Abwärtsspirale drehte sich beim früheren Wunderknaben Storl weiter

Mein WM-Logbuch

(London/Krefeld, 07. August 2017) Hätte, hätte, Fahrradkette. Dieser flapsige Spruch des gescheiterten großmäuligen Kanzler-Kandidaten Peer(lusconi) Steinbrück von der SPD feierte gestern Abend bei den Weltmeisterschaften der Männer/Frauen in London bei einigen deutschen Athleten „fröhliche“ Urständ‘. Allen voran beim inzwischen 27-jährigen David Storl (im Bild) aus Leipzig. Die Abwärtsspirale beim jüngsten Kugelstoß-Weltmeister und Titelverteidiger der Leichtathletik-Gesichte (2011 und ’13) setzte sich bei internationalen Großereignissen ungebremst fort. Der einstmals jugendlich unbekümmerte Sachse erlebte, richtiger: erlitt, vor 60.000 Zuschauern im abermals ausverkauftem, stimmungsvollem Haus in der britischen Metropole praktisch sein Waterloo, den Super-GAU. Der restlos bediente und verständlicherweise sichtlich bedröppelte 1,99-Meter-Hüne wurde zusammen mit drei weiteren Mitbewerbern wie ein begossener Pudel nach dem Vorkampf von einem Ordner aus dem Innenraum geführt.

Wenn man(n) schon kein Glück hat, kommt meist noch Pech hinzu

Vergleichsweise bescheidene 20,83m für ein Weiterkommen waren an diesem „denkwürdigen“ Abend zu viel für den Schützling von Bundes- und Heimtrainer Sven Lang. Und wenn man schon kein Glück hat, kommt meist noch Pech hinzu. Bei den auf der letzten Rille im dritten Versuch erzielten 20,80m fehlten lausige drei Zentimeter für den Einzug in den Endkampf der besten Acht. Eine Hypothese zwar, aber sehr zweifelhaft, ob er da in der aktuellen Verfassung den Bock noch hätte umstoßen können.
Besonders ärgerlich im Nachhinein: Die Kolosse rissen alle keine Bäume aus, gingen mit scheinbar wackligen Beinen in den Ring und blieben weit überwiegend deutlich hinter ihren Vorleistungen zurück. Storl leider auch. Es ist nun mal ein Riesenunterschied in der von Andy Dittmar mit viel Liebe zum Detail für die Athleten gestrickten Wohlfühlatmosphäre des heimeligen Gothaer Schlossmeetings ohne ernsthafte Konkurrenz mit 21,87m Meeting-Rekord zu stoßen oder bei all den Zwängen und der eigenen sowie fremdgesteuerten Erwartungshaltung bei der wichtigsten Veranstaltung nach den Olympischen Spielen. Seinerzeit habe ich öffentlich, mithin nachweislich geunkt, dass man die Kirche erst einmal hübsch im Dorf lassen solle. Prima, dachte ich nach den sehr locker wirkenden, gleich im ersten Versuch erzielten 21,41m und der zweitbesten Weite in der Qualifikation. Die Trendwende hat also tatsächlich in Gotha ihren Ursprung genommen. Pflicht souverän erfüllt, die Kür kann kommen.

Verheißungsvolles Einstoßen erwies sich als trügerisch
 
Denkste! Eine Nacht und insgesamt 35,5 Stunden später war im Wettkampf alles wie weggeblasen. Als sei ihm ein virtueller Stick gezogen worden, auf dem das Bewegungsmuster abgespeichert war. Dabei hatte es beim Einstoßen noch sehr verheißungsvoll ausgesehen. Und die Abfolge war auch wie für Storl geschaffen. Er war als Elfter an der Reihe, und vor ihm hatten die mutmaßlichen Titel-/Medaillen-Kandidaten nicht grade (Ehr-)Furchteinflößendes produziert: Kovacs 21,48, Walsh 21,38, Crouser 21,07, Stanek 21,04m. Allesamt mit diesjährigen Bestleistungen jenseits der 22 Meter ausgestattet. Die auf dem Silbertablett servierte Marktlücke wollte Storl nutzen. Doch schon der Auftakt am Ringanfang war verwackelt. Er musste ab- und wieder neu ansetzen. Der Anfang vom Ende. Eine mäßige Weite knapp über 20 Meter. Den Versuch machte er bewusst ungültig, genau wie den ebenfalls verkorksten zweiten. Nun musste er es also im dritten Durchgang mit kalkuliertem Risiko richten, die 20,82m des ehemaligen Hallen-Doppelweltmeisters Ryan Whitung (USA) galt es irgendwie zu überbieten. Schönheitspreise waren so wenig gefragt wie der Stoß aus der Zauberkiste. Ergebnis bekannt. Nur manchmal vermag allein der Wille Maulwurfhügel zu versetzen. Berge sowieso nicht. Da pflegt aus Kampf zumeist Krampf zu werden Sportlern muss das nicht großartig erklärt werden.

Hätte, hätte: Für Bronze reichten 21,46, für Silber 21,66 Meter
 
Ein Jammