Enttäuschende Bilanz des deutschen Teams bei der EM

Kommentar

Unter uns gesagt

(Zürich/Krefeld, 19. August 2014)
Erwartungsgemäß rauschte es gestern im analogen und digitalen Blätterwald zum Abschneiden der Deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft bei den Sonntag zu Ende gegangenen Europameisterschaften der Männer/Frauen im (einstmals?) legendären Letzigrund in Zürich (Schweiz). Die angesehene und häufig zitierte Rheinische Post titelte „Schwächste EM-Bilanz seit Wiedervereinigung“. Dabei hatten hoffnungslos optimistische Tagträumer des Verbandes prognostiziert, das bislang beste Ergebnis von der EM 2002 in München noch toppen zu können. 20 Plaketten sollten es schon werden. Da hat sich wohl mancher von den acht Einzelsiegen bei der Team-EM in Braunschweig (ver-)blenden lassen und geflissentlich übersehen, dass die großen Nationen teilweise nur ihre zweite Garnitur aufboten. Denn nun wurde umgekehrt ein Sportschuh daraus, weist der Medaillenspiegel Deutschland (vier Goldene) denkbar knapp vor den zunächst noch stärker schwächelden Russen und dem „Zwerg“ Niederlande (je drei) klar hinter Großbritannien (zwölf) und Frankreich (9) als Drittplazierten aus. Selbst der als offizielles Ziel ausgegebenen dritte Platz in der Nationenwertung, der die Ränge eins bis acht in den einzelnen Disziplinen berücksichtigt, wurde verfehlt. Den nimmt Russland ein, das auch insgesamt fast dreimal so viele Medaillen (22 zu 8) gewann. Das ist halt der Schwachsinn an dieser Art eine Rechnung aufzustellen: Am Golde hängt, zum Golde drängt alles.

Werfer holten einmal mehr Kastanien aus dem Feuer

Obwohl auch bei den Werfern längst nicht alle Blütenträumen reiften, Martin Wierig, Betty Heidler, die beiden Speerwerfer Andreas Hofmann und Thomas Röhler restlos enttäuschten, waren es einmal mehr die üblichen Verdächtigen, die die leicht verkokelten Kastanien aus dem Feuer holten. David Storl, Robert Harting (beide Gold), Linda Stahl, Shanice Kraft (beide Bronze) und Christina Schwanitz (Gold) sammelten in dieser Reihenfolge fünf der in Summe acht Medaillen. Ein wenig aufgehübscht wurde die per Saldo dürftige Edelmetall-Bilanz vom völlig überraschenden Erfolg von Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt, dem dritten Platz von Hürdensprinterin Cindy Roleder und den Silberjungs über 4 x 100 Meter. Das war’s. Quo vadis? Wohin gehst du, deutsche Leichtathletik?
Nun war deshalb längst nicht alles schlecht und muss die Götterdämmerung ausgerufen werden. Es gab durchaus etliche positive Auftritte, denen die Krönung durch eine Medaille versagt blieb. Das ist eben die Krux, dass in der öffentlichen und veröffentlichten Wahrnehmung der Zweite bereits der erste Verlierer ist und Plätze zwischen vier und acht schon nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Logischerweise können wir an dieser Stelle nicht Plus und Minus aller 92 deutschen Teilnehmer beleuchten. Noch weniger ist es unsere Aufgabe, uns die Köpfe hoch bezahlter Sportdirektoren, Chef- und Bundestrainer zu zerbrechen. Doch der Stein des Weisen war es sicherlicht nicht, die Deutschen Meisterschaften nur rund zwei Wochen vor den internationalen Saisonhöhepunkt zu terminieren. Da mussten auf der letzten Rille noch hausgemacht höhere Normen erfüllt werden, wirkten viele zur Stunde X ausgebrannt, saft- und kraftlos. Von taktischem Fehlverhalten und mutlosem Agieren ganz zu schweigen.

Mehr Schweizer Käse als viel gerühmte Präzision

Bestes Gegenbeispiel waren die aus einer aktiven Erholungsphase ohne Wettkampfstress relativ kurz zuvor an den Start gehenden Mehrkämpfer/innen, die nahezu ausnahmslos einen prima Eindruck hinterließen. Wenn andere besser sind, ist dagegen nun einmal kein eigenes Kraut gewachsen. Dabei ist noch ins Kalkül zu ziehen, dass sich Claudia Rath im abschließenden 800-m-Lauf für ihre auf Medaillenkurs liegende junge Team- und Klubkameradin Carolin Schäfer als Zugmaschine opferte, die dennoch Bronze um 28 Punkte verpasste.
Natürlich müssen wir in einer Replik über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Die Organisation war im Paket gesehen salopp formuliert „unter aller Sau“. Da haben sich die für ihre Präzision gerühmten Schweizer ein Armutszeugnis ohnegleichen ausgestellt. Aber sind ja auch berühmt für den Käse mit den vielen Löchern. Das traf es dann schon eher. Jetzt wissen sie es auch, dass zwischen der Ausrichtung eines Abendsportfestes von Weltruf und einer Sechs-Tage-Veranstaltung ein Riesenunterschied liegt.
Ob der Sagen umwobene Letzigrund damit gleich seinen Nimbus verloren hat, sei einmal dahin gestellt. Das Bild von der heilen deutschen Leichtathletik hat jedenfalls erhebliche Risse bekommen. Da hilft kein pudern und kein schminken. Aber beim DLV werden sie es schon irgendwie schön reden. Darin sind sie nämlich unschlagbar.