LVN-Strukturreform: Gesundschrumpfung soll's als Allheilmittel richten

Kolumne

Moment mal

(Nordrhein/Krefeld, 06. Januar 2018)  
Gesundschrumpfen oder auslagern, gerne hier zu Lande häufig im verbrämenden Englisch, sind Be-/Umschreibungen, die in der freien Wirtschaft gemeinhin nichts Gutes verheißen. Das ist in der ehemaligen olympischen Kernsportart Leichtathletik nicht anders. Selbst einstige Hochburgen wie die Bayer-Schwestervereine aus Leverkusen, Uerdingen und Dormagen führen heutzutage ein Schattendasein mit wenigen Spitzenkönnern. Der Ruhm und Glanz vergangener Tage ist längst verblasst. Die Gründe sind vielschichtig. Das Kardinalproblem ist jedoch, dass es die Burger-(Lautsprache Börger)Generation entweder zum „König Fußball“ oder in die vielen Fun-Sportarten drängt. Neigung und Talent stehen da häufig nicht im Einklang. Hinzu kommen die enorm hohen Absprungraten auch oder gerade in der Leichtathletik. Kaum noch eine/r will sich quälen und schinden, um von der Nachwuchsklasse irgendwann bei den Erwachsenen anzulanden.
Manche Gebiete sind bereits Diaspora. Nicht nur im verklärten Rückblick war früher vieles besser. Zwei Beispiele aus Journalistensicht und eigener Erfahrung: Bei den Kreismeisterschaften der frühen siebziger Jahre gab es über 100 Meter der Männer Vor- und Zwischenläufe, um die acht Finalisten (alle unter 11 Sekunden) auszufiltern, die meist vom damaligen FC Bayer 05 Uerdingen kamen. Beim Kugelstoßen mit bis zu 15 Teilnehmern war der „Scharfrichter“ so um die 14 Meter angesiedelt, um den Vorkampf zu überstehen. Lang, lang ist’s her.

Ehedem 14 Kreise in vier „Filetstücke“ zusammengefügt

Ob der schleichend fortschreitenden negativen Entwicklung, die bereits vor Jahren mit der Bildung von Startgemeinschaften ihren Einzug gehalten hat, zog der Leichtathletik-Verband Nordrhein (LVN) der Not gehorchend die Reißleine. Die ehedem 14 mit allem Pipapo selbständigen Kreise wurden mit Wirkung von Januar 2018 in vier „Filetstücke“ zusammengefügt: Region Nord: Kleve, Rhein-Lippe, Duisburg/Mülheim; Region Mitte: Essen, Niederrhein-West, Düsseldorf/Neuss, Bergisch Land (ohne Leverkusen); Region Südost:  Köln/Rhein-Erft, Oberberg, Bonn/Rhein-Sieg, Stadt Leverkusen; Region Südwest: Heinsberg, Aachen, Düren, Euskirchen.

Wolfgang Ritte will die Gunst der Stunde zur Rekordjagd nutzen

Und so feiert die Region Mitte mit den Hallen-Meisterschaften der Männer, Frauen und U20 morgen im Arena Sportpark in Düsseldorf Premiere unter dem Aspekt von Titelkämpfen. Erneut ein Armutszeugnis grauseliger Informationspolitik, dass diese Veranstaltung nicht einmal im Rahmenterminplan 2018 des LVN aufgeführt ist. Dafür muss man(n)/frau über sieben Brücken gehen, um dann (vielleicht) auf der Netzseite des früheren Kreises Düsseldorf/Neuss fündig zu werden. Übrigens mit von der Partie die gesamte stabhochspringende Ritte-Air vom SC Bayer 05 Uerdingen. „Flotten-Chef“ Wolfgang Ritte (*07.01.1953) will an seinem Geburtstag gleich die Gunst der Stunde für eine Rekordjagd (DLV 3,40, Europa 3,60, Welt 3,86m) nutzen. Der 65-jährige in Lauerstellung fühlt sich nach bislang reibungslos verlaufener winterlicher Vorbereitung mit Zubringerleistungen wie vor drei, vier Jahren bestens gerüst
et und in Frühform. Beim Adventssportfest an gleicher Stelle am 10.Dezember 2017 ist er aus dem vollen Training heraus „mal eben“ 3,75m gesprungen.
Aber zurück zur Strukturreform wider Willen, die sehr unzureichend kommuniziert worden ist und derzeit kein interessierter Aktiver weiß, was wo pupliziert wird. Das ist flächendeckend gesehen ja kein spezifisches Problem am Nordrhein. Insofern mutet es wie ein ganz schlechter Witz an, dass es bei 16 Bundesländern immer noch 20 Regional-Verbände mit entsprechenden Wasserköpfen gibt. Das vergleichsweise überschaubare Rheinland-Pfalz leistet sich gar mit Rheinland, Rheinhessen und Pfalz derer drei, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen jeweils zwei.
Wer hat denn da den Schneid, alte Zöpfe abzuschneiden?