David Storl nicht einmal mehr der Platzhirsch im eigenen Revier

(Schönebeck/Rom/Krefeld, 11. Juni 2022) Zitieren wir ihn selber: Er müsse niemanden mehr etwas beweisen, wolle Spaß haben und genießen, der durch die neutrale Brille betrachtet zum Sorgenkind mutierte einstige (Kugelstoß-)Wunderknabe David Storl (*27.07.1990) vom SC DHfK Leipzig. Dabei vollzog der Staatsamateur in Diensten der Bundespolizei von ehedem sparsamen, sehr gezielten saisonalen Auftritten eine Wandlung nach dem Motto „Wettkampf ist das beste Training“, lebt praktisch aus dem Koffer und tingelt von einem Sportfest zum nächsten. Donnerstag noch mit – nicht von ihm – Glitzer und Glamour bei der Golden Gala in Rom (8. mit 20,10m; Sieger Joe Kovacs mit 22,00m), gestern schon auf dem „Dorf“ beim Schönebecker SoleCup in (ver-)trauter nationaler Umgebung. Doch der „Tingelbruder“ auf der Walz, der als Ehemann und Vater von drei Kindern momentan die Haushaltskasse mit Antrittsgeldern aufbessert, ist nicht einmal mehr im eigenen Revier der Platzhirsch. Der immerwährende „Storli“ stieß diesmal als Zweiter 19,98m.

Dennis Lukas überbot erstmals die national begehrte 20-m-Marke

Der 31-Jährige wurde vom amtierenden deutschen Überraschungsmeister Dennis Lukas (*1994) von der LG Idar-Oberstein geschlagen, der mit 20,06m (PBL bisher 19,82m bei seinem Titelgewinn) erstmals die national begehrte 20-m-Marke übertraf. Dies gelang dem 28-Jährigen, also in dem Sinne kein aufstrebendes Nachwuchstalent mehr, ganz nach Art der Drehstoßer mit einem gehörigen Ausreißer nach oben im dritten Durchgang und einem nächstbesten Versuch von 19,34m sowie bis zu 18,83m abwärts (siehe Ergebnisliste). Noch dies: Der Rheinländer gehört zur Kategorie Feierabendsportler, gesponsert von Mama und Papa, wie mir erst kürzlich zum besseren Verständnis sein Vater in einer E-Mail schrieb.

Einem Tiefpunkt folgt  bei „Storli“ der nächste
 
Da bedarf es schon eines sehr dicken Fells und einer gehörigen Portion Gleichmut von Storl, eingedenk all der Begleitumstände noch Spaß an der Freud‘ zu haben. Denn der frühere zweimalige Weltmeister (2011 und 2013) und 15-fache Medaillengewinner bei internationalen Titelkämpfen, der als 19-jähriger Jungspund bei „Fliegende Kugeln im Advent“ im Dezember 2009 in Rochlitz die 7,26-Kilo-Kugel bereits 20,49m weit stieß (ich war live dabei), erlebt gerade die schwächste Saison seiner glanzvollen Karriere. Wohlweislich hatten wir nach seinen 19,84m von Ostrawa in Klammern „vorläufige?“ absolute Tiefpunkt geschrieben (siehe Beitrag). Als Achter im polnischen Chorzow (05.Juni) sollte es mit 19,72m noch ein bisschen tiefer gehen, derweil vorne mit 22,31m von Tomas Walsh aus Neuseeland die Post abging. Da liegen „nur“ sieben Plätze und dennoch Welten eines Mannes dazwischen, der immerhin 22,20m aus 2015 als seinen „Hausrekord“ führt. Lang, lang ist’s her unter seinem damaligen Heim- und Bundestrainer Sven Lang.
Ob der Sachse mit der für ihn ungewöhnlichen Wettkampfanhäufung (allein vier innerhalb von acht Tagen) noch den Turbo zünden kann und aus dem Knick kommt, wenigstens die Norm (20,85m) für die Heim-EM in München schafft, wäre schon eine höchst positive Überraschung.