Medaillenhoffnung Christin Hussong schied nach dem Vorkampf aus

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(Tokio/Krefeld, 06. August 2021; 16.45 Uhr) Selten zuvor hätte ich mich in meiner Prognose lieber geirrt, als dass bei der 4x100-m-Staffel der Frauen schon alle Dinge aus dem Leichtathletik-Bilderbuch zusammenkommen müssten, um nach bronzefarbenen Sternen zu greifen. Und irgendwie war es bezeichnend, dass nach einem bis dahin blitzsauberen Rennen sowie prima Wechseln von Rebekka Haase, Alexandra Burkhardt und Tatjana Pinto ausgerechnet die umstrittene Schlussläuferin Gina „Nazionale“ Lückenkemper den kapitalen Bock schoss. Die Wahl-Berliner „Schlabberschnüss“ rannte zu früh los, musste abbremsen, verlor an Tempo und musste im Finish als Fünftplatzierte in 42,12 Sekunden (Vorlauf 42,00) auch noch die Schweiz (42,08) passieren lassen. Hinter den turmhoch favorisierten Jamaikanerinnen in Nationalrekord von 41,02 Sekunden und den USA (41,45) wurden die Britinnen Dritte in 41,88 Sekunden. Das war also der Stoff, aus dem die Blütenträume auch gereift wären. Hätte, hätte, Fahrradkette. Und was war wieder zu hören? Der immergrüne Gassenhauer „Beim nächsten Mal“! Das hätte ich ebenfalls vorhersagen können. Doch auch bei mir stirbt die Hoffnung zuletzt.

Für beide Sprintstaffeln blieben ehrenvolle Platzierungen

Noch weiter weg von Edelmetall, wiewohl auch vorher richtigerweise als vollkommen unrealistisch eingeschätzt, war zehn Minuten später das Sprintquartett der Männer. Julian Reus, Joshua Hartman, Deniz Almas und Lucas Ansah-Peprah waren in 38,12 Sekunden (VL 38,06) als Sechste absolut chancenlos. Derweil wurden davor die Mechanismen des spektakulären Geschäfts der ultraschnellen Jungs mit einem europäischen Doppel-Erfolg kurzerhand außer Kraft gesetzt und auf den Kopf gestellt. „Bella“ Italia in Landesrekord von 37,50 hauchdünn vor Großbritannien (37,51), Kanada (37,71), China (37,79 NR) und Jamaika (37,84). Wer die Dreierwette auf den ersten drei Plätzen auf seinem Tippzettel hatte, der durfte sich über das x-fache des Einsatzes in Euro, Pfund oder Dollar freuen.

Da ist der Formaufbau und die Wettkampfsteuerung zu hinterfragen

Vergessen wir die abschließenden Staffeln des achten Wettkampftages. Der eigentliche Super-GAU (= Größte angenommene Unfall) fand fiel früher zu mittäglicher heimischer Stunde statt. Als Weltbestenlisten-Zweite im Speerwurf und einer bis dahin unter dem dicken Strich durchweg imposanten Saison mit recht konstanten Leistungen auf hohem Niveau galt sie als eine der wenigen ganz großen Medaillen-Hoffnungen des überpfropften DLV-Teams mit allzu vielen „Sozialfällen“ in seinen Reihen. Die 28-jährige Zweibrückerin sah sich in einem Beitrag auf dem verbandsinternen Internetportal selber „bereit für eine Medaille zu kämpfen". Pustekuchen! Offenbar war der Rucksack zu groß und schwer, den sie nach der ernüchternden Qualifikation mit sich herumtrug. Mit ihrem schlechtesten Saisonresultat von 59,94m schied sie als Neunte des Vorkampfes aus. Für Edelmetall wäre kein Überding vonnöten gewesen: 1. Shiying Liu (China) 66,34m, 2. Maria Andrejczyk (Polen) 64,61m, 3. Kelsey-Lee Barber (Australien) 64,56m. Da muss im Formaufbau und der Wettkampfsteuerung ordentlich was schief gelaufen sein.

Saskia Feige stieg im 20 km Gehen vorzeitig aus

Gehen wir in der Hinterbänkler-Riege chronologisch vor. Ohne gleich konstatieren zu wollen, dass der Name schon Programm wäre: Saskia Feige stieg  im von 58 Teilnehmerinnen um 09.30 Uhr aufgenommenen Wettbewerb im 20 km Gehen irgendwann nach ihrer 10-km-Zwischenzeit von 47:20 Minuten aus. Die noch 23-jährige Potsdamerin handelte sich eine Woche vor ihrem Geburtstag an einem Freitag den 13. entsprechend ein DNF (= Did Not Finished für „nicht abgeschlossen“) in der Ergebnisliste ein. Dafür kann es irgendwelche triftigen, uns nicht bekannten Gründe geben. Allerdings, so es denn so ist, hätte es keinen ungünstigeren Zeitpunkt geben können.

Sportliche Bankrott-Erklärung des Viertelmeiler-Quartetts

Beispielsweise verletzt hatte sich offensichtlich niemand. Das kam schlicht und ergreifend nicht nur einem sportlichen Offenbarungseid gleich, es war schlechterdings einer. Was Marwin Schlegel, Luke Campbell, Jean Paul Bredau und Michael Sanders im ersten Vorlauf über 4x400m ablieferten und den Bundesadler als Letzte (auch der Gesamtwertung als 16.) in 3:03,62 Minuten um die Bahn spazieren trugen, war einfach blamabel, eine Bankrotterklärung einstiger deutscher Herrlichkeit auf der Viertelmeiler-Distanz. Wunder waren eh nicht zu erwarten und die Liebäugelei im Vorfeld ans Finale reine Utopie und honigblühende Fantasie. Dazu war eine Zeit von unter drei Minuten erforderlich. Aber: Umgerechnet entspricht das einer Durchschnittszeit bei drei „fliegenden“ Starts von 45,9 Sekunden. Die ist Karsten Warholm aus Norwegen bei seinem Olympiasieg mit Fabel-Weltrekord (45,94) mit zehn Hürden dazwischen gelaufen. Noch irgendwelche Fragen? – Alle Resultate.