

DLV-Jahresbeste Sara Gambetta völlig von der Rolle

Gar völlig von der Rolle nach einer womöglich zu langen Wettkampfpause war die mit 18,86m deutsche Jahresbeste Sara Gambetta (*1993) vom SV Halle. Die stets stoisch wirkende Hallenserin schaffte mit Ach und Krach als Viertplatzierte mit der weitengleichen, enorm konstanten Julia Ritter (*1998) vom TV Wattenscheid mal gerade einen Versuch von 18,21m jenseits der nicht stimmigen, geschätzte 30 Zentimeter zuvor angelegten 18-Meter-Linie. Nebenbei bemerkt ein Armutszeugnis für solch eine Veranstaltung. Der Mensch ist nun einmal visuell veranlagt und orientiert sich an derartigen Feldmarkierungen. Das dämliche Argument
Es wird doch exakt gemessen" habe ich schon hundertfach als Aktiver in 1.160 Kugelstoß-Wettkämpfen gehört.
Einzig die dritte Olympionikin, Nesthäkchen und Drehstoßerin Katharina Maisch (*1997; ebenfalls LV 90) konnte mir ihren bestleistungsnahen 18,48m (PBL 18,51m) einigermaßen zufrieden dreinschauen. Allerdings benötigte sie dazu nach drei „Rohrkrepierern“ den vierten Versuch, den es bei der Qualifikation am 30.Juli in Tokio nicht gibt. Wobei es bei dem breiten internationalen Leistungsteppich freilich eh ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte, die zu überstehen. Bei der Olympianorm von 18,50m werden die Organisatoren die Qualiweite eigentlich nicht ansiedeln können. In der nicht auf drei pro Nation bereinigten Weltbestenliste 2021 haben 29 leibhaftige Kugelblitze weiter gestoßen, vorneweg die Chinesin Lijiao Gong mit 20,39m.

Peter Riedel, Vater vom „Herrn der (Diskus-)Ringe“, fungierte als Kampfrichter

Als bestens gerüstet konnte Diskuswerfer Daniel Jasinski (*1989) vom TV Wattenscheid via Tokio verabschiedet werden. Der von seinem Vater Miroslaw trainierte und gecoachte 2,07-Meter-Hüne verbesserte bei neutralen, also nicht begünstigenden Windverhältnissen unter den Augen von Hauptkampfrichter Peter Riedel (der beim DAMM-Finale in Hamburg mit mir als kugelstoßendem Team-Kapitän für meinen früheren Klub SC Bayer 05 Uerdingen im Diskuswurf gestartet ist) den 16 Jahre alten Meeting-Rekord (66,39m) von dessen Sohn Lars, dem einstigen „Herrn der (Diskus-)Ringe“ und Fünffach-Weltmeister, zunächst auf die Schnapszahl von 66,66m und zwei Versuche später auf 66,67m. Darauf ein bis zwei Corona. Bier aus Mexiko in dem Falle. Was die Seuche der Menschheit angeht, wurden die Sicherheitsmaßnahmen bei weiter aufgetretenen Neuinfektionen im Olympischen Dorf aktuell noch einmal verschärft. Aber für den den anderen „Herrn der Ringe“ vom IOC namens Thomas Bach war eine neuerliche Absage ja „nie eine Option“. Hoffentlich fällt dem selbst ernannten Gott Vater im Interesse aller Beteiligten dieser Hoch- und Gleichmut nicht noch mit Grandezza auf die Füße. Das musste einfach noch mal erwähnt werden.

„Höchststrafe“ für einstiges Kugelstoß-Ass David Storl

Wie dies von einem, der lediglich als Fernseh-Zuschauer dabei, aber nicht mittendrin sein wird und von dem doch im MDR-Interview mit seinem Trainer Wilko Schaa die hörbare Rede war. Der einstige Kugelstoß-Wunderknabe David Storl (*1990) wird ab kommenden Montag für vier Wochen am Leipziger Flughafen als Angehöriger der Bundespolizei Dienst schieben und so manche ostdeutschen Olympia-Teilnehmer aller möglichen Sportarten an sich vorbei ziehen sehen, die erst einmal zum Drehkreuz Frankfurt am Main fliegen. Das hat sein äußerst „feinfühliger“ Vorgesetzter offenbar nicht ganz bis zu Ende gedacht. Das blüht dem immerwährenden „Storli“ dann noch x weitere Male bei der häppchenweisen Rückkehr glücklicher oder unglücklicher Japan-Reisenden für Deutschland. Richtige Touristen sind ja bekanntlich (vernünftigerweise) ausgesperrt bei diesen Olympischen (Geister- und Nachhol-)Spielen vom 23.Juli bis 08.August 2021 in der 38-Millionen-Metropole des Inselstaates am Pazifik.
Sei noch erwähnt, dass der Tscheche Tomáš Staněk (im Bild) das Kugelstoßen mit der im finalen sechsten Versuch erzielten neuen persönlichen Jahresbestleistung von 21,12m (bisher 21,00; absolut 22,01m) hoch überlegen mit fast 1,50m Vorsprung gewann und sich standesgemäß aus Europa Richtung Asien auf den weiten Luftweg machen kann.

„Bad Boy“ Christoph Harting diesmal handzahm

Noch eine kleine Randnotiz für unsere geschätzte Leserschaft vor dem Studium der verlinkten Ergebnisübersicht von diesem Thumer Werfertag. Der bekennende „Bad Boy“ (Böse Junge) der deutschen Leichtathletik, Diskuswerfer Christoph Harting (*1990) vom SCC Berlin, seines Zeichens Olympiasieger von 2016 in Rio de Janeiro und dieses Mal ohne sportliche Qualifikation gleichermaßen überraschend zum Ersatzmann auserkoren, muss reichlich Baldrian- oder Johanniskraut-Tee getrunken haben. So runtergedimmt, nett, höflich und fröhlich wurde der tomatenblonde Hitzkopf schon lange nicht mehr auf einer Sportanlage unter öffentlicher Beobachtung gesehen. Dazu ließ er als Zweiter mit 63,83m Olympia-Starter David Wrobel vom SC Magedburg um sechs Zentimeter hinter sich. Nützt ihm zwar sportlich nix, aber vom Benehmen besser eine späte Einsicht als gar keine.