Viel Lärm um nichts zum Kugelstoß-Weltrekord von Ryan Crouser

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Glosse

Neben der Spur

(Eugene und das Internet/Krefeld, 22. Juni 2021)
Greifen wir mit dem Titel „Viel Lärm um nichts“ einer Komödie von William Shakespeare tief in die Literatur- und Theaterkiste. Oder bleiben wir im Lande und zitieren den deutschen Dichter, Denker und Philosophen Friedrich Schiller mit „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Ja, klar: Nachkarten macht nicht nur beim Skat und gerade beim EM-Fußball Spaß, neuerdings auch in der Leichtathletik. So kursieren im Internet zu Behauptungen erhobene Mutmaßungen mit immer neuen angeblichen Beweis-Videos, dass der von Ryan Crouser bei den Olympia-Ausscheidungen der USA in Eugene/Oregon aufgestellte Fabel-Weltrekord von 23,37 Meter im Kugelstoßen nicht regelgerecht erzielt worden sei. Das Online-Portal des Fernsehsenders Sport1 begab sich aufs „Boulevard“ und nahm sich sogar dieser sinnfreien Luftnummer in einer großen bebilderten Geschichte an (siehe Link).

Selbst das Mehr-Augen-Prinzip brachte keine Aufschlüsse

Offengestanden habe ich als ehemaliger Kugelstoßer mit 1.160 eigenen Wettkämpfen ein keineswegs ahnungsloser, regelunkundiger Betrachter nicht auch nur ein klitzekleines bisschen geargwöhnt, als ich mir das erste veröffentlichte und in unserem Beitrag verlinkte Video angeschaut habe. Aber wie bereits erwähnt, wurde unter anderem mit dieser Verlinkung nachgelegt. Dieser Anschauungsunterricht in verlangsamten bewegten Bildern aus verschiedenen Positionen soll nun beweisen, dass Crouser beim Eindrehen des linken Fußes mit der Schuhsohle regelwidrig die Ringkante berührt habe. Obwohl meine Sehschärfe für ein älteres Modell noch bestens sowie augenärztlich attestiert ist und ich nicht auf dem Smartphone, sondern mein ganz persönliches Video-Studium auf einem großformatigen Monitor betrieben habe, kann nach meiner Drauf- und Ansicht das vermeintliche Vergehen allenfalls gemutmaßt, aber nicht absolut und ultimativ zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Aber ich predige ja nicht das Evangelium und bin zudem nicht dermaßen von mir eingenommen, dass ich mich für unfehlbar halten würde. Also habe ich im engeren Kreis kugelstoßender Sportfreunde, inklusive solcher, die sich um die eigene Achse drehen, um deren buchstäbliche Ansicht und Stellungnahme gebeten. Einhelliger Tenor: Das (mutmaßliche) Berühren der Ringkante ist nicht eindeutig zu erkennen.

Zwei Kampfrichter müssten bäuchlings auf dem Boden liegen
  
Doch maßgeblich(er) ist ohnehin die unumstößliche und unwiederbringliche Tatsachenentscheidung der gleich vier (!) Kampfrichter, je zwei auf jeder Seite am Ring, die kein Haar in der Suppe gefunden, den Versuch für regelkonform gehalten haben und der auf dem Stuhl sitzende Hauptkampfrichter zum Zeichen dessen die weiße Fahne gehoben hat. Basta! Mithin wären wir wieder beim eingangs genannten Mister Shakespeare aus Great Britain.
Allerdings haben wir noch den überaus treffenden Kommentar eines Drehstoß-Interpreten aus meiner kleinen Umfrage: „Um ein etwaiges Berühren der Ringkante stichhaltig erkennen zu können, müsste an jeder Seite je ein Kampfrichter bäuchlings auf dem Boden liegen oder ein Sensor eingebaut werden.“ Hätten wir das auch noch geklärt!
Redaktioneller Hinweis auf einen gestern Nachmittag eingestellten Beitrag in unser Fenster Ergebnisse.