Neben Usain Bolt trat auch Robert Harting von der WM-Bühne ab

(London/Krefeld, 06. August 2017) Ganz großes Kino im einstigen Olympiastadion von London bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Männer/Frauen. „Der schnellste Clown der Welt“, wie eine britische Zeitung titelte“, trat gestern Abend vor 60.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena in seinem letzten 100-m-Finale von der sportlichen Bühne ab (die Staffel wird er allerdings noch laufen).  Zwei US-Amerikaner verdarben dem drittplatzierten Jamaikaner Usain Bolt ein wenig die Abschiedsparty. Mit dem siegreichen Justin Gatlin ausgerechnet einer, der zweimal wegen Doping gesperrt war und streng genommen nicht in dieses illustre Feld gehört hätte. Bolt ließ sich jedoch dadurch die gute Laune nicht verderben, gratulierte artig und wurde minutenlang gefeiert, als habe er mal wieder triumphiert.
Mit Diskuswurf-Allesgewinner Robert Harting aus Berlin erlebte zuvor ein Gigant der Werferszene unter weit weniger Brimborium zumindest seinen letzten Auftritt bei einer WM. Die Trauben auf den Medaillenrängen hingen für den fast 33-Jährigen nach all den Operationen in jüngster Zeit einfach zu hoch. Das wäre bei jenseits der 68 Meter (2012 wurde er gleicher Stelle mit 68,27m Olympiasieger) selbst in absolut bester Verfassung verdammt schwer gewesen. Was blieb war der sechste Rang mit 65,10m und nach bei ihm ungewohnten technischen Problemen (vier Ungültige) ein knapp auf die Kante getretener finaler Versuch um die 66,50m, der Saisonbestleistung und Platz vier dargestellt hätte. Schade drum!
Der charismatische, wortgewandte Berliner und dreimalige Sportler des Jahres in Deutschland (2012 – 14)  wird jedoch bis zu den Europameisterschaften 2018 im sportlichen Wohnzimmer seiner Heimatstadt mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit weitermachen. Just dort, wo er 2009 seinen WM-Titel-Hattrick mit dem eigenen „Championship-Record“ von 69,43m einleitete.

Gina Lückenkemper in 10,95 erstmals unter 11 Sekunden

Womöglich ging in der britischen Metropole gestern Vormittag ein neuer deutscher Stern am Leichtathletik-Himmel auf. Und das im Sprint! Die jugendlich unbekümmerte und herzerfrischende 20-jährige Wahl-Dortmunderin Gina Lückenkemper verblüffte sich und die Fachwelt in 10,95 Sekunden mit der schnellsten Vorlaufzeit über 100 Meter. Trotz einer schwachen Reaktionszeit (0,209 sec) und nicht so tollen ersten 40 Metern, wie sie selbstkritisch einräumte. Nach der später des Dopings überführten Katrin Krabbe (Weltmeisterin 1991 in Tokio über 100 und 200 Meter) ist 26 Jahre keine deutsche Sprinterin mehr unter 11 Sekunden gerannt. Hochrechnungen jedweder Art verbieten sich. Lückenkemper erzählte beim gemeinsamen Besuch mit Robert Harting im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, das live aus London übertragen wurde, Moderator  Jochen Breier, dass sie kurz nach ihrer Ankunft im WM-Quartier bereits zur Dopingkontrolle „gebeten“ wurde und sie wisse, dass sie sauber ist. Ärgerlich genug, dass bei jeder guten Leistung der Verdacht stets mitläuft. Schaun mer mal, wie sie sich heute (ab 20.10 Uhr) im dritten von – ein Anachronismus – drei Halbfinals schlägt?. Die kesse Blondine gibt sich freilich selbstbewusst und möchte ihrem Husarenstreich möglichst postwendend zwei weitere hinzufügen. Aus dem Holz sind Klassesportler geschnitzt.

Harakiri-Rennen von Konstanze Klosterhalfen

Ein weiteres 20-jähriges Fräulein-Wunder aus „Germany“ musste gaaanz viel Lehrgeld zahlen. Mittelstrecklerin Konstanze Klosterhalfen wurde in einem Harakiri-Rennen über 1.500m nach einem „selbstmörderischen“ Ausreißversuch auf der Zielgeraden noch von sieben Konkurrentinnen eingesammelt. Derweil erreichte im Halbfinale davor Hanna Klein mit einer Punktlandung als Fünfte in 4:04,54 Minuten völlig überraschend den Endlauf.
Toll auf Kurs liegt bei „Halbzeit“ Siebenkämpferin Carolin Schäfer aus Frankfurt als Spitzenreiterin mit 4.036 Punkten. Favoritin bleibt jedoch als überragende Speerwerferin die belgische Weltjahresbeste Nafissatou Thiam, die ledgilich 22 Zähler zurück ist. Aber eine Medaille winkt bereits. Vielleicht auch bei Kugelstoßer David Storl, der ab 21.35 Uhr zum Vorkampf und Finale in der Reihenfolge als Elfter in den Ring gehen wird. Dass der 27-jährige Doppel-Weltmeister hinter dem Australier Tom Walsh (22,14m) als Zweitbester (21,41m) die Qualifikation absolvierte, ist bei neu gemischten Karten allerdings Schall und Rauch. Ein gutes Gefühl wird er dennoch mitnehmen. – Alle Einzelheiten zum bisherigen und weiteren WM-Verlauf unter diesem Link.
Wieder einmal ordentlich über die Schmergrenze hinaus gab es von ARD-Reporter Ralf Scholt auf die Ohren. Der Sortierer vom Dienst, der dieses Wort in nahezu jedem Satz in alle Variationen überstrapaziert, will sogar gesehen haben, dass Dreispringerin Kristin Gierisch (setzte sich gemeinsam mit ihrer Teamkameradin Neele Eckhardt in der Qualifikation durch) ihre Oberschenkel sortierte. Wo mögen die bloß vorher gewesen sein?
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