Julia Ritter ragte beim 5. Neustädter Kugel-Cup heraus

(Gerstungen-Neustädt/Krefeld, 11. Juli 2021) Nun wollen wir hier nicht das vielzitierte Fell des Bären strapazieren. Denn schützenswerte Wildtiere sollten eh nicht als Dekoration von irgendwas erlegt werden. Aber leider ist es mit allzu vollmundigen Ankündigungen von unter „Arten- und Denkmalschutz“ stehenden Athleten ähnlich. Deren avisiertes Kommen ist auch erst wirklich sicher, wenn sie da sind. Und der Veranstalter, das Publikum am Rande, wiewohl es keinen Eintritt zahlen musste, und interessierte Berichterstatter vom Fach, inklusive eines Fernsehteams vom MDR, schauen bedröppelt drein. So geschehen und live gesehen gestern beim mit sehr viel Liebe bis ins Kleinste von Initiator Heiko Wendorf organisierten 5.Neustädter Kugel-Cup auf seiner privaten Anlage im 300-Einwohner-Vorort von Gerstungen in Thüringen haarscharf an den Grenze zu Hessen. So wurde bei den Frauen aus einem Sextett ein Trio und bei den Männern aus acht stattlichen Recken derer fünf, wie es auch der  bewährte, bestens vorbereitete und mit launigen Worten unterhaltende Moderator Hardy Gnewuch anmerkte. Kleine Kostprobe gefällig? Bitte schön! „Leute, ihr seid hier auf einer Sportveranstaltung und keiner Beerdigung“, forderte der Hallenser die Zuschauer zum rhythmischen Klatschen auf.

Sven Lang von Schwanitz' Meldung und auch vorherigen Quarantäne-Trip überrascht

Aber neben Bürgermeisterin Silvia Hartung, die eine kleine Eröffnungsansprache hielt, TLV-Präsident Wolfgang Lahmann, einem Vertreter von Sponsor ARAG war mit Sven Lang zumindest der Chef-Bundestrainer Stoß/Wurf vor Ort. Der zeigte sich jedoch im Gespräch mit dem Chronisten sichtlich überrascht, dass seine für die Olympischen (Seuchen-)Spiele in Tokio nominierten, auch von ihm heimisch betreuten Athletinnen Christina Schwanitz und Katharina Maisch (beide LV 90 Erzgebirge) in der Meldeliste auftauchten. „Schließlich können wir für Wettkämpfe nicht ständig das Training reduzieren. Beide, und dazu Sara Gambetta, werden nächsten Freitag bei ihrem ,Heimspiel‘ in Thum starten.“ Wobei anzumerken wäre, dass der 59-jährige Ur-Sachse mit unüberhörbarem Slang nicht über alle Schritte seines (einstigen?) Paradeschützlings im Bilde ist. Der verhängnisvolle Quarantäne-Trip von „La Schwanitz“ zum Juwelen-Meeting ins britische Hochinzidenz-Gebiet von Gateshead war ihm vorher nicht bekannt, wie er unverhohlen bekannte. Sei der guten Ordnung halber noch angemerkt, dass Alina Kenzel vom VfL Waiblingen ebenfalls durch nicht benannte Abwesenheit glänzte. Triftige Gründe kann es immer geben. Gebotener wäre es jedoch, sie auch mitzuteilen.

Vier von sechs Versuchen über 18 Meter auf einem Bierdeckel abgelegt

Doch wenden wir uns jener jungen Dame zu, die das nicht verlangte Eintrittsgeld zu 100 Prozent wert gewesen wäre: Julia Ritter vom TV Wattenscheid. Die zu großen Hoffnungen Anlass gebende 23-jährige Westfälin legte bei der Hatz nach der letztlich leider mit der neuen Bestleistung von 18,35m um 15 Zentimeter verpassten Olympianorm in den vergangenen sieben Wochen auf Fahrten zu Wettkämpfen im VW-Bully ihres Klubs mit ihrem Vater am Steuer 12.000 Kilometer zurück. Der ganz normale Wahnsinn. Dabei übertraf sie bei sechs von sieben Gelegenheiten mit einer geradezu verblüffenden Beständigkeit ohne große Streuung nicht allein im Endergebnis die 18-Meter-Marke. Die Kämpfernatur mit höchst professioneller Einstellung (bekenne als Ex-Kugelstoßer freimütig, mittlerweile ein schreibender Anhänger von ihr zu sein) ist immer noch kein bisschen müde, weiterhin ungebremst zielstrebig und ehrgeizig.
Vier ihrer sechs gültigen Versuche von 17,24, 18,04, 17,70, 18,02, 18,09 und 18,01m legte sie quasi auf einem Bierdeckel ab. Und das darf getrost nahezu wörtlich genommen werden. Mit ganz feiner, geschliffener Klinge der herkömmlichen Rückenstoß-Technik nach Parry O’Brien aus den USA trifft sie in Fortsetzung des Angleitens in gerader Linie stets die Mitte des Sektors. Die dezimierte Konkurrenz war chancenlos, schaute staunend und applaudierend zu.

Julia tingelt bis Ende August munter weiter

Die als DM-Dritte mit 18,13m im letzten Durchgang überraschende „Drehstoß-Wundertüte“ Yemise Ogunleye von der MTG Mannheim und da unmittelbar vor Ritter (17,58m), lieferte sich mit Wechselschritt-Technikern Sarah Schmidt vom LV 90 Erzgebirge bei 16,95 zu 16,94m ein Zentimeter-Duell um den zweiten Platz hinter der nicht nur ihrem Namen gemäß Frau ohne Furcht und Tadel. Die hätte es nämlich viel schöner gefunden, wenn Schwanitz und Maisch gestartet wären. „Obwohl ich stets und überall mein Bestes gebe, hätte das wahrscheinlich noch ein bisschen mehr an Weite aus mir herausgekitzelt“, meinte sie hinterher. Aber am Mittwoch hat sie die Gelegenheit dazu. Überhaupt zieht sie, hoffentlich nicht zum Schrecken ihres familiären Chauffeurs, unermüdlich die Saison bis Ende August durch, während Ogunleye ihre Ziele weit übertreffend bereits gestern einen Haken dahinter machte.

Rumäne Sebastian Coldea nahm sich 2.800 km unter die Räder

Später stellen wir noch einen Nachdreher zum „Randgeschehen“ um Ritter in unser Fenster Ergebnisse, zumal zum Zeitpunkt (10 Uhr) dieser Verlinkung die Resultate der Männer in der Online-Ergebnisliste fehlten. Noch dies: Mitunter lohnt der weiteste Weg. Den hatte Sebastian Coldea (*1941/M40) aus Rumänien, der sich von seiner Frau begleitet mit Logis im Pentahotel Eisenach zwischen Anreise am Freitag und heutiger Rückfahrt insgesamt 2.800 Kilometer unter die Räder seines Audi Q7 nehmen wird. Da wäre es ihm zu gönnen gewesen, dass er seine Saisonbestleistung von 14,27m gesteigert hätte. Die verfehlte er mit blanken 14,00 Metern um 27 Zentimeter. Für all‘ die Mühe wurde er neben Urkunde und Medaille von Wendorf als Sachpreis mit einer 1,5-Liter-Magnum-Flasche trockenen Schampus vom Jahrgang 2018 belohnt. Wiewohl ich schon einiges weiß, da mit meiner Chefin im selben Hotel gastierend, ist mir/uns nicht bekannt, ob sie gestern Abend noch geköpft wurde, die Pulle mit vergorenem Traubensaft. Bei unserem sehr zeitigen Frühstück ist uns das gemischte rumänische Doppel jedenfalls diesmal nicht begegnet. Womit nicht gesagt sein soll, dass es den Verdacht nahelegen würde.