Kugelstoß-Spektakel als Ein-Frau-/Mann-Schau von Schwanitz und Storl

(Nürnberg/Krefeld, 21. Juli 2018) Ein Genuss ohne Reue? Nicht ganz! Immerhin hatten die sonst eher stiefmütterlich behandelten Kugelstoßer/innen bei dem ausgelagerten und vorverlegten Wettbewerb der Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen in Nürnberg gestern Abend die Bühne der Aufmerksamtkeit für sich. Dazu vor malerischer Kulisse in der historischen Altstadt  auf einer ambulanten Anlage im Kessel einer Stahlrohrtribüne vor etwa 4.000 begeisterungsfähigen Zuschauern bei fetziger Musik nach eigener Wahl. Der „Rote Teppich“ in Form eines Rollrasens bei jeweils zwei unterschiedlich weiten Feldmarkierungen (eine davon gelb für die EM-Norm) im Sektorverlauf war ausgelegt. Dazu konnte ein handverlesenes Fachpublikum das außergewöhnliche Spektakel im Internet als Live-Stream der ARD verfolgen. Endlich mal nicht in Häppchen nach der siebten Zeitlupen-Wiederholung des Tribünensprints in irgendeinem Mittel- oder Langstreckenrennen. Soweit so gut.

Gezielte Trainingssteuerung offenbar ein ganz großes Manko bis Fiasko

Aber rein sportlich betrachtet war – erwartungsgemäß – alles wie gehabt. Vorne zogen die deutschen Aushängeschilder Christina Schwanitz (im Bild) sowie David Storl einsam ihre Ein-Frau- und –Mann-Schau ab. Dahinter tummelte sich der Rest vom Fest. Und der bot selbst gemessen am vorhandenen Niveau eher Unterdurchschnittliches dar. Die Bandbreite der 13 Frauen zog sich über satte 5,69m hin. Da wurde teilweise mit den Pfunden entschieden zu viel träger Masse, statt mit Leistung gewuchert. Zwei persönliche und zwei saisonale Bestleistungen sind für den nationalen Jahreshöhepunkt sehr dürftig. Da müssen sich manche Trainer die Frage gefallen lassen, ob sie in der zeitlichen Steuerung richtig gelegen haben. Das beantworten wir unsererseits in neun Fällen mit einem klaren „Nein“! 
Nicht zu vergessen, dass die so genannte Creme verschiedenen Kadern angehört und als Beschäftigte bei der Bundespolizei oder Bundeswehr semiprofessionellen Charakter verliehen erhalten. Allerdings, und das gilt es auch als Fazit bei den Männern (Ausnahme Storl) zu berücksichtigen, sind bis auf Schwanitz die Athletinnen eine solch späte Startzeit und ein derartiges, allein auf sie gerichtetes erwartungsvolles Auditorium nicht gewohnt. Eingedenk dessen  wachsen nicht jeder/m Flügel. Viele restlos verunglückte Versuche belegen das. Obendrein macht die Branchenführerin mit ihren Weiten die „Preise“ restlos kaputt. Obwohl am Vorabend beim Diamond League Meeting in Monaco (3. mit 19,51m) die Haushaltskasse aufbessernd, stieß sie trotz Schlafentzug und Reisestress mit 20,06m Jahresbestleistung (bisher 19,78m). Grandios, die Mama eines Zwillingspärchens.

