Niklas Kaul und Gina Lückenkemper vergoldeten den "deutschen Tag"

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(München/Krefeld, 17. August 2022) Famos, furios, grandios – und setzen wird noch einen drauf: phänomenal. Welch ein Tag „so wunderschön wie heute“ für die deutsche Leichtathletik und das begeistert mitgehende Publikum am Straßenrand und gestern Abend vor gut gefüllten Rängen im Olympiastadion in München mit insgesamt fünfmal Edelmetall. Geher Christopher Linke sorgte für den Auftakt, gewann am Vormittag im Herzen der „Weltstadt mit Herz“ in 2:29,30 Stunden in einer Hitzeschlacht die Silbermedaille über 35 Kilometer. Den dramaturgischen und buchstäblichen Schlusspunkt setzte unter Flutlicht bei der letzten Entscheidung des zweiten Wettkampftages die auch wieder mit ihren Beinen flinke Sprinterin Gina „Nazionale“ Lückenkemper im 100-m-Finale. Die kesse 25-jährige Blondine gewann mit einem Becker-Hecht ohne Tennisschläger in 10,99 Sekunden hauchdünn um 5/1.000 vor der nach zwei Kommastellen zeitgleichen Schweizerin Mujinga Kambundji und der Britin Daryll Neita (11,00) den EM-Titel bei den European Championships Munich 2022. Da ließ es sich für die gebürtige Westfälin verschmerzen, dass sie sich bei dem Sturz Schürfwunden am Bein sowie eine blutende Wunde an der Hand zugezogen hatte und vor der Ehrenrunde mit der Deutschland-Fahne verarztet werden musste.    

Eine unglaubliche Aufholjagd des Mainzers
 
Aber auch was nahezu unmittelbar davor geschah, ist durch die heimische Brille betrachtet ebenfalls reif für das Leichtathletik-Bilderbuch. Der nach acht Disziplinen des Zehnkampfes schier aussichtslos und uneinholbar um 520 (!) Punkte hinter dem Schweizer Sprungwunder Simon Ehammer (8,31m weit, 2,08m hoch und 5,20m stabhoch) zurückliegende Ex-Weltmeister Niklas Kaul (im Bild) krönte sich in einer faszinierenden Aufholjagd letztlich sogar noch deutlich mit 8.545 zu 8.468 Punkten zum „König der Athleten“, wie die Mehrkämpfer aufgrund ihrer Vielseitigkeit im sehr unterschiedlichen Zwei-Tage-Werk mit wenig Nachschlaf dazwischen völlig legitim genannt werden. Der 24-jährige Mainzer öffnete sich mit zwei Disziplin-Siegen von 76,05m im Speerwurf (nie warf ein Zehnkämpfer weiter bei einer EM, er selber bei seinem WM-Gewinn 2019 in Doha mit 79,05m) und der neuen persönlichen Bestzeit von 4:10,04 Minuten im abschließenden 1.500-m-Lauf. Abgerechnet wird halt zum Schluss, kommt es eben stets auf die sehr unterschiedlichen individuellen Möglichkeiten der Athleten an. Nicht zuletzt, ungerührt mit Rückschlägen umgehen zu können. Und die hat praktisch jeder im Programm bei diesem sportlichen Spektakel in zehn Akten.

Achterbahnfahrt der Gefühle von Arthur Abele bei seiner Abschiedsvorstellung

Davon kann der entthronte, inzwischen 36-jährige Titelverteidiger Arthur Abele aus Ulm bei seiner Abschiedsvorstellung ein Lied singen. Aufgrund eines angeblichen Fehlstarts über 110m Hürden wurde er disqualifiziert, durfte jedoch nach erfolgreichem Protest durch den DLV in einem Solorennen unmittelbar im Anschluss an den Diskuswurf den Hürdenwald in Angriff nehmen. Dem entledigte er sich unter der frenetischen Anfeuerung der Zuschauer in 14,50 Sekunden mit Bravour. Letztlich durfte er sich zusammen mit seinem landsmännischen Nachfolger und den 13 weiteren „finishenden“ Kollegen, darunter Kai Kazmirek als Achter (8.151), nach der Achterbahnfahrt der Gefühle feiern lassen. „König“ Arthur verfehlte als i-Tüpfelchen mit 7.662 Punkten den bereits 50 Jahre alten deutschen M35-Rekord (7.713) von Graf Werner von Moltke aus Mainz um 51 Zähler.  

Kristin Pudenz fehlten winzige acht Zentimeter zum Diskus-Titel

Als „Spielverderberin“ an diesem deutschen Abend erwies sich die exaltierte, arrogant rüberkommende Diskuswurf-Diva Sandra Perkovic aus Kroatien auf dem Weg zu ihrem beispiellosen sechsten Titelgewinn in Folge. Dazu musste sich die mit allen Wassern gewaschene routinierte 32-Jährige in einem extrem spannenden Wettbewerb mit ihren beiden deutschen Kontrahentinnen bei lediglich zwei gültigen Versuchen mit einem Vorsprung von acht Zentimetern begnügen. Das ist nicht mal die Hälfte des Durchmessers (18 cm) der 1-Kilo-Scheibe. Kristin Pudenz aus Potsdam übernahm im dritten Durchgang mit 66,93m die Führung vor Perkovic (65,77m) und ihrer Teamkameradin Claudine Vita (65,20m), lag also zunächst auf Goldkurs. Die Kroatin konterte im fünften Versuch mit 67,95m, dem unmittelbar danach die Olympia-Zweite Pudenz die persönliche Bestweite von 67,87m (zuvor 67,10m) folgen ließ. Das Klassement auf den Medaillenrängen war damit festgeschrieben, hatte der finale sechste Durchgang lediglich noch statistische Bedeutung. Sei noch erwähnt, dass  Shanice Craft die Initialzündung nicht für sich zu nutzen vermochte und mit 62,78m Siebente wurde. Dennoch: Mit der Maximalausbeute von drei Athletinnen aus einer Nation im Endkampf, dazu garniert mit zwei Medaillen – das hat was für weitaus bescheiden gewordene deutsche Ansprüche dieser sportlichen Zunft.

Malaika Mihambo überraschte sich und die Fachwelt mit 6,99m

Und was stand noch neben nur am eigenen Leistungsvermögen gemessen vielen enttäuschenden Darbietungen (welch ein Wort dafür) sonst noch auf der Habenseite? Der Deutsch-Amerikaner Sam Parsans belegte mit einer blitzsauberen kämpferischen Vorstellung bis zur Ziellinie einen feinen sechsten Platz über 5.000 Meter in 13:30,38 Minuten. Die von einer Corona-Infektion vermeintlich eingebremste Weitspringerin Malaika Mihambo überraschte sich und die Fachwelt, entledigte sich der Qualifikation am frühen Morgen bei minimaler Balkenberührung mit der Tagesbestweite von 6,99m. Das kleine „q“ nach dem Auffüllmodus verdiente sich Merle Homeier mit 6,49m.
Den morgendlichen Silbergang von Linke rundeten der Fünftplatzierte Jonathan Hilbert (2:32,44) und Carl Dohmann (2:36,52) in dem gewerteten 17-köpfigen Feld ab.  
Alle Resultate des zweiten Wettkampftages. Durch eine veritable und fatale technische Panne konnte dieser Beitrag erst stark verspätet um 11 statt 9 Uhr eingestellt werden.