Konstanze Klosterhalfen sorgte mit dem EM-Titel für magische Momente

(München/Krefeld, 19. August 2022) Ein Gewitter reinigt die Luft, lässt aber auch die Temperatur fallen und sorgte gestern Abend für eine halbstündige Verspätung beim Auftakt der Wettbewerbe am vierten Tag der Leichtathletik-Europameisterschaften im Münchner Olympiastadion. Wem es nützte und wer darunter zu leiden hatte, ist aus der Fernsicht schwerlich zu beurteilen. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen hat es einige sehr erfreuliche Überraschungen und magische Momente für das deutsche Team gegeben, die so wohl kaum einer auf seiner Rechnung hatte. Allerdings auch umgekehrt.

Maleika Mihambo sprang um drei Zentimeter an der Titelverteidigung vorbei

Wobei diesbezüglich der Ball ganz flach zu halten ist. Wer schon kein Glück hat, bei dem kommt mitunter noch Pech hinzu. Das darf Weitsprung-Allesgewinnerin Malaika Mihambo getrost für sich in Anspruch nehmen. Die 28-Jährige war im  unmittelbaren Vorfeld durch eine Corona-Infektion und eine neuntägige Trainingspause stark eingebremst worden, stand ihr Antreten regelrecht auf der Kippe. Mit 6,99 m in der Qualifikation schienen alle öffentlichen und eigenen Zweifel an ihrem vollständigen Leistungsvermögen ausgeräumt. Aber wer weiß das schon, was ohne dieses Handikap gewesen wäre? So waren es am Ende winzige drei Zentimeter und bei einer tollen Serie (6,71, 7,03, 6,86, 6,95, x, 6,99m) mit lediglich einem ungültigen Versuch (für sie ungewöhnlich), die an einer erfolgreichen Titelverteidigung fehlten.

Feine kleine Gemeinheiten entschieden über Sekt oder Selters

Kommen wir zum Stichwort Pech. Die gleich im ersten Versuch auftrumpfende Serbin Ivana Vuleta (frühere Spanovic) durfte sich bei ihren 7,06m  (sonst nur noch 6,98m im zweiten Durchgang) eines leichten Schiebewindes von 0,3m/sec. vergewissern. Derweil hatte Mihambo bei ihren 7,03m im zweiten Versuch einen Gegenwind von 0,5m/sec., in Summe ein Unterschied von 0,8m/sec. Das sind die feinen kleinen Gemeinheiten, die über Sekt oder Selters entscheiden können. Gerechtigkeit im Sport gibt es nun mal nicht. Die in sich ruhende, feingeistige 28-Jährige trug es mit der ihr eigenen Gelassenheit und begab sich fahnengeschmückt gemeinsam mit der Überraschungsdritten Britin Jazmin Sawyers (6,80m) auf die Ehrenrunde mit „Autogrammstunde“. Bleibt unter dem Strich: Mihambo hat eine grandiose Vorstellung geboten und das Publikum begeistert, widerlegte den Spruch, dass der/die Zweite, der erste Verlierer ist.

Eine weise Entscheidung den Rat Dritter in den Wind zu schreiben

Die ausgelöste Empathie galt auch für Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen. Nach dem vierten Platz über 10.000m sollte sie die dem Rat von Trainer und Management folgend die 5.000m eigentlich sausen lassen. Doch die für ihre Beharrlichkeit bekannte 25-Jährige setzte sich darüber hinweg, wollte die einzigartige Atmosphäre im Tempel der Olympischen Spiele von 1972 einfach noch einmal 12,5 Runden lang genießen. Eine weise Entscheidung. Denn „Koko“ belohnte sich nach einem taktisch klugen, beherzten Rennen mit der Goldmedaille und ihrem ersten großen Titel, ließ mit 14:50,47 Minuten im Ziel die auch diesmal hoch favorisierte 10.000-m-Siegerin Yasemin Can, eine gekaufte Wahl-Türkin mit kenianischen Wurzeln, letztlich noch deutlich um 6,5 Sekunden hinter sich. Bravourös!

Tobias Poyte nutze beim Heimspiel die Gunst der feuchten Stunde zum silbernen Flug

Die Gunst der feuchten Stunde wusste auch völlig überraschend der ebenfalls extrem schlanke Hochspringer Tobias Poyte von der LG Stadtwerke München bei seinem wahrhaftigen Heimspiel für sich zu nutzen. Das 27-jährige Leichtgewicht nahm alle drei Höhen bis 2,27 im ersten Flug. Das sollte ihm die Silbermedaille bescheren. Allein der „geteilte“ Olympiasieger Gianmarco Tamberi, nebenbei ein belebender „Showman“ der Extraklasse, überquerte 2,30m. Der entthronte Titelverteidiger  Mateusz Przybylko, gemeinsam mit Poyte höhengleich Deutscher Meister 2022, war untröstlich, an 2,27m gescheiterte zu sein, wurde Sechster mit 2,23m. Den Rang belegte nach einer Berg- und Talfahrt nach sieben Disziplinen auch Mehrkämpferin Carolin Schäfer mit 6.223 Punkten. Die vor dem 800-m-Lauf besser platzierte und um 96 Punkte höher notierte Sophie Weissenberg trat wegen einer blitzartig aufgetretenen Erkältung (offizielle Erklärung) zum abschließenden Wettbewerb nicht mehr an. Selbst die Bronzemedaille war allerdings unerreichbar weit weg.

Eine Mini-Renaissance des deutschen Sprints auf europäischem Laufsteg

Erfreulicherweise gab es in den Vorentscheidungen sehr viele gute Resultate für heimische Athleten*innen auf dieser kleineren europäischen Bühne. Was nicht darüber hinwegtäuschen darf, befand auch Doppel-Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl im ARD-Interview bei Moderator Claus Lufen, dass im Weltstandard der Musik hinterher gelaufen wird. Stellvertretend außerhalb der verlinkten Ergebnisliste sei die Mini-Renaissance des deutschen Sprints zumindest in Europa genannt. Nach der zum Titel stürmenden Gina Lückenkemper über 100m erreichten Joshua Hartmann  in persönlicher Bestzeit von 20,33 Sekunden als Direktqualifizierter und Alexandra Burkhardt in 23,05 Sekunden mit kleinem „q“ die Finals über 200 Meter.