Auf die Teilnahme einer deutschen Mannschaft sollte verzichtet werden

Kolumne

Moment mal

(Tokio/Krefeld, 23. April 2021)
Nicht jeder geneigte Leser männlich wie weiblich kann und muss meine Vita kennen. Deshalb zum besseren Verständnis vorausgeschickt, dass ich nicht nur seit nunmehr 55 Jahren über Sport schreibe, davon den größten Teil berufsmäßig. Vielmehr bin ich von Kindesbeinen an leidenschaftlicher Sportler in Vereinen mit – in dieser Reihenfolge – den Stationen Fußball, Eishockey, Tennis und Leichtathletik, habe in meiner Spezialdisziplin Kugelstoßen zwischen 1966 und 2018, unterbrochen durch eine dreijährige Zwangspause (nicht JVA, sondern mit einem schweren Bandscheibenvorfall), 1.160 Wettkämpfe mit vielen nationalen und internationalen Erfolgen absolviert.
Darüber hinaus ist mein passives Interesse mehr oder weniger stark ausgeprägt breit gefächert, nicht eindimensional auf die Leichtathletik ausgerichtet. Kurzum – würde oder werde ich mir auch olympische Ringe unter den Augen bei den Fernseh-Übertragungen von den Olympischen (Nachhol-)Spielen im japanischen Tokio vom 23.Juli bis 08.August 2021 bei einem Zeitunterschied von sieben Stunden (Berlin 08:00 Uhr, Tokio 15 Uhr) zulegen. So sie denn stattfinden sollten.

Japan ruft morgen den dritten Notstand aus

Große Zweifel sind weiterhin angebracht. An der Sinnhaftigkeit sowieso, sie in Zeiten wie diesen einer tobenden x-ten Corona-Welle weltweit auf Gedeih und Verderb außerhalb des Seilgevierts durchboxen zu wollen. Jüngst ist bei einem Fackelläufer in den dreißiger Jahren der erste offizielle Coronafall bekannt geworden, wurde daraufhin der Lauf in einigen Gebieten abgesagt oder auf weniger frequentierte Straßen verbannt. Morgen wird bei katastrophalen Zuständen (Osaka meldet eine Überauslastung der Intensivbetten von 116 Prozent) der dritte Notstand in Japan ausgerufen. Aber „The Games must begin“, koste es was es wolle und seien es Menschenleben. Da hört für mich der Spaß endgültig auf. Schließlich reden wir hier immer noch über die herrlichste Nebensache der Welt und von einer elitären Minderheit, die ihn zur Mehrung von Ruhm und Geld sowie zur Belustigung der Sehleute vor den Bildschirmen betreibt. Das friedlich-fröhliche Völkerfest mit Zuschauern aus aller Welt vor Ort in der 38-Millionen-Metropole des Inselstaates könn(t)en diese Geisterspiele ohnehin nicht mehr werden. Gewissermaßen Zirkus ohne Publikum. Vollkommen absurd!
Und die vielen Schreie nach einer vorherigen Durchimpfung aller rund 2.000 deutschen Sportler/innen lösten nicht allein bei mir, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, einen Schrei der Empörung aus. Zumindest bis gestern, als noch nicht bekannt war, dass nach Mitteilung der Bundesregierung die Impfperiodisierung bestimmter Berufs- und Personengruppen (bei letzterer momentan die Jahrgänge 1946 und ‘47) bundesweit aufgehoben werden soll.

Menschenleben dürften nicht einmal riskiert werden
 
Ungeachtet dessen sollte in Anbetracht der vielen anderen beschwerenden Gründe und einschränkenden Gegebenheiten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Absprache mit dem für Sport zuständigen Bundesinnenministerium mit Horst Seehofer (CSU) an der Spitze meines Erachtens Mut und Flagge zeigen und auf eine Teilnahme einer deutschen Mannschaft für Olympia verzichten. Wenngleich es sich um einen modernen Kampf der Gladiatoren handelt, sollten hier nicht leichtfertig Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden. Weder in, noch außerhalb der Arenen. 81.203 Corona-Tote (Stand gestern) sind es bereits in Deutschland.