Sportsch(l)au: Teufelskreis Verletzungen - nicht wieder zu früh anfangen

(Köln/Krefeld, 28. April 2022) Es kursieren eine Menge Sportirrtümer, die so lange kolportiert und transportiert werden, dass sie irgendwann Mythenstatus erlangen, also für bare Münze genommen werden. Der Sport- und Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse (im Bild) von der Deutschen Sporthochschule Köln, früherer Klasse-Sprinter beim einstmals ruhmreichen ASV Köln, nimmt sich derartiger Vorurteile im WDR2-Hörfunk und ARD-Morgenmagazin unter der Rubrik „Sportsch(l)au“ und anderen Publikationsmedien sowie seinem eigenen Internet-Portal an. Dank seiner freundlichen Genehmigung haben wir honorarfrei seit nunmehr über zehn Jahren in loser Folge bislang 107 Kapitel zu diesem Themenkomplex veröffentlicht. Kein Reservoir ist auf Dauer unerschöpflich, selbst wenn hin und wieder etwas Neues dazukommt. Deshalb werden wir gelegentlich frühere, allgemeinverbindliche und zeitlose Beiträge zur Auffrischung oder aber für im Laufe der Zeit hinzugekommene LAMPIS-Leser wiederbeleben.  As

Ein Zusammenwirken: Kein Körperteil kann isoliert betrachtet werden

Eine Verletzung ist soeben erst ausgeheilt, da folgt auch schon die nächste. Viele Sportler können von diesem Teufelskreis aus Verletzungen ein garstiges Lied singen. Das gilt für Profis wie engagierte Amateursportler gleichermaßen. Doch ist es wirklich nur Pech oder steckt etwas anderes dahinter? Fakt ist, alle Strukturen des menschlichen Körpers sind miteinander vernetzt. Kein Körperteil kann isoliert betrachtet werden, der Blick gilt dem kompletten System „Körper“. Wird also eine Schraube, etwa durch eine Verletzung, verändert, so hat das Auswirkungen auf den Rest des Systems und das eben nicht nur für den Zeitraum der Genesung. Bei einer Verletzung werden falsche beziehungsweise veränderte Informationen vom sensorischen System an das zentrale Nervensystem geliefert. Dadurch werden bisherige Bewegungsmuster abgewandelt und zu veränderten, fehlerhaften Bewegungsabläufen umgestaltet. Die verletzte Struktur wird somit zwar entlastet, jedoch zu Ungunsten anderer Körperregionen, die nun einer erhöhten Belastung ausgesetzt werden. Ist also das linke Knie verletzt, so wird es geschont durch eine höhere Belastung des rechten Beins. Die Strukturen des rechten Beins müssen ein Mehr an Kraftaufwand leisten. Somit wird eine andere Extremität über einen langen Zeitraum unphysiologisch belastet.

Schonhaltungen können Nachbargelenke in Mitleidenschaft ziehen

Doch dies ist nur eine Konsequenz, die sich aufgrund einer Verletzung und der damit verbundenen Schonhaltung ergibt. So können beispielsweise auch die Nachbargelenke in Mitleidenschaft gezogen werden. Die veränderten Informationen führen auf einen längeren Zeitraum dazu, dass die Gelenkbewegungen sich verändern. Eine Schonhaltung aufgrund einer Knieverletzung kann somit zum Beispiel Schmerzen in der Hüfte oder im Sprunggelenk verursachen.
Zudem sind auch Strukturen wie das Bindegewebe und die darin enthaltenen Faszien betroffen. Faszien bestehen aus einer kollagenen Flüssigkeit und umhüllen die Muskeln so, dass sie eine stabilisierende Wirkung ausüben. Durch Fehl-, Über- und Unterbelastungen kann die Struktur verkleben, was eine Steifheit der Struktur auslöst und wiederum mit Schmerzen verbunden ist. Bedeutet: Sowohl Unterbelastungen durch etwa einen eingegipsten Arm, als auch Überbelastungen durch eine Schonhaltung sind Gift für die Faszien.
Folglich heißt es nicht zwangsläufig, dass ein Sportler bei der Abheilung von der eigentlichen Verletzung wieder genesen, die körperliche Verfassung komplett wieder hergestellt ist. Die Rückkehr ins Training muss mit Bedacht erfolgen und nicht überhastet geschehen. Je früher man nach einer Verletzung zurückkehrt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Verletzung. Dann allerdings in einer anderen Struktur.