Vorzeige-Senior Andy Dittmar ließ sich vom Bazillus anstecken

Und die vermeintliche Krone der Schöpfung? Hinter Storl (21,26m) der ebenfalls im Fürstentum aufschlug (6. mit 21,41m) reichlich Sand im Getriebe beim „Dreckigen Dutzend“ der ursprünglich 14 Gemeldeten. Mit Leonid Ekimov aus Wattenscheid) und Bodo Göder aus Steinbach fehlten zwei potenzielle 19-m-Stoßer, die womöglich die mäßige Bilanz (einen „Hausrekord“, zwei Saisonbestleistungen, dafür reichlich „Rohrkrepierer“) in der Breite ein wenig freundlicher hätten gestalten können. Leider ließ sich auch Vorzeige-Senior und Routinier Andy Dittmar (im Bild) aus Gotha, der das ganze Drumherum vorher als „sooo geil“ bezeichnet hatte, von dem um sich greifenden schwächelnden Bazillus anstecken. Der 44-jährige Thüringer blieb mit 17,47m (SBL 18,39m) erstmals in dieser Freiluftsaison unter der von ihm wie selbstverständlich abgelieferten 18-Meter-Marke. Letzter wurde er damit nicht. Das Schlusslicht kommt mit Valentin Döbler aus München, der 17,44m (SBL 18,64m) ablieferte. Noch Fragen? Zwei beantworten wir noch!

Trend der Zeit wurde von den Trainern verpasst

David Storl (im Bild) ist als klassischer Angleiter nach Parry O‘Brien ein absoluter Exot in der drehstoßenden Weltklasse. Doch dagegen ist Deutschland geradezu noch Technik-Diaspora. Das zwölfköpfige Feld teilte sich paritätisch in je sechs Rücken- und Drehstoß-Techniker. Da haben die Heim- und der Bundestrainer ganz offensichtlich den Trend der Zeit verpasst. Und selbst bei den Konventionellen fällt teilweise eine miserable Technik auf. Paradebeispiel 2,03-m-Hüne Tobias Dahm, der seine überragenden körperlichen Möglichkeiten verplempert und sich zusammen mit seinem Trainer seit Jahren vergeblich daran abarbeitet, das rechte Angleitbein unter den Körper zu bekommen.

Kommentator Wilfried Hark war eine ziemliche Zumutung


Richtig was auf die Ohren gab’s für die Fachleute am Bildschirm von ARD-Kommentator Wilfried Hark. Der Mann war neben allzu vielen Versprechern hörbar damit überfordert, zweimal je rund 70 Minuten Kugelstoßen akustisch ins Haus zu liefern. Wenn ihm gar nix mehr einfiel, wiederholte er sich halt mit seinen Aussagen. Dem schon bald (27.Juli) 28-jährigen Storl dichtete er im Verlaufe gleich dreimal drei Weltmeister-Titel an. Zwei sind es: Nämlich 2011 in Daegu als jüngster Kugelstoß-Weltmeister der Geschichte und 2013 in Moskau. Fakten sollten schon stimmen. Zumal Hark Statistiken auf Knopfdruck hätte abrufen können. Der zuständige Redakteur schlief gleich mit. Dem Ungemach gesellte sich eine stümperhafte Bildführung hinzu.

Balkenwechsel mit einfachem Schraubenzieher

Ein kleines, indes folgenreiches Malheur anderer Art ereignet sich auch noch. Beim Umspringen und einem wohl zu kräftigen Stoß mit dem Fuß gegen den Balken, ich meine es war Dennis Lewke, brach im vierten Durchgang am rechten Rand ein Stück Holz und die Verankerung heraus. Bei Hark splitterte ein Stück vom Ring ab. Unmöglich, bei einem Belag aus Beton und einer eisernen Umfassung. Glücklicherweise hatten sie einen Ersatzbalken parat, der in einer mehrminütigen Zwangspause mit einem simplen Schraubenzieher eingebaut wurde. Jedoch ein Hoch demjenigen vom städtischen Sportamt, der soviel Um- und Vorsicht halt walten lassen. Anderenfalls wäre das Flutlicht vorzeitig ausgegangen.
Ergebnisse und weitere Berichte auf der DLV-Netzseite. Heute wird dann die Leichtathletik-DM aus dem ehemaligen Frankenstadion in Fragmenten innerhalb der ARD-Sportschau neben Springreiten, Bogenschießen (noch mehr Randsportart geht kaum!), der auf Rennrädern rollenden Apotheke durch Frankreich und Schwimmen nach den branchenüblichen Ritualen Lauf vor Sprung und Wurf übertragen. Ein Dauer-Aufreger. Nicht nur für Diskuswerfer Robert Harting, der aus purer Verzweiflung gelegentlich mittels Facebook Live-Streams via Internet von seinem Sponsor präsentiert.