Deutsche Leichtathleten die großen Verlierer der WM 2017

Kommentar

Nebenbei bemerkt


(London/Krefeld, 14. August 2017)
Mit der deutschen Leichtathletik geht es immer weiter bergab. Nach vier Gold-, zwei Silbermedaillen und einer Bronzenen vor vier Jahren in Moskau folgten zwei Jahre später bei den Weltmeisterschaften 2015 in Peking zwei Gold-, drei Silber- und drei Bronzemedaillen. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gab es nur noch drei Medaillen: Zweimal Gold (Speer und Diskus) sowie Bronze im Diskuswurf. Jeweils durch die Herren der Schöpfung. Fehlanzeige beim gemeinhin schöneren Geschlecht.
Ein ambitioniertes deutsches Team, wie angeblich schon lange nicht mehr, sollte in der britischen Millionen-Metropole am Start sein. So verlautete es jedenfalls vollmundig vor dem Abflug zur WM 2017 in London von den Verantwortlichen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Aber bis zum vorletzten Tag sprang für die 71 deutschen Teilnehmer/innen lediglich eine Silbermedaille durch die ohnehin hoch gehandelte Siebenkämpferin Carolin Schäfer heraus. Nach der geringen Medaillenausbeute betonte DLV-Präsident Clemens Prokop eilfertig: „Ich wehre mich dagegen, dass man die sportliche Bilanz in der Auswertung der Medaillen vornimmt. Die Bilanz wird aus einer Vielfalt von Aspekten gezogen, da gibt es viele, die außerhalb von Medaillen Freude bereiten.“ Da hätte er ein bisschen genauer hinschauen und nicht über alles den Mantel der Nächstenliebe decken sollen. Ungeachtet dessen werden sie sich jetzt in Darmstadt wieder gegenseitig auf die Schultern klopfen.

Deutsche Reisegruppe der Marke „hilflos und verzweifelt“

Für mich konnte der „Medaillen-Samstag“ am vorletzten Tag die schwache DLV-Bilanz nicht mehr retten, allenfalls einige der tiefen Wunden lindern helfen. Viele der Athleten/innen erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen und Hoffnungen nicht, schafften zum saisonalen Höhepunkt allzu selten eine Jahresbestleistung oder gar eine persönliche Bestmarke. Ganz zu schweigen von einem deutschen Rekord. Zu der deutschen Reisegruppe „hilflos und verzweifelt“ gehörten vor allem die früheren Weltmeister Raphael Holzdeppe im Stabhochsprung und David Storl im Kugelstoßen. Aber auch die Ergebnisse der beiden Diskuswerferinnen Julia Harting und Anna Rüh sowie Sprinter Julian Reus und die hochgelobte 4x100m-Staffel der Männer mit einem anfängerhaften letzten Wechsel, Martin Wierig im Diskuswerfen, Julian Howard im Weitsprung, Mathias Bühler über 110m Hürden, Christin Hussong im Speerwurf, Jackie Baumann über 400m Hürden, Silke Spiegelburg im Stabhochsprung, Alexandra Wester im Weitsprung, Sara Gambetta im Kugelstoßen, Richard Ringer über 5000 Meter, Konstanze Klosterhalfen über 1500 Meter und Susen Küster im Hammerwerfen boten enttäuschende bis indiskutable Vorstellungen. Es gab schlechterdings zu viele (Total-)Ausfälle. Alle genannten Athleten kamen beim Saisonhöhepunkt nicht annähernd an ihre Vorleistungen heran oder nicht einmal in die Wertung (Holzdeppe, Wierig). Hätte Johannes Vetter nicht den Titel im Speerwerfen gewonnen, wären die Mehrkämpfer/innen nicht im Soll gewesen und hätte Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz nicht überrascht, wäre die Bilanz vollends hinter den keineswegs übertriebenen Ansprüchen zurückgeblieben.

Drittschwächste Bilanz der WM-Historie

Mein durch Fakten belegtes Fazit: Selten zuvor  stand es so schlecht bei einer WM um ein deutsches Leichtathletik-Team. Das Allzeit-Tief liegt bei dreimal Edelmetall – 1987 in Rom. 2003 ging einmal Silber und dreimal Bronze auf das Medaillen-Konto. Nunmehr in London gab es fünf Plaketten. Das drittschwächste Ergebnis der bisherigen 16 Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Deshalb gehören „unsere“ vermeintlichen Spitzenathleten zu den großen Verlierern von London.
Aber es muss ganz allgemein die Frage gestellt werden, was mit dem deutschen Sport los ist? Ganz so schlecht wie sie teilweise gemacht wird, ist die Spitzensportförderung nun auch wieder nicht. Und früher war diesbezüglich längst nicht alles besser. Dennoch sind wir neben der Leichtathletik auch im Gewichtheben, Fechten, Rudern und Schwimmer meilenweit von einstiger Klasse entfernt.
Quo vadis, deutscher Sport?