Ein persönlicher Nachruf zum Tode von Kugelstoßer Ferdinand Schladen

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(Bad Godesberg/Bonn/Krefeld, 29. März 2021) Ferdinand Schladen (*24.05.1939), Kugelstoßer, Diskuswerfer, Freund ist in der Nacht zum heutigen Montag um 1:32 Uhr im Waldkrankenhaus in Bad Godesberg verstorben. Bereits seit 1969, als ich in Bonn mein Medizinstudium begann, kannten wir uns. Damals hatte er schon eine Bestleistung von 16,69 Meter mit der Kugel, dazu den Diskus bereits fast 55 Meter weit geworfen. Ich, vom Jahrgang 1946, war ebenfalls Kugelstoßer (da noch 13,76, später 17,14m). Deshalb fragte ich in der Universitätssportanlage nach ihm. Dort sollte er nämlich arbeiten und trainieren. Jemand rief in einen Raum hinein: „Fred, hier ist einer für Dich!“ Und dann kam ein ziemlich großer Kerl leicht gebeugt durch die Tür. „Sind Sie Ferdinand Schladen?“ „Nee, das ist mein Bruder“, antwortete mir der Riese.
Ich dachte, was ist das denn für ein Armleuchter, aber das sagt man Keinem, der 2,03m misst, wenn man selbst nur 1,86m groß ist. Ich ging dann allein zur Kugelstoßanlage und trainierte. Ferdi kam irgendwann dazu und beobachtete das Ganze. „Du bist ja tatsächlich Kugelstoßer.“ Er hatte gedacht, da käme wieder irgendein hilfloser Sportstudent, um ihm seine Zeit zu stehlen. Das war unsere erste Begegnung vor nunmehr 52 Jahren. Zu dem Zeitpunkt war er schon inmitten seiner sportlichen Karriere. Aber ich will von vorne beginnen.

Gebückte Arbeit war Gift für seinen Köprer

Eigentlich hatte Ferdinand, Ferdi oder Fred Betonbauer werden sollen. Doch die gebückte Arbeit war Gift für seine Körpergröße. Lang und dünn wie er war, ging er nach einem Jahr ganz krumm, so dass der Amtsarzt ihm zur Verbesserung der Haltung Turnübungen empfahl, am besten im Verein. Der Heimatverein – Kessenicher Turnverein – klang ja nach Turnen. Also nichts wie hin. Allerdings trainierten die „Turner“ draußen in Bonn in der Gronau, rannten auf der Laufbahn, stießen mit Kugeln, warfen Diskus oder Speer. Ferdi fragte, ob er mal die Kugel versuchen dürfte und stieß sofort über 11 Meter. Damit war er auf Anhieb Vereinsbester. Das bescherte ihm umgehend die Teilnahme an einem Leichtathletikvergleichskampf des KTV Südstern Bonn mit Dynamo Berlin (Ost), wo er in Straßenschuhen und mit geliehenem Trikot antrat. Weil man nur einen Diskuswerfer hatte, musste Ferdi auch hier ran, erzielte aus dem Stand 27,55m. Ein Jahr später warf er westdeutschen Rekord mit 51,78m und war fortan Mitglied im DLV-Kader. Es folgten Teilnahmen an olympischen Ausscheidungskämpfen mit der ehemaligen DDR, etliche Länderkämpfe und eine deutsche Vizemeisterschaft mit derselben Weite von 53,96m wie der Sieger Josef „Sepp“ Klik.

Eine neue Aufgabe als Platz- und Hallenwart im Sportpark Nord 

Ab 1966 verlegte er sich mehr aufs Kugelstoßen. Die Möglichkeit dazu bot sich mit der Eröffnung des Sportpark Nord in Bonn samt exklusiver Kugelstoßanlage, wo Ferdi zudem als Platz- und Hallenwart eine neue Aufgabe fand. Das Tollste aber war ein für damalige Zeiten perfekt ausgestatteter großer Kraftraum mit Olympiahanteln und diversen Geräten zur Kraftsteigerung. Zudem gründete sich ein neuer Leichtathletikverein, der LC Bonn, in dem sich alle Talente der Stadt sammelten, darunter auch etliche gute Kugelstoßer jenseits der 17 Meter, ein Speerwerfer und sogar ein Judomeister. In dieser Gruppe entwickelte Fred sein eigenes Trainingsprogramm, das später alle mitmachten. Seine Leistungen im Kugelstoßen steigerten sich bis zum Sommer 1972 auf 19,60m, bereits ahnend, dass dies noch nicht das Ende sein würde.

Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972 ausgebootet worden

Während der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 1972 im nagelneuen Münchner Olympiastadion, die gleichzeitig ein Test für Olympia sein sollten, herrschte eine große Hitze. Statt sich für den Wettkampf zu schonen, stieß sich Ferdinand viel zu lange ein, obwohl die Kugel gleich bei fast 20m landete. Als es dann losging, war die Spannung weg, und er wurde mit 19,37 m Vierter. Nur ein Konkurrent schaffte die geforderte Olympianorm von 20m. Dennoch wurden umgehend die drei Erstplatzierten für Olympia nominiert. Ferdinand wurde ausgebootet. Eine Woche nach den Titelkämpfen stieß er 19,97m, ähnlich dem Einstoßen in München. Seine persönliche Bestleistung gelang ihm mit 20,40m am 8.August 1972 im Aachener Waldstadion im Rahmen eines offiziellen vorolympischen Vergleichskampfes mit asiatischen Sportlern. Dies war damals ein neuer Rekord für die Bundesrepublik Deutschland. An der Einstellung des Verbandes änderte sich freilich nichts, auch als Ferdi beim Hanns-Braun-Sportfest in München die für Olympia nominierten Konkurrenten mit 20,23 Metern bei weitem übertraf. Er wurde im Stadion bei der Siegerehrung als Star gefeiert, obwohl dort ein späterer Doppel-Olympiasieger am Start war. Das Publikum hatte ein Gespür für die Ungerechtigkeit, die Ferdi widerfahren war.

Tiefpunkt deutscher Funktionärsherrlichkeit

Dem Verband hat es vermutlich nicht geschmeckt, dass er in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Autodidakt ohne Trainer sein eigenes Süppchen kochte und nicht einmal Sporthilfe bekam. Sogar der deutsche Rekord wurde vom DLV zunächst angezweifelt, obschon ein Experte der Technischen Hochschule Aachen das Gewicht der Kugel nachgewogen und die Neigung der Anlage nachgemessen hatte. Das gesamte Prozedere darf bis heute als Tiefpunkt deutscher Funktionärsherrlichkeit angesehen werden. Andererseits wurde damit ein tragischer Held" geboren, dem von überall die Sympathien nur so zuflogen.

Ehrengast von Sporthilfe-Chef Josef Neckermann

Immerhin war Ferdinand dann auf Einladung des unvergessenen Sporthilfe-Chefs Josef Neckermann Ehrengast für die ganzen Olympischen Spiele. Es spricht Bände, dass der Chef de Mission und Bürgermeister des Olympischen Dorfes, Walter Tröger, ihm am Ende der Spiele die offizielle Fahne des Dorfes überreichte.
Zehn Jahre später beendete er miit 43 Jahren seine Karriere im Kugelstoßen der Männer, wurde zum krönenden Abschluss Dritter bei den Deutschen Meisterschaften 1982, kehrte allerdings bei der M65 bis anfangs M70 noch mal mit vielen Erfolgen bei den Senioren in die nationalen Ringe zurück. Dazu bei Fachgesprächen unter Sportkameraden als sprudelnder, nie versiegender Quell von Geschichten und Dönekes.

Seine "saubere" Weite ist viel höher zu bewerten

Ferdinand hat bis zuletzt bei vielen Gelegenheiten immer wieder öffentlich darauf hingewiesen, dass er im Gegensatz zu fast allen anderen Konkurrenten – die das auch zugaben – niemals verbotene Mittel wie etwa Anabolika eingenommen hat. Von den westdeutschen Spitzenathelten wurde er als eine der ganz Wenigen auch bei Trainingskontrollen stets negativ getestet. Die positiven Ergebnisse wurden natürlich seinerzeit verschwiegen. Unter diesem Aspekt sind Ferdinands Leistungen auch international bedeutend höher zu bewerten. Er fühlte sich zu Recht als ein durch Doping anderer Betrogener.

Frühe Tod seiner Frau Vera ließ ihn in ein mentales Loch fallen

Als er fiel zu früh im Januar 2011 seine Frau Vera, eine Maskenbildnerin am Theater, verlor, und er in ein tiefes mentales Loch fiel,entwickelte sich zwischen uns eine tiefe Männer-Freundschaft weit über den Sport hinaus. Das Glück wollte es, dass er für die letzten Jahre noch in der Witwe Ursula „Uschi“ Sieglohr eine Lebensgefährtin fand, mit der in ihrem Haus in Bonn zusammenlebte. Es gibt unendlich viele Anekdoten, die sich mit seinem Namen verbinden. Sie alle auch nur annähernd nennen zu wollen,würde ein dickes Buch füllen. Zumindest ein bisschen davon steht in der auf LAMPIS erschienenen Laudatio zu seinem „Achtzigsten“.

Ein später Höhepunkt in seinem prall gefüllten Leben

Dieser Jubeltag war noch mal später Höhepunkt in seinem prall gefüllten Leben, zu dem Ferdi viele frühere Weggefährten in ein Ausflugslokal an der Troisdorfer Siegfähre einlud, und restlos alle aus nah wie fern kamen. Vor fünf Monaten saßen wir noch zusammen beim Geburtstag meiner Frau Brigitte. Nicht lange danach ereilte ihn eine extrem seltene Autoimmunerkrankung, gegen die keine Medizin ankam und an der er letztlich mit großer Geduld ertragenem Leid verstarb. Es mag ein kleiner Trost sein, dass es ihm erspart geblieben ist, sein Dasein  womöglich als Pflegefall fristen zu müssen. Ein großer Sportler im doppelten Sinne, ein großartiger Mensch, und ich darf zudem sagen mein Freund, ist für immer von uns gegangen. Der Rest ist Legende.
In dankbarer Erinnerung 
Wolfgang Knüll