Sommermärchen 2.0 mit matter Kehrseite des vorderen schönen Scheins

Kolumne

Moment mal

(München/Krefeld, 23. August 2022)
Vorweg: Eigentlich kann es bei den Zeit-, Augen- und Ohrenzeugen insbesondere live vor Ort und daheim an den Fernsehschirmen keine zwei Meinungen geben, dass die European Championships Munich 2022 in der Bayern-Metropole mit insgesamt neun Sportarten an den elf Tagen bei 176 Entscheidungen eine tolle, stimmungsvolle Veranstaltung mit alles in allem grandiosen, mitreißenden Leistungen und spannenden Auseinandersetzungen waren. Dabei haben die Sportstätten der Olympischen Spiele von vor exakt 50 Jahren in der heutzutage werbeträchtig so bezeichneten „Weltstadt mit Herz“ eindrucksvoll ihre – ein Modewort der Zeit – Nachhaltigkeit bewiesen. Ja, und nicht zuletzt, hat das begeisterungsfähige, vor allem beim Triathlon im Olympiapark mit jenseits der 100.000 in Massen strömende Publikum ein gerütteltes Maß zum Gelingen beigetragen. Auch als Stimulanz für die Hauptdarsteller, die Athletinnen und Athleten. Klar, geht es auch stets um Lokalkolorit, werden eben Landsleute besonders enthusiastisch gefeiert. Das ist legitim, so lange es nicht parteiisch wird. Und das war meines naturgemäß nicht allumfassenden Wissens aus der Fernsicht nicht der Fall.

Kleinere Verbände machen dem DLV vor wie Spitzensportförderung geht

Naheliegend, dass ein Teil der großen Erfolgsgeschichte durch die heimischen Sportler/innen in den neun verschiedenen Nationaltrikots geschrieben wurde. Als am Ende überall zusammengerechnet worden ist, war die deutsche Nationalhymne (26) der größte Hit vor „God save the Queen“ der Briten (24) und dem unschlagbar inbrünstig mitsingbaren „Italia“ von Italien (14). Als Sparte ebenfalls vorne dabei die Leichtathletik (7). Fraglos nach dem desaströsen Abschneiden bei der WM in den USA eine mittelprächtige, diesmal positive Überraschung. Aber, und das sollte bei der Spitzensportförderung den weiterhin völlig zu Recht übel ins Gerede gekommenen Damen und Herren des DLV ernsthaft zu denken geben, waren so kleine Verbände mit wesentlich weniger Teilnehmern wie der Radsport und Kanu/Kajak (beide je 8) noch erfolgreicher. Kleiner Anschauungsunterricht gefällig? Dazu sind sie leider zu eitel, glauben fälschlicherweise, die Weisheit für sich gepachtet zu haben. Blanker Unsinn, noch nett formuliert.

Horrende Preise modernem Raubrittertum gleich

Losgelöst davon, müssen es hier zu Lande immer gleich irgendwelche Superlative sein, wird das größte Sportspektakel auf Münchner Boden seit eben jenen Sommerspielen 1972 in Anlehnung an die Fußball-WM 2006 in Deutschland als „Sommermärchen 2.0“ hochstilisiert. Gemach, gemach! Da werden Äpfel mit Birnen verglichen, blieb die Strahlkraft von „König Fußball“ beispielsweise mit Fanmeilen unerreicht. Allerdings heruntergebrochen auf die Leichtathletik, vermutlich auch anderswo, war schon einiges märchenhaft: Die horrenden Preise für Eintritt und „Nebengeräusche“ im Olympiastadion, wie unser Münchner Korrespondent einer großen, angesehenen Tageszeitung zu berichten weiß. Das vermochte lediglich ein junges Publikum etwa im Bereich von zehn Prozent anzulocken. Der gaaanz große Rest gehörte der Generation 60+ mit viel Zeit und Kleingeld in großen Scheinen an. Ein Großvater mit zwei Enkeln hatte für je drei Bratwürstchen, Apfelschorle und Eis am Stiel satte 45 Euro auf den Kassentisch des Caterers zu legen. Dazu kam noch das Entree für die vier „Sessions“ der beiden Zehnkampf-Tage im mittleren Preissegment in Höhe von 480 Euro. Halleluja! Was „lacostet“ die Welt? Das grenzt nicht nur an, das ist modernes Raubrittertum.
So schaute es also hinter den Kulissen des vordergründig schönen Scheins aus!