Senioren-DM 2022: Mit 837 ein Allzeittief bei Zahl der Gemeldeten

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Kolumne

Moment mal

(Erding/Krefeld, 16. September 2022)
Bevor wir morgen noch auf einige Personalia in unserem originären Bereich zu den Deutschen Senioren-Meisterschaften am Wochenende in der oberbayerischen Herzog- und Bierstadt Erding eingehen werden, betreiben wir zuvor ein wenig Kosmetik nach Zahlen, Daten und Fakten. Diese Titelkämpfe verzeichnen mit 837 Gemeldeten aus 475 Vereinen bei 1.457 Starts aus der Erinnerung heraus seit der Berichterstattung auf LAMPIS ab 2010, also zum 13ten Mal, ein Allzeittief. Selbst ohne Staffeln und als besonderen Affront Diskuswurf waren es im Vorjahr in Baunatal noch 1.033 Startwillige.

Vielschichtige Gründe, teilweise vom DLV hausgemacht

Die Gründe sind vielschichtig. Corona hat, auch mit der verbandsseitigen Verhinderung der Titelkämpfe in 2020, einen allgemeinen Abwärtstrend mit nachlassendem Interesse am Wettkampfgeschehen auf höchster nationaler Bühne eingeleitet. Hinzu kommt die Totengräbermentalität des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), die Messlatte bei der Ü35-Generation höher zu legen als anderswo. Für die Normerfüllung wurden wie bisher nicht mehr die Vorjahresleistungen zugelassen. Obendrein sind die Normen bei sinkendem Niveau in Spitze, aber besonders in Breite, weiter angehoben worden. Teilweise aberwitzig, müssen Weltrekorde erzielt werden (wir berichteten mehrfach) um an einer Senioren-DM überhaupt teilnehmen zu können. Total verrückt, noch vornehm formuliert.

Münchner Oktoberfest erweist sich ebenfalls als Hemmschuh

So schön  es einerseits ist, dass dieses Festival der ewigen Talente für die nächsthöhere Altersklasse nach elendig langer Durststrecke (zuletzt 2009 in Vaterstetten) mal wieder im hohen Süden der Republik stattfindet: Der Ort der Handlung liegt halt für die meisten Qualifizierten ziemlich weit vom Schuss. Lediglich von Hamburg ausgehend, darüber gibt’s ja auch noch ein bisschen was, müssen sich Nordlichter rund 800 Kilometer unter die Auto- oder Eisenbahnräder nehmen. Da bedarf es schon einer gehörigen Portion Enthusiasmus und dem exorbitant hohen Preisgefüge heutzutage viel Kleingeld in großen Scheinen. Und dann wäre da ja noch nach zweijähriger Zwangspause die gleichzeitige Eröffnung des Münchner Oktoberfestes, das größte Volksfest der Welt mit 5,7 bis 6,7 Millionen Besuchern, in lediglich 42 Kilometern Entfernung. Das treibt in der gesamten Region die Kosten für Logis in der Hotellerie und Pensionen in schwindelerregende Höhen. Prost Mahlzeit! Denn gegessen und getrunken werden muss ja auch noch.

DM-Normen sind bei der Ü35-Generation nicht mehr zeitgemäß

Für Stammbesucher dieser Internet-Spielweise bin ich bekanntermaßen ein großer Befürworter von Normen bei Senioren-Europa- und Weltmeisterschaften. Vordergründig, um einen Sporttourismus im Nationaltrikot unter Sportabzeichen-Niveau zu unterbinden und solche Titelkämpfe des Kommerzes in vielerlei Hinsicht wegen nicht auf eine über zehntägige Dauer aufzublasen. Aber bei einer nationalen Meisterschaft sind Normen, wie schon längst nicht mehr bei Landes- und Regionalmeisterschaften, bei ohnehin sinkenden Teilnehmerzahlen nicht mehr zeitgemäß.

Antreten, Durchkommen und Titel oder Medaille abräumen

Werden wir konkret: Die oberen Alterssegmente M/W 85 und 90 ausgeklammert, sind über die Hürden jede Menge Konkurrenzen gar nicht besetzt, in 49 gibt es nur eine/n bis drei Teilnehmer/innen. Antreten, Durchkommen und Edelmetall abräumen: Meisterschaftsatmosphäre und Wettkampfgedanke Fehlanzeige! Ein solcher Titelgewinn taugt nicht für den Briefkopf, wobei der/die Alleinunterhalter/in nicht einmal was dafür kann. Sinnvoller wäre es, und diese Idee ist nicht exklusiv auf meinem Humus gewachsen, angelehnt an die DM der Männer/Frauen grundsätzlich die ersten Zwölf der aktuellen Jahresbestenliste, die ja endlich auch bei der Ü35-Generation unterjährig online geführt wird, zuzulassen. Bei dem eh sehr frühzeitigen Meldeschluss könnte bei Verzicht im Nachrückverfahren aufgefüllt werden.

Eine Abspaltung vom DLV ist dringender denn je geboten

Doch ob dieser selbst ernannte ach so innovative Verband sich eine derartige Mehrarbeit ausgerechnet bei den ungeliebten, als lästiges Übel empfundenen Senioren*innen aufhalst, die es kaputt zu reformieren gilt, darf füglich bezweifelt werden. Abspaltung heißt weiterhin das Zauberwort und -elixier der Glückseligkeit.