Ü35-EM: Nicht jeder ausgerufene Sieger war tatsächlich der Schnellste

(Aarhus/Göttingen/Krefeld, 15. August 2017) Verletzungsbedingt konnte ich an den Wettkämpfen bei den Senioren-Europameisterschaften in Aarhus nicht teilnehmen und musste mich deshalb auf das Zuschauen beschränken. Als Zuschauer fielen mir Dinge auf, die ich als Aktiver wahrscheinlich nicht wahrgenommen hätte. Im Folgenden die auffälligsten Gegebenheiten.

1.) Genauigkeit der Zeitmessung bei Läufen von 200 bis 400 Meter und den 4x400m-Staffeln:
Garantie oder Suggestion?

Mit der elektrischen Zeitmessung wird eine Exaktheit der Messergebnisse von 1/100 sec. garantiert. Kaum jemand scheint das infrage zu stellen. Leider sieht die Realität anders aus. Voraussetzung für oben genannte Messgenauigkeit sind Startblöcke mit integrierten Schallgebern. Diese waren in Aarhus jedoch nicht vorhanden. Das bedeutet, dass der die elektrische Zeitmessung auslösende Schall der Startpistole die Läufer/innen - aufgrund des allgemein bekannten physikalischen Phänomens der Schallverzögerung - später erreicht. Schall breitet sich bekanntlich in allen Materialien und Medien mit einer bestimmten Geschwindigkeit aus, in 20°C warmer Luft mit etwa 340 m/s. Den Schall empfängt ein von der Schallquelle entfernter Empfänger demnach mit einer der Entfernung entsprechenden zeitlichen Verzögerung. Diese Schallverzögerungen verfälschen insbesondere bei den Laufwettbewerben von 200 bis 400 Meter und den 4x400m-Staffeln eindeutig die Ergebnisse: Nicht selten ist nicht der als Erster ins Ziel kommende Läufer der Zeitschnellste und damit der eigentliche Sieger, sondern ein anderer. Nachstehende Tabelle macht die Zeitverzögerung des Schalls zu den einzelnen Bahnen deutlich. In Aarhus hatte der Starter eine Position, die ungünstiger kaum sein kann. Nämlich 10 Meter hinter der Ziellinie auf Bahn 8 (was im Übrigen auch dort bei der EM 2004 bereits der Fall war). 

Zeitverzögerungen 
∆t des Startsignals auf den Bahnen 1 – 8

 

200

m

400

m

4 x

400m

Bahn

Entfern.

∆t

Entfern.

∆t

Entfern.

∆t

 

[m]

[1/100 s]

[m]

[1/100 s]

[m]

[1/100 s]

1

14

4,1

14

4,1

x

x

2

16

4,7

19

5,6

22

6,5

3

19

5,6

26

7,6

33

9,7

4

22

6,5

33

9,7

43

12,6

5

25

7,4

39

11,5

52

15,3

6

28

8,2

46

13,5

60

17,6

7

31

9,1

53

15,6

67

19,7

8

34

10,0

60

17,6

73

21,5

Ein fiktives Beispiel im 400-m-auf

Man stelle sich vor, der Läufer auf Bahn 2 kommt als Erster, also Sieger ins Ziel. Der Läufer auf Bahn 8 erreicht als Zweiter das Ziel mit einem Zeitrückstand von 10/100 s. Der Läufer auf Bahn 8 konnte den Schall des Startschusses (aufgrund der Entfernung von 60m) erst nach einer Verzögerung von 
17,6/100 s wahrnehmen, also 17,6/100 s nach dem Start der Zeitmessung. Der Läufer auf Bahn 2 konnte den Startschuss allerding erheblich früher, nämlich bereits nach 5,6/100 s wahrnehmen. Der Zeitvorteil des Läufers auf Bahn 2 beim Start gegenüber jenem auf Bahn 8 beträgt demnach 17,6/100 s – 5,6/100 s = 12/100 s. Da die elektronisch ermittelte Zeitdifferenz jedoch mit 10/100 s ausgewiesen wurde, war der auf Bahn 8 gelaufene Langsprinter um 12/100 –10/100 s = 2/100 s schneller – und hätte als Sieger proklamiert werden müssen  (falls nicht noch einer schneller gewesen wäre).
An diesem fiktiven Beispiel wird deutlich, dass die Ergebnisse von Aarhus keineswegs alle korrekt sind wie es die elektrische Zeitmessung suggeriert. Ganz sicher waren nicht alle zu Europameistern gekürten Akteure/innen und Staffeln die tatsächlich Besten. Das ist nicht nur ärgerlich für die Athleten/innen, sondern auch nicht einer EM würdig. Elektrische Zeitmessung ist bei den genannten Strecken nur dann zuverlässig und genau, wenn in die Startblöcke Schallgeber integriert sind und das darf man von einer EM erwarten. Eine entsprechende Regelung durch den europäischen Senioren-Verband European Masters Athletics (EMA) ist daher längst überfällig. Sofern man sich Startblöcke mit Schallgebern nicht leisten kann, gibt es nur noch die Möglichkeit, die Laufzeiten durch die berechneten Zeitverzögerungen zu „Echtzeiten“ zu verrechnen. Im digitalen Zeitalter wäre das weder ein Problem noch ein Mehraufwand an Zeit. Dem steht allerdings entgegen, dass wir alle genau den/die als Sieger/in sehen wollen, der/die als Erste/r das Ziel erreicht. Quintessenz: Es führt kein Weg an Startblöcken mit Schallgebern vorbei.

2.) Informationseinrichtungen im Stadion

Zuschauer wollen ausreichend informiert sein und nicht ständig über Weiten, Höhen, Startaufstellungen beziehungsweise Bahnverteilung et cetera rätseln und spekulieren müssen. Im Hauptstadion wurden diese Anforderungen in keiner Weise erfüllt. Von der Tribüne aus – und hier befanden sich cirka 80 Prozent der Zuschauer - waren die Werte sowohl auf den digitalen Anzeigegeräten der Gegengeraden (Weitsprung) als auch in den Segmenten (Wurfanlagen, Hoch- und Stabhochsprung) nicht oder nur bedingt zu erkennen. Der Sprecher hat zwar die Startaufstellung bei den Läufen durchgesagt, aber verstehen konnte das wegen der miserablen Akustik wohl kaum jemand. Dabei verfügt das Stadion über modernste digitale Anzeigetafeln über den beiden Kurvenbereichen. Die allerdings wurden nur für Werbung genutzt. Gegen Werbung hat wahrscheinlich niemand etwas, schließlich generiert sie Einnahmen, mit der zum Teil die Veranstaltung finanziert werden muss. Andererseits verpufft der Werbeeffekt durch eine gewisse „Ermüdung“, wenn das Publikum permanent mit den (hier nur wenigen) Werbebotschaften berieselt wird, weil niemand mehr hinschaut. Für Werbung hätte noch hinreichend Zeit zur Verfügung gestanden, wenn die sportbezogenen Informationen zwischendurch auf den beiden großen Anzeigetafeln erschienen wären. Permanentberieselung ist bekannterweise werbepsychologisch kontraproduktiv. Die Unzufriedenheit bei den zuschauenden Sportlern und deren Anhang war entsprechend deutlich wahrnehmbar.
Bei internationalen Meisterschaften dürfen die Teilnehmer und Zuschauer erwarten, dass die zuständigen Vergabegremien diese Dinge zuverlässig regeln respektive einfordern.
Redaktionelle Hinweise: Stammbesuchern von LAMPIS muss unser Gastautor Rolf Geese (*1944) von der LG Göttingen nicht näher vorgestellt werden. Für alle anderen: Der 73-Jährige ist der wohl kompletteste Zehnkämpfer im Senioren-Bereich, hielt oder hält die Weltrekorde von der M50 bis 70.