Staffelmeisterschaften: Ungeborenes "Baby" schon jetzt eine Missgeburt

Kolumne

Moment mal

(Darmstadt/Fürth/Krefeld, 30. November) Kaum hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in Darmstadt für das kommende Jahr bislang ohne Austragungsort eine eigene nationale Staffelmeisterschaft für alle (!) Wettbewerbe und alle (!) Altersklassen ausgerufen, regt sich bei vielen Vereinen bereits großer Unmut, habe der DLV ihnen ein veritables Kuckucksei in Nest gelegt, die Auswirkungen bei seiner Federstrich-Entscheidung völlig außer Acht gelassen. Da sei mal wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden.
Lassen wir authentische Zahlen sprechen, denn die lügen nicht:  Im Jahr 2018 gab es im DLV-Bereich in den Altersklassen U16, U18/U20, U23, M/F und Senioren unter freiem Himmel insgesamt 584 Staffeln. Wenn man die in 2018 gültigen Startgeldbeiträge von 15 Euro Jugend und 21 Euro für alle anderen Klassen zugrunde legt, geht es hier um Einnahmen in Höhe von 10.743 Euro. Ab 2020 wegen der Erhöhung von 25 Prozent um 13.429 Euro. Dieses Geld fehlt anteilmäßig den Ausrichtern von insgesamt sechs deutschen Meisterschaften.

Mindereinnahmen für Ausrichter von sechs Meisterschaften

Als Beispiel die diesjährigen Titelkämpfe der Männer/Frauen. Dabei gab es bei den Männern 255 und  den Frauen 295 Einzelstarts. Das sind 550 Einzelstarts x 15 Euro gleich 8.250 Euro an Startgeld. Außerdem waren in Nürnberg 146 Staffeln am Start, die 2.646 Euro an Einnahmen generierten. Das sind circa 32 Prozent der Startgeldeinnahmen aller Einzeldisziplinen,  die dem künftigen Ausrichter dieser Meisterschaft fehlen werden. Dazu kommen noch die Einnahmeausfälle bei der Versorgung mit Essen und Trinken. Insgesamt sind das herbe Mindereinnahmen der Veranstalter von sechs Meisterschaften.

Vereine/Aktive werden zusätzlich zur Kasse gebeten

Monetär viel schlimmer sind aber für die vielen am Existenzminimum herum krebsenden Vereine in Deutschland die zusätzliche Reise- und Übernachtungskosten. Das alles zusammen genommen ist um ein Vielfaches höher als die entgangenen Startgeldeinnahmen der Veranstalter. Beispiel LAC Quelle Fürth nur für die 4x100m-Staffeln. Die werden männlich wie weiblich in den Altersklassen U16, U18, U20, U23, Aktive und Senioren angeboten. In diesen Altersklassen wurden 2018 alle Staffeln innerhalb der Einzelmeisterschaften ausgetragen. Das sind  künftig für 48 Teilnehmer plus Ersatzleute zusätzlich anfallende Fahrt- und Übernachtungskosten. Selbst wenn nicht in jeder Klasse eine Staffel gemeldet wird, kann man von Zusatzkosten für die Vereine zwischen 1.500 und 2.000 Euro ausgehen. Ungeachtet der 4x400m Staffeln, der Langstaffeln  über 3x800m weiblich und 3x1000m männlich, die bisher schon bei anderen Meisterschaften im Programm waren.
Ob die Klubs/Startgemeinschaften aus Kostengründen überhaupt noch eine Staffel melden werden, sei einmal dahin gestellt. Mit den 584 Staffeln aus diesem Jahr sollte der Ausrichter der Staffelmeisterschaften 2019 besser nicht kalkulieren.

Jeglichen Weitblick vermissen lassen

Zusammenfassend ist anzumerken, dass hier der „Erfinder“ dieser neuen Veranstaltung nicht über den eigenen Tellerrand in Darmstadt hinausgeschaut hat. Resümee: Einerseits entzieht der Dach- und Verband örtlichen Veranstaltern von sechs Meisterschaften unter dem Patronat des DLV bis zu 32 Prozent aller Startgeldeinnahmen, und das ohne die erklecklichen Einnahmen aus Bewirtung, andererseits belastet er die teilnehmenden Vereine aus ganz Deutschland mit hohen zusätzlichen Ausgaben durch Reise- und Übernachtungskosten. Nebenbei fallen damit bei den Deutschen Meisterschaften der Erwachsenen gut zwei Stunden interessanter, spannender Staffelwettbewerbe für die Zuschauer weg.
Schlussendlich handelt es sich bei diesem noch ungeborenen „Baby“ schon jetzt um eine Missgeburt. Die teuren „Entbindungskosten“ müssen einmal mehr die Klubs und vielfach deren Aktive bezahlen. Doch woher nehmen und nicht stehlen?