Polnisches Schwabbel-Wabbel-Tänzchen stellte Ästheten auf harte Probe

Kolumne

Das Wort am Sonntag

(Krefeld, 17 . August 2014)
Vergegenwärtigen wir uns genüsslich und in sonntäglicher Andacht, dass die kernigste aller olympischen Kernsportarten mit L e i c h t A t h l e t i k bezeichnet wird. Leicht lässt sich verschiedenartig interpretieren. Mit der Leichtigkeit des Seins und Tuns oder Leichtgewichtigkeit von rank und schlank. Letzteres ist schwerlich durchzuhalten in Hinblick auf Stoß und Wurf. Aber Athletik im Sinne einer austrainierten, gut definierten Figur mit vertretbarem Körperfettanteil sollte bei Professionals mit ausgeklügelten Trainings- und Ernährungsplänen, wie sie noch bis heute Nachmittag bei den Europameisterschaften im Züricher Letzigrund zu bewundern sind, schon im Spiel sein. Nun erwartet natürlich kein Fachmann allen Ernstes, dass bei den werfenden Mädels, ähnlich dem Sprint, Sprung und Siebenkampf, die wohl geformten Topmodels mit Laufstegqualitäten für Heidi Klums nächste Fernsehshow ihre Werbebotschaft abgeben.
Gleichwohl war - um im Bilde zu bleiben - das gebotene Kontrastprogramm beim Hammerwurf der Frauen schon gewaltig. Da blieb von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter die auch optischen Hingucker Kathrin Klaas, Betty Heidler und die Slowakin Martina Hrasnova, die Athletik gehörig auf der Strecke. Bei einigen, selbst im Medaillenbereich, war verdammt viel träge Masse zu beschleunigen. Unter dicken Fettschichten und großen „Rettungsringen“ um die Hüften waren die verborgenen Muskelfasern nicht einmal zu erahnen. Umso erstaunlicher die dargebotenen Leistungen. Die quasi im Superschwergewicht antretende Anita Wlodarczyk aus Polen gewann bei denkbar ungünstigen äußeren Bedingungen mit Weltjahresbestleistung, Landes- und Championship Record von 78,76 m, verfehlte Heidlers Weltrekord lediglich um 66 Zentimeter. Holla!  Mindestens genau so erstaunlich ihre noch knubbeligere, untersetzte Landsfrau Joanna Fiodorow (73,67 m), die im finalen Versuch der Frankfurterin Klaas (72,89 m) die schon sicher geglaubte Bronzemedaille wegschnappte. Irgendein TV-Reporter bezeichnete die drittplazierte Polin als Wonneproppen. Proppen schon. Exakt 1,68 "Kubikmeter" (quadratisch, praktisch, gut), bei angeblich nur 77 Kilogramm. Indes von Wonne keine Spur. Dass die beiden fettleibigen polnischen „Dragoner-Stuten“ nach getanem Medaillenwerk ihren Erfolg zusammen ausgelassen feierten, ist selbstverständlich vollkommen legitim. Doch bekennende Ästheten im Stadion und den Bildschirmen daheim im Pantoffelkino wurden bei deren Schwabbel-Wabbel-Tänzchen mit gefühlten 210 Kilogramm Gesamtgewicht (offizielle Version 171 kg) auf eine harte Probe bis hin zum gerade noch unterdrückten Brechreiz gestellt. Wie ich mittlerweile aus vielen Gesprächen mit Freunden, Bekannten und Sportkameraden weiß, erging es mir nicht alleine so.
Noch ein paar Takte zum von mir verpönten Modewort „Körpersprache“. Die Kommentatoren dieser Fernseh-Welt betätigen sich neuerdings als Wesentaschen-Psychologen und wollen daraus alles Mögliche von entspannt und locker bis verkrampft und verunsichert ablesen. Dass zumindest der Gesichtsausdruck auch die pure Konzentration vermitteln könnte, darauf sind sie nicht gekommen. Allerdings muss ich schon zugeben, dass ich an der ganzen Körpersprache von Betty Heidler nichts Positives zu entdecken vermochte. Die tomatenblonde 30-Jährige schlich wie ein Häufchen Elend in den Ring, wirkte ohne jedes Selbstvertrauen, Mumm und Pep. So warf sie dann auch. Dass sie nicht beliebig alle Tage in die Nähe ihres Weltrekorders von 79,42 m kommen kann, schon gar nicht bei dem Sauwetter zu fortgeschrittener Abendstunde, darf keiner ernsthaft erwarten. Aber jene 72,39 m (Fünfte) und die neuerlicher Niederlage gegen ihre Klubkameradin kamen für eine Mitfavoritin einem Offenbarungseid gleich.
In diesem Sinne noch einen geruhsamen Sonntag, ein paar ansehnliche(re) Menschen beim heutigen Kehraus dieser in vielen Belangen Seuchen-EM in der Alpenrepublik (wo ist sie bloß geblieben, die oft gepriesene Schweizer Präzision?) und eine schönere kommende Woche, als die vergangene es aus stark getrübter deutscher Leichtathletik-Sicht war!

Start der Deutschen Sportlotterie musste erneut verschoben werden

(Krefeld, 16. August 2014)  Es hakt und klemmt bei der von Diskuswurf-Allesgewinner Robert Harting vom SCC Berlin mit initiierten Deutschen Sportlotterie (DSL), die in der repräsentativen Villa Haus Schönhausen im edlen Krefelder Stadtteil Bockum gegenüber dem Zoo ihren Sitz haben wird. Wie der geschäftsführende Gesellschafter und erfolgreiche Unternehmer Gerald Wagener gegenüber der örtlichen Presse erklärte, muss der für September geplante Start nunmehr auf Ende November verschoben werden. Diese Meldung waberte durch die Medienlandschaft und schwappte bis zur EM nach Zürich herüber, wo Harting in Interviews damit konfrontiert wurde. Der 29-jährige „Goldhamster“ zeigte sich bestens informiert und präpariert, kennt den Grund für die neuerliche Hinauszögerung. Der da wäre: Obwohl der Antrag bei der Bezirksregierung Düsseldorf werberische Maßnahmen für die Lotterie durchführen zu dürfen bereits seit März vorläge, wurde bislang die Genehmigung dafür noch nicht erteilt. Dazu bedürfe die Werbeerlaubnis obendrein der Zustimmung des Glücksspielkollegiums. „Ohne Werbung macht es wenig Sinn an den Start zu gehen“, erklärten Wagener und Harting unisono zeitversetzt an verschiedenen Orten.
Bleibt also zu hoffen, dass es sich um die letzte Hiobsbotschaft handelte und die DSL demnächst ihrem plakativen Wahlspruch „Wir machen Sieger und Gewinner!“ gerecht werden kann.

Robert Harting King im Ring und "respektlose Zirkusnummer" um Bolt

(Zürich/Krefeld, 14. August 2014)  Auf ihn trafen alle Attribute gleichermaßen zu wie tags zuvor auf Kugelstoßer David Storl (*1990) aus Chemnitz. Freilich noch einen Tick ausgeprägter, da seine Erfolgsbilanz aufgrund seines Alters und der damit verbundenen längeren Zugehörigkeit zur Creme de la Creme noch imposanter ist. Dazu kamen widrige Bedingungen mit Zeitplan-Verschiebungen, endlosen Wartezeiten, chaotischen Wetterbedingungen (Kühle, Regen, in trockenen Phasen böiger Wind) und offenbar überforderten Organisatoren. Manche Medaillenhoffnungen zerschellten daran. Nicht die von Dreifach-Weltmeister, Olympiasieger und Titelverteidiger Robert Harting (*1994) vom SCC Berlin. Der noch 29-Jährige war Herr der Lage und der King im Diskus-Ring. Trotz all dieser Unbilden setzte sich der Berliner mit der kessen Schnauze am späten gestrigen Abend von der Tagesbestweite (66,07 m) letztlich souverän bei der EM durch. Diesmal verzichtete der „Zerreiß-Wolf“ jedoch auf sein Ritual nach Art des Sankt Martin das Leibchen zu (zer-)teilen. Was zum wiederholten Male auch nicht mehr sehr originell gewesen wäre. Dennoch wusste sich der extrovertierte Berliner medial gekonnt vor laufenden Kameras und gezückten Fotoapparaten in Szene zu setzen. Ein Typ mit Ecken und Kanten halt, wovon es nicht allzu viele gibt.
Sein körperlich fülliger wirkende, vermeintlich größter Widersacher Piotr Malchachwoski (*1983) aus Polen schrumpfte eingedenk der schwierigen Voraussetzungen derweil zum Zwerg, musste mit für ihn unterdurchschnittlichen 63,54 m und der Holzmedaille vorlieb nehmen. Ausgerechnet sein jüngerer Landsmann Robert Urbaniak (*1987), der Vorname verpflichtet eben, schnappte ihm um 27 Zentimeter Bronze weg. Mit Gert Kanter (*1979) aus Estland durfte sich ein „Oldie“ aus der M 35 im mutmaßlichen Duell der Giganten Harting vs. Malachowski ziemlich unverhofft über Silber (64,75 m) freuen. Martin Wierig aus Magdeburg, der in dieser Saison immerhin Harting einmal bezwingen konnte, wird sich angesichts der Medaillenränge zwei und drei vermutlich ein Monogramm in den Allerwertesten beißen, mit mäßigen 60,82 m (Elfter) im Vorkampf hängen geblieben zu sein. Eine große Chance auf Edelmettal verpasst. Ärgerlich! Für keinen mehr als ihn selber.
Abgesehen vom Wetter, wofür keiner etwas kann, wurde auch der zweite Wettkampftag von Falschmessungen, Fehlentscheidungen, organisatorischen Pannen und hausgemacht schwachem Besuch bei extrem hohen Eintrittspreisen überschattet. Der Gipfel der Unverschämtheit, dass die zum Semifinale startbereiten 800-m-Läufer wegen eines völlig belanglosen und sinnfreien Innenraum-Interviews mit Sprinter Usain (Witz-)Bolt aus Jamaika minutenlang buchstäblich kalt gestellt wurden. Was haben sich die Verantwortlichen bloß dabei gedacht? Nichts! EUROSPORT-Reporter Sigi Heinrich bezeichnete es völlig treffend als „respektlose Zirkusnummer“.
Gerd Kanter wird im Porträt der Ergebnisübersicht als Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur dargestellt. Ebenfalls peinlich!  

Für Schwanitz & Co. stehen die Qualifikationen mit Kugel und Diskus an

(Zürich/Krefeld, 15. August 2014)  Einmal abgesehen davon, dass heute vor 47 Jahren meine Tochter Vera geboren wurde, hat der oben genannte Tag für Millionen Menschen eine besondere Bedeutung. Für die Italiener ist es der Ferragosto, der älteste in Europa immer noch begangene Feiertag. Er kennzeichnet den Mittelpunkt der Ferienzeit. Da herrscht von oben in Südtirol bis in die Stiefelspitze und den dazu gehörigen Inseln eine Art Ausnahmezustand. Darüber hinaus wird er in vielen christlichen Staaten und auch Teilen hier zu Lande als Mariä Himmelfahrt gefeiert. Das eine wie das andere wird für die heutigen Protagonisten bei den Leichtathletik-Europameisterschaften der Männer und Frauen indes allenfalls zu einer Randnotiz verkümmern, so sie überhaupt daran denken. Gleichwohl werden manche hinterher ihren Auftritt als Himmelfahrtskommando verstanden haben. Mögen unsere stoßenden und werfenden Mädels davon verschont bleiben, die gleich zu den Qualifikationen in die verschieden großen Ringe im bislang mäßig gefüllten Stadion Letzigrund gehen. Das sollte allerdings für das Quintett um die Kugel stoßende Vize-Weltmeisterin Christina Schwanitz bei den geforderten Weiten von 17,50 respektive  57,50 m kein allzu großes Problem darstellen. Mit Ausnahme von Drehstoßerin Lena Urbaniak, die schon in den Bereich ihrer Bestleistung von 17,84 m vordringen müsste.

David Storl wurde seiner Favoritenrolle souverän gerecht

(Zürich/Krefeld, 13. August 2014) Wenn nicht er, wer sonst? Es gibt sicherlich unangenehmere Vor- und Aufgaben, als von der Fachwelt zum einsamen Favoriten proklamiert zu werden, der den Titel auf dem Tablett serviert bekommt und ihn sich „nur“ noch abholen muss. Das tat er dann auch, der Kugelstoßer David Storl vom LAC Erdgas Chemnitz aus dem Sachsenlande. Aber der Druck, der da von innen und außen auf ihm lastete, war immens. Als Selbstverständlichkeit sollte es nicht angesehen werden, dass der 24-jährige Koloss all dem standhielt und gestern Abend im legendären Letzigrund in Zürich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften seinen Titel verteidigte. Wieder einmal. Nun ist „Storli“ also im doppelten Doppelpack Europa- und Weltmeister, dazu Olympiazweiter. Halten wir inne und vergegenwärtigen uns – der Mann ist gerade einmal 24 Jahre jung,  geboren schon als Bundesbürger am 27. Juli 1990 im sächsischen Rochlitz. Die deutsche Nationalhymne, die für ihn bei seinen vielen internationalen Erfolgen, Junioren eingeschlossen, schon so eine Art Evergreen ist, scheint ihn nicht sonderlich zu begeistern. Mit stoischer Ruhe und Gelassenheit, fast teilnahmslos, nahm er das Zeremoniell hin. Eben irgendwie doch schon Routine. Nur die Scherzchen vor- und nachher mit dem diesmal drittplazierten Doppel-Olympiasieger Tomasz Majewski (*1981) aus Polen ließ ein gewisse Freude über das Erreichte durchblitzen.
Die Messe im Wettkampf selber war schnell gelesen. Für die Konkurrenz, aber auch ihn selber. Der Schützling von Bundes- und Heimtrainer Sven Lang legte gleich zum Auftakt 21,41 m vor. Und das, mit Rücksicht auf die im Abschlusstraining in Kienbaum erlittene Rückenverletzung, mit einem Sicherheitsstoß aus dem Stütz. Für die zunächst elf Gegner mehr als genug, für ihn nicht. Danach versuchte er es mit der Brechstange und verlor dabei seine technische Linie, wie er es selbst analysierte. Obwohl 21,41 m alles andere als ein Pappenstiel sind, hat vielleicht die verfehlte größere Weite seine Freude ein wenig getrübt. Die große Werfer-Familie hat er jedoch einmal mehr begeistert. Und ein Ende ist bei seinen überragenden Möglichkeiten, seiner Entschlossenheit und Zielstrebigkeit glücklicherweise nicht abzusehen. Der ist noch nicht einmal im besten Stoßer-/Werfer-Alter. - Ergebnisübersicht