Uwe Beyer warf heute vor 50 Jahren mit 74,90m Hammerwurf-Weltrekord

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Kolumne

Moment mal

(Stuttgart/Krefeld, 09. Juli 2021)
Greifen wir gaaanz tief in die Nostalgiekiste. Es war genau wie heute an einem Freitag: Nunmehr vor 50 Jahren, exakt am 09.Juli 1971, steigerte Uwe Beyer (*14.04.1945, 15.04.1993) vom USC Mainz bei den 71.Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Neckarstadion in Stuttgart den Weltrekord im Hammerwerfen von Anatoli Bondartschuk aus der damaligen Sowjetunion um 22 Zentimeter von 74,68 auf 74,90 Meter. Als seinerzeit für das LAC Quelle Fürth startender 20-jähriger Jungspund am Anfang meiner Karriere stehend, war ich live Zeit- und Augenzeuge dieses herausragenden Ereignisses, das sich tief in mein Langzeit-Gedächtnis eingebrannt hat. Sonst würde es diese Geschichte schließlich nicht geben. Bei den vielen Fakten nach Zahlen hat indes mein umfangreiches Archiv für ein wenig Auffrischung gesorgt.

Diese Bestmarke lag förmlich in der heißen Luft
 
Da mein Ausscheidungswettkampf im Diskuswerfen um 17.30 Uhr in der Hauptarena stattfand, war ich einer der wenigen Schaulustigen, die zur benachbarten Festwiese kamen, um auf diesem Nebenplatz der Ausscheidung im Hammerwerfen beizuwohnen. Schließlich lag an diesem Nachmittag ein neuer Weltrekord förmlich in der heißen Luft. So wurde zumindest vorher gemunkelt. Es müssen mehr als 30 Grad gewesen sein, denn die Sonne brannte gnadenlos und brachte mich schon beim bloßen Zuschauen ins Schwitzen, so dass ich viel Flüssigkeit verlor.
Aber ich brauchte mein Kommen nicht zu bereuen, obwohl ich dafür einen hohen Preis zahlen musste. Denn der Aufenthalt in der Hitze kostete mich zwei Stunden später mindestens zwei bis drei Meter meiner Diskusweite. Als Zehnter mit 49,40m – die besten acht der insgesamt über 20 Akteure wurden für den Vorkampf zugelassen – musste ich hinter Klaus-Peter Henning (59,70), Dirk Wippermann (57,10), Hein-Direk Neu (53,36), Ferdinand Schladen (52,62), Josef Forst (52,34), Karl-Heinz Steinmetz (52,22), Willy Zaiser (50,90) und Sigurd Mann (50,58) Lehrgeld zahlen. Gerd Sieben (50,56m) belegte mit nur zwei Zentimeter Rückstand den undankbaren neunten Rang. Einen Monat später sicherte ich mir bei den Deutschen Junioren-Meisterschaften in Augsburg mit 54,12 Meter den zweiten Platz, und meine Sportwelt war wieder in Ordnung.

Ein Raunen begleitete den Flug des Hammers bis zur Landung

Doch Rückblende zu jenem denkwürdigen Hammerwurf-Wettkampf in der Schwabenmetropole. Nachdem Uwe im ersten Durchgang bei einem Sicherheitswurf mit drei Drehungen 71,56 Meter vorlegte, folgte etwa eine halbe Stunde später sein zweiter Versuch. Dieses Mal drehte er viermal und schleuderte den Hammer hoch und weit hinaus.Bevor sein Arbeitsgerät wieder Bodenkontakt hatte, hörte man ein Raunen von den wenigen Zuschauern. Die Spannung wuchs bis der Kampfrichter-Obmann die Weite von 74,90 Meter bekanntgab. Lauter Jubel brandete auf: WELTREKORD!
Wen interessierte es damals, dass Anatoli Bondartschuk schon zwei Jahre vorher am 12.Oktober 1969 in Rowno (Ukraine) 75,48 Meter geworfen hatte?  Bis zum vermeintlichen Weltrekordwurf von Uwe lag kein Rekordprotokoll vor. Erst daraufhin wurde es nachgereicht.

Als Jung-Siegfried eine Hauptrolle in die „Die Nibelungen“

Für mich ist und bleibt Uwe Beyer (im Bild) für kurze Zeit der Hammerwurf-Weltrekordhalter. „Kurze Zeit“ deshalb, weil Walter Schmidt in seinem Heimatort Lahr knapp acht Wochen später am 4.September 1971 den Weltrekord auf 76,40 Meter verbesserte.
Im damaligen Hammerwurf-Finale, das einen Tag später im Neckarstadion ausgetragen wurde, holte sich Uwe Beyer mit 72,58 m den Titel vor Walter Schmidt (71,86 m) und Lutz Caspers (70,50 m), die sich damit ebenfalls für
die Europameisterschaften in Helsinki qualifizierten, die Beyer mit 72,36m gewann.
Obwohl der Begriff vor einem halben Jahrhundert für Sportler noch auf die Erfindung wartete, war der blonde, blendend aussehende Modell-Athlet Uwe Beyer so etwas wie der erste deutsche „Popstar“ der Leichtathletik. Seine Popularität und seine charismatische Ausstrahlung verhalfen ihm ohne schauspielerische Ausbildung zu einer Hauptrolle als Jung-Siegfried im ersten Teil der Kinoproduktion „Die Nibelungen“ von 1967. Den größten sportlichen Erfolg feierte der gebürtige Timmendorfer mit 68,09m als Bronzemedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio.
Einen Tag nach seinem Geburtstag verstarb Beyer erst 48-jährig durch einen Herzinfarkt während eines Tennisspiels an seinem türkischen Urlaubsort Belek.