Sportlerwahl mutierte zum Glücksspiel mit höchst fragwürdigem Ausgang

Kolumne

Moment mal

(Baden-Baden/Krefeld, 19. Dezember 2022) Vorweg: Es sei jedem von Herzen gegönnt, der es bei der Wahl zu Deutschlands Sportlerin, Sportler und Mannschaft des Jahres aufs imaginäre Treppchen der drei Erstplatzierten schaffte. Revidieren und korrigieren lässt sich das eh nicht mehr. Aber für mich hatte die gestern Abend vom ZDF ausgestrahlte Proklamation aus dem Festsaal des Kurhauses in Baden-Baden was von einer (Fernseh-)Lotterie. Da wurde von dem bewährten, routinierten, aber auch gewohnt drögen Moderatenduo Kathrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne so manche Überraschung aus den Umschlägen gezogen. Mit dieser Einschätzung stehe ich als mit abstimmender Sportjournalist nicht allein auf weiter Flur. Das Online-Portal des fachspezifischen Spartensenders Sport1 titelte: „Überraschung bei der Sportler-Wahl“ (siehe Link). Einer renommierten Tageszeitung wie der Rheinischen Post war es in der heutigen Printausgabe im fünfseitigen Sportteil noch nicht mal eine Kurzmeldung wert. „König Fußball“ diktierte vor Wintersport das Geschehen.  

Nötige Sorgfaltspflicht blieb vielfach auf der Strecke

Klar und eigentlich müßig zu erwähnen, dass auch ich den Stein der Weisen nicht gefunden, noch weniger erfunden habe. Schlussendlich entsprang meine indes mit aller erdenklichen Akribie aufgestellte persönliche Hitliste von eins bis fünf bei tunlichst zu waltender Objektivität meiner, was auch sonst (?), subjektiven Wahrnehmung. Daran habe ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen von Print, Online, Funk und Fernsehen nunmehr – berechtigte – Zweifel, ob sie die nötige Sorgfalt gewahrt haben. Da müssen sich teilweise erhebliche Gedächtnislücken aufgetan haben, denen durch das Studium der Vorschlagslisten mit den jeweiligen Meriten nicht auf die Sprünge geholfen worden ist.
Und: Keine Rolle sollte es eigentlich (!) spielen, wer sich als Sportler/in in der Außendarstellung besonders gut und marktschreierisch mit kesser Lippe zu vermarkten vermag.

Dazu ein schwieriges Unterfangen, Ungleiches vergleichen zu müssen

Als hätte ich das heraufziehende „Glücksspiel mit äußerst ungewissem Ausgang“ gerochen, habe ich in meiner Vorschau auf diese höchste ideelle Auszeichnung mit der Zwischenüberschrift „Sportlerwahl: Ein schwieriger Vergleich von Äpfeln mit Birnen“ geschrieben: „
Bei der Vielzahl der Sportarten, noch unterteilt nach Sommer und Winter, Freiluft und Halle, kommt es mehr so dem unmöglichen Vergleich von Äpfel und Birnen gleich. Beides Obst. Aber vom Aussehen und Geschmack sehr unterschiedlich.“
Mehr ist dazu im Grunde nicht mehr auszuführen. Allerdings hatte manch eine/r Tomaten auf den Augen oder die Olympischen Winterspiele vom Anfang des Jahres in Peking bereits von seinem Bio-Computer zwischen den Ohren gelöscht. Alles andere überlasse mit der nachfolgenden  Ergebnisübersicht der individuellen Betrachtung und Wertung der geschätzten Leserschaft dieses Mediums.
Sportlerinnen: 1. Gina Lückenkemper 1.358 Abstimmungspunkte, 2. Malaika Mihambo (beide Leichtathletik) 863, 3, Natalie Geisenberger (Rodeln) 766, 4. Denise Herrmann-Wick (Biathlon) 594, 5. Emma Hinze (Bahnradsport) 437.
Sportler: 1. Niklas Kaul (Leichtathletik) 1.256, 2. Vinzenz Geiger (Nordische Kombination) 871, 3. Florian Wellbrock (Schwimmen) 761. 4. Johannes Ludwig (Rodeln) 523, 5. Richard Ringer (Leichtathletik) 359.
Mannschaften: 1. Eintracht Frankfurt (Fußball, Männer) 975, 2. 4 x 100m-Staffel Frauen (Leichtathletik) 895, 3. Fußball-Nationalmannschaft Frauen 828, 4. Bobteam Friedrich 706, 5. Teamsprint Langlauf Frauen 545. – Noch vieles mehr unter sdj.de.
Wen’s interessiert: Bei den Sportlerinnen lag ich mit anderer Gewichtung von der Tendenz komplett, bei den Sportlern viermal und den Mannschaften dreimal richtig.