Präsident Thomas Bach sieht Olympische (Nachhol-)Spiele nicht gefährdet

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Kolumne

Moment mal

(Lausanne/Krefeld, 11. März 2021) Welche höheren Mächte auch immer mögen IOC-Präsident Thomas Bach (im Bild) seinen grenzenlosen Optimismus bewahren. Der 67-jährige Wirtschaftsanwalt und einstige Weltklasse-Fechter aus Tauberbischofsheim erklärte gestern auf der virtuellen Generalversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von ihrem Sitz in Lausanne aus (sinngemäß aus dem Englischen übersetzt): „Es gibt keinen Zweifel daran ob, sondern höchstens wie die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden werden.“
Diese im doppelten Wortsinne ausgesprochen positive Prognose wird die Sportler der 206 Mitgliedsstaaten von Afghanistan bis Zimbabwe erst einmal freuen. Die im normalen Olympia-Zyklus ursprünglich für das Vorjahr (24.Juli bis 09.August) in der japanischen Hauptstadt vorgesehenen 32.Sommerspiele sind bekanntlich auf den 23.Juli bis 08.August 2021 wegen der die Welt in den Würgegriff nehmende verheerende Coronavirus-Pandemie verlegt worden.

Es hat sich an der unseligen Gemengelage kaum etwas geändert

Aber was hat sich an der unseligen Gemengelage großartig geändert? Außer, dass inzwischen einigermaßen flächendeckend, indes teilweise sehr schleppend (auch in Deutschland), dagegen geimpft wird. Die Infektionszahlen sind jedoch immer noch oder wieder mit stetig irgendwo neuen aufflackernden Krisenherden mit besorgniserregenden Inzidenzwerten (Tschechien 767) sehr hoch. Und wie soll das in einem Mensch gewordenen Ameisenhaufen von 37,5 Millionen in Tokio, wo derzeit der Ausnahmezustand herrscht, etwa 10.000 Sportlern plus all der Offiziellen plus möglicherweise X Zuschauern aus aller Herren Ländern funktionieren? Über das X soll heute beraten werden. Ungeachtet dessen sind nach einer jüngeren repräsentativen Umfrage mehr als die Hälfte der 126,5 Millionen Bürger der Inselnation im Pazifik tendenziell eher gegen eine Ausrichtung dieses sportlichen Völkerfestes in ihrem Land.

Christina Schwanitz spricht sich für eine neuerliche Verlegung aus

Aus nachvollziehbarem Grund: Wie sollen rund 10.000 Sportler in einer Art Blase verbleiben und vom Infektionsrisiko abgeschirmt werden, wo sie doch vom Olympischen Dorf zu den jeweiligen Schauplätzen hin- und hergefahren werden müssen? Unvorstellbar! Aus ethisch-moralischen Gründen ist es zumindest in den meisten demokratischen Ländern nicht möglich über die normale Prioritätenliste hinaus vorzeitig einen „elitären Personenkreis“ zu impfen (lassen wir jetzt einmal die unrühmlichen Beispiele auch hierzulande beiseite). Sie sind streng genommen das letzte Glied in der virologischen Kette der zeitlichen Abfolge.
Weltklasse-Kugelstoßerin Christina Schwanitz (im Bild) hat sich deshalb (?), obwohl es altersbedingt die eigenen Interessen der 35-jährigen Zwillingsmutter konterkariert, im Deutschlandfunk für eine Verlegung auf 2024 ausgesprochen (da wäre allerdings Paris der bereits feststehende Gastgeber). So könne auch die vierjährige Periodisierung eingehalten werden. Nicht ganz, wo doch 2020 fehlt. Den turnusmäßigen Rhythmus haben zwei Weltkriege und zwei Teilboykotts (1980 und 1984) allerdings ebenfalls verhindert. Jedoch: Vorgeschlagen werden kann vieles, entscheiden müssen es letztlich in einem Schulterschluss die japanische Regierung und das IOC. Keine beneidenswerte Aufgabe. Es dürfte das schwierigste Gefecht des „Herrn der Ringe“ werden.

Herr der Ringe für letzte Amtszeit wiedergewählt

Sei noch der guten Ordnung halber erwähnt, dass Thomas Bach, seit 2013 Amts-, Würden- und Bürdenträger, anlässlich dieser digitalen Session bei den Neuwahlen ohne Gegenkandidaten mit 93:1 Stimmen und vier Enthaltungen für vier Jahre bis 2025 wiedergewählt worden ist. Danach kommt er satzungsgemäß für eine neuerliche Kandidatur nicht mehr in Frage. Und das ist gut so, werden manche sagen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich der höchstranginge Sportfunktionär nicht nur Freunde gemacht hat. Vorgeworfen wird ihm unter anderem, dass er zu sehr die Nähe zu den Mächtigen auf diesem Globus sucht und den olympischen Gigantismus mit monetären Milliarden-Gräbern sowie zahlreich hinterlassenen Bauruinen späterhin ungenutzter vieler Sportstätten nicht einmal ansatzweise zu stoppen vermochte. Auch hier lautet die freilich unbotmäßige Devise: Höher, schneller, weiter! Nicht zuletzt zur wunderbaren Geldvermehrung des IOC mit ständig wahnwitziger werdenen finanziellen Vergaberechten auf allen in Frage kommenden Gebieten.
Baron Pierre de Coubertin (*01.01.1863, †02.09.1937) würde es als Schöpfer der neuzeitlichen Olympischen Spiele mit dem Auftakt 1896 in Athen jedenfalls garantiert gehörig grausen.