Anglizismuswahnsinn treibt stets neue höchst seltsame Blüten

Glosse

Neben der Spur

(Dortmund/Darmstadt/Berlin/Krefeld, 10. Dezember 2021) Es stimmt als doch: Neben den Menschen, die synchron schwimmen, curlen oder mit seltsamen Kopfbedeckungen ihren Pferden (un)-menschliche Vorstellungen von Bewegungsmustern aufzwingen (Dressur), gehören jene, die laufen, springen oder Gegenstände durch die Luft schleudern, also wir Leichtathletikbesessenen, zur gebildeten Schicht. Besonders in der Westfalenmetropole Dortmund, wo direkt neben der Kumpel-Kultstätte des Fußball-Bundesligisten BV Borussia 09 ein Hauch von akademischer Tiefenschärfe zu verspüren sein wird. So am Samstag, 18.Dezember 2021, an dem die veranstaltende LG Olympia Dortmund in der Helmut-Körnig-Halle ein so genanntes „Xmas Run“ ausrichtet. Ein, im angemessenen Duktus formuliert, Event, das wohl als ein Bildungsangebot zu verstehen sein dürfte.

Eine im doppelten Sprachsinne fälschliche Bezeichnung...

Was wollen uns die Sportfreunde aus dem Pott vorweihnachtlich vermitteln? Nun: Xmas ist viel christlicher als man denkt. Der Buchstabe X findet sich seit frühchristlicher Zeit im griechischen Namen XPITO (welcher im Lateinischen später zu Christus wurde). Als Abkürzung heraus genommen wurden die beiden Buchstaben X (Chi) und P (Rho). Diese sind dann zu einem Christogramm (Monogramm) verschmolzen worden. Neben Kreuz und Fisch wurde es zu einem der wichtigsten christlichen Symbole, das der römische Kaiser Konstantin (4.Jahrhundert nach Christus) als sein Feldzeichen verwendete. Das schnöde „Weihnachten" fußt dagegen auf germanisch-heidnische Sitten, da es die Zeit umfasste, in der der Mittwinter gefeiert worden ist, also die „Heiligen Nächte" (Mittelhochdeutsch: "wihen nahten"). Weihnachten ist also out!

...denn es wird auch Kugel gestoßen

Auch wenn bei diesem „Xmas Run" nicht nur gerannt, sondern auch geshotputtet wird, gilt der Dank den westfälischen Freunden, die uns über den Tellerrand schauen lassen. Nur deutschtümelnde Ewiggestrige werden meinen, dass Xmas eine Verirrung von den dem Denglish verfallenen Wichtigtuern sei. Weit gefehlt: In der Leichtathletik – ob in Dortmund, Darmstadt oder anderen polyglotten Denkfabriken – vereinen sich weitläufige Bildung und Modernität zu einer Symbiose, die uns alle auf ein höheres Niveau hievt. Anders als bei unseren Freunden des SSC Berlin, die morgen lediglich ein „Run ‚n‘ Jump“ ausrichten, was zwar den gesunden Körper fordert, unseren Bildungshorizont aber nun wirklich nicht verbreitert.