Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim DLV weit auseinander

Kolumne

Moment mal

(Tokio/DarmstadtKrefeld, 10. August 2021; 15.30 Uhr) Vergleichen wir aus deutscher Sicht die Leichtathletik-Ergebnisse der Olympischen Spiele von Tokio 1964 mit denen von 2021 an selber Stelle im neuen Nationalstadion, dann muss die Struktur des verantwortlichen Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) stark in Frage gestellt werden. Denn bei dem betriebenen immensen Aufwand lassen sich zum wiederholten Male bei einem internationalen Großereignis der restlos überzogene Anspruch und die nüchterne Wirklichkeit nicht einmal auch nur annähernd in Einklang bringen.

Zweimal Gold, fünfmal Silber, dreimal Bronze 1964 mit der Hälfte an Aktiven

Für die 43 heimischen Leichtathleten gab es anno 1964 zwei Goldmedaillen durch Willi Holdorf (Zehnkampf) und Karin Balzer (80m Hürden), fünf Silbermedaillen von Harald Norpoth (5000 m), Dieter Lindner (20 km Gehen), Wolfgang Reinhardt (Stabhoch), Ingrid Lotz (Diskuswurf) und Renate Garisch (Kugelstoßen) sowie jeweils Bronze durch Klaus Lehnertz (Stabhoch) und Uwe Beyer (Hammerwurf). Derweil sprangen für die mehr als doppelte Zahl von inzwischen Berufssportlern (meist Staatsamateure von Bundeswehr und Bundespolizei) bei diesen nachgeholten Olympischen Spielen lediglich einmal Gold (Malaika Mihambo) und zweimal Silber (Kristin Pudenz, Jonathan Hilbert) heraus.

Ein administrativer Wasserkopf zu anno dazumal

Während 1964 auf der damaligen DLV-Geschäftsstelle in Kassel der administrative Betrieb von Geschäftsführer Fritz Steinmetz, eine absolute Koryphäe seines Fachs, mit einer Handvoll Mitarbeiter geführt worden ist, sind es heutzutage am Herrschaftssitz in Darmstadt laut Präsident Jürgen Kessing „über 50 hauptamtliche Kräfte“ im enorme Gehälter verschlingenden gehobenen und höheren Dienst in Direktoren- und Stellvertreter-Positionen. Dazu gesellen sich im sportlichen Bereich 68 Bundes- und elf Stützpunkttrainer. Auch diese Zahl hat sich seit 1964 verzehnfacht, aber analog dazu sind die Erfolge rückläufig. Das sieht verdächtig nach brotloser „Kunst“ aus.

Prädikat Leichtathletik-Nation nicht mehr verdient

Wer in der Nationenwertung hinter Italien, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Uganda nur auf Rang 13 landet, hat das Prädikat Leichtathletik-Nation nicht mehr verdient. Da hilft es auch herzlich wenig, wenn die Verantwortlichen hinterher als Entschuldigung sagen: „Die Bilanz unserer Leichtathleten ist nicht zufriedenstellend. Aber unsere Athleten haben ohne Zweifel das Potenzial. Leider konnten es viele zu selten abrufen.“

Etliche Funktionsträger sollten ihren Hut nehmen

Es ist zu begrüßen, dass der umstrittene DOSB-Präsident Alfons Hörmann zum Jahresende auf großen Druck hin abdankt. Aber auch andere Funktionsträgern müssten nach diesem Debakel ihren Hut nehmen. Wenn nicht, sollte das Bundesministerium des Innern (BMI), das hierzulande für den Sport zuständig ist, die Verträge mit hauptamtlichen Trainern nicht mehr verlängern und den erfolgreichen Heimtrainern, die eh die Hauptarbeit leisten, ein adäquates Honorar zahlen.