Weitsprung-Silber von Malaika Mihambo fehlten Glanz und Glamour

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Kolumne

Das Wort am Sonntag


(Torun/Krefeld, 07. März 2021)
Es geht schon wieder los, das darf doch wohl nicht wahr sein. Malaika Mihambo von der LG Kurpfalz machte gestern Abend bei der Entscheidung im Weitsprung bei den Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun genau da weiter, wo sie in der Zitterpartie der Qualifikation aufgehört hatte: Als in einer neuen Art von Brettspiel war der 27-jährige „Engel“ (das oder Guter Geist ist die Bedeutung ihres Vornamens) hauptsächlich damit beschäftigt, den Balken vernünftig zu treffen, dessen Katapultwirkung zu nutzen und möglichst wenig letztlich gemessener Flugweite zu verschenken. Wie sie jedoch mit einer derartigen Zielsicherheit und Konstanz bei den Labor-Bedingungen einer Halle ohne Wind von vorne, hinten oder der Seite daran – ja, kläglich – scheiterte, ließ Fachleute und Laien gleichermaßen bass erstaunt mit großem Unverständnis zurück. Und Bundestrainer Uli Knapp verstand es ebenfalls nicht, entscheidend Einfluss zu nehmen und die erforderlichen Korrekturen an die Frau zu bringen.

Beide Male Silber, jedoch anders interpretiert
 
Der Videotext vom ZDF titelte einerseits: Weitsprung: Mihambo verpasst Titel, andererseits: Kranz sprintet auf Rang zwei. Das bringt es auf den Punkt: Jeweils dieselbe Medaille, aber eine völlig andere Interpretation. Silber kann durchaus eine Enttäuschung sein. Dies war eine. Gerade bei einer vermeintlich haushohen Favoritin, die sich das edelste aller Edelmetalle anscheinend nur noch abzuholen brauchte.
Gesprungen werden musste freilich vorher auch noch und das weiter als die sieben übrigen Finalistinnen. Dabei soll keineswegs übersehen werden, dass Mihambo im dritten Versuch mit 6,88m Weltjahresbestleistung (WJB) sprang und ihre bis dahin gelisteten 6,77m um elf Zentimeter übertraf. Was gibt es da noch zu jammern, werden sich jetzt Krethi und Plethi fragen?
Einiges, antwortet der Autor mit eigener 52-jähriger Wettkampf-Erfahrung nicht nur als Kugelstoßer (zuvor Fußball, Eishockey und Tennis) und dazu die Leichtathletik mittlerweile 55 Jahre als Sportjournalist begleitend! Die Analyse ist folglich nicht aus dem luftleerem Raum der Redaktionsstube eines bloßen Schreibtischtäters gegriffen.

Ein wenig Zahlenkosmetik oder -arithmetik

Betreiben wir also zur Beweiserhebung ein wenig Zahlenkosmetik oder -arithmetik. Vorausgeschickt, dass es graue Theorie ist, den Balken stets exakt bis an den unheilvollen Plastilinstreifen zu treffen. Aber große Annäherungswerte sollten professionellen Weltklasseathletinnen der Branche möglich sein. Das sind sie auch. Der Nachweis wurde vor Ort in Polska mehrfach erbracht. Die drittplatzierte Khaddi Sagnia aus Schweden schaffte es bis auf 1,5 Zentimeter, Maryna Bekh-Romanchuk (Ukraine) bei ihrem Siegessprung und der neuen WJB von 6,92m bis auf 2,3 Zentimeter. So schaut’s aus!
Und bei der jungen Frau mit dem verpflichtenden Kürzel MM, einer feinen deutschen Sektmarke mit dem Werbeslogan
„Manchmal muss es eben Mumm sein"? Den ließ sie in den sechs gültigen Sprüngen (diesmal ein schlechtes Zeichen, hatte keine sonst) vermissen und insgesamt 152,7 Zentimeter oder aufgerundet 1,53 Meter liegen. Würde bei ihr wie in der Kinder-Leichtathletik innerhalb eines Toleranzraumes die wirklich gesprungene Weite gemessen, sie flöge der Konkurrenz auf Nimmerwiedersehen davon. Die gesamte Flugweite der zweifachen Deutschen Sportlerin des Jahres betrug 41,60 Meter, mithin im Querschnitt 6,933m. Famos, geradezu grandios. Doch leider ein Muster ohne Wert. Noch mal aufgeschlüsselt in der Reihenfolge der Versuche: 6,60m (minus 25,7 cm), 6,56m (27,8), 6,88m (10,1), 6,56m (36,6), 6,69m (24,5), 6,78m (28,0). Fünfmal sprang sie vor dem Brett auf dem Kunststoffbelag ab. Haarsträubend, unbegreiflich!

Wie beim Biathlon ist eine möglichst perfekte Symbiose gefragt

Wagen wir den nicht einmal besonders kühnen Vergleich mit dem Biathlon: Das ist es die Kombination aus gut Ski-langlaufen und zwischendurch unter hoher Pulsfrequenz die 50 Meter entfernten, verdammt kleinen Scheiben zu treffen. Nur die perfekte Mischung macht’s. Falls sich die Gelegenheit in den sozialen Medien bietet, mal Biathletin und „Ballerina“ Denise Herrmann fragen (nachträglicher Einschub: Ausgerechnet heute strafte sie mich als Zweite im Verfolgungsrennen beim Weltcup in Nove Mesto lügen). Genau das bekommt Mihambo, sicherlich trotz Nachjustierens während des Wettbewerbes, eben viel zu oft in der Symbiose von Anlauf und Absprung in Abstimmung mit ihrem Trainer in unschöner Regelmäigkeit ebenfalls nicht hin. Die Ansagen bleiben dem Betrachter, der sich (wie ich) gestern den direkt angewählten Weitsprung-„Livestream“ vom Anfang bis zum bitteren Ende unter Puls- und Blutdruckalarm angeschaut hat, freilich leider verborgen.

Körpersprache ist wenig verheißungsvoll

Und da wäre noch die von (Hobby-)Psychologen vielzitierte Körpersprache. Für Außenstehende wirkt die dunkelhäutige Perle der Zunft tiefenentspannt, als drohe sie jeden Moment selig und süß einzuschlummern. Es könnte auch phlegmatisch oder lethargisch genannt werden. Der größte sichtbare Gefühlsausbrauch war die Aufforderung an die wenigen Schaulustigen zum rhythmischen Klatschen. Temperament, Feuer, Biss und „Killerinstinkt“ ist indes schwer erlernbar. Frau hat es oder halt nicht. Die Siegerin hat. Diese kapriziöse, extrovertierte 25-jährige Ukrainerin machte sich vor ihrem letzten Versuch (bis dahin 6,86m) regelreicht heiß, schrie sich selber an, um anschließend nach 6,92m zu landen. Da wusste sie sofort, dass ihr ein Riesensprung gelungen war. Allerdings noch nicht, ob es auch zum Triumph reichen würde.

Absolute Mut zum Risiko fehlte durchgängig

Denn ihre größte Widersacherin aus Deutschland hatte noch ihren finalen Sprung. Da konnte die Devise eigentlich nur Top oder Flop, Sekt oder Selters lauten. Das brave „Engelchen“ beließ es beim zuvor Zelebrierten. Sie flog zwar 7,06m weit, aber gemessen wurden „nur“ 6,78m. Aufbäumen „mit dem Messer zwischen den Zähnen“ hätte deutlich anders ausgesehen. Das sah eher nach wie von allen guten Geistern verlassen aus. Müßig zu erwähnen und keine offene Frage, dass sie es sich auch anders vorgestellt hat. Aber es bleibt der Bei- und Nachgeschmack, dass Mihambo den Titel irgendwie „abgeschenkt“ hat. Faktisch sowieso. Schade, jammerschade. Erinnern wir uns an die Videotext-Überschrift. Derweil gibt es mit diesem Link den Endstand. Es darf gemutmaßt werden, dass Heike Drechsler (damals noch DDR) als immer noch amtierende Hallen-Europarekordlerin (7,37m) und Meisterschaftsrekord-Inhaberin (7,30m) ziemlich konsterniert zugeschaut und ihren Augen nicht getraut hat.
In diesem Sinne, liebe Leser mit Herzblut und Leidenschaft für die mitunter schwere Leichtathletik: Schön tapfer bleiben, auch in Sachen Corona, Mund abwischen. unverdrossen weitermachen und einen schönen Sonntag, bei was auch immer sowie eine entspannte 10.Kalenderwoche im Jahr zwei der Pestilenz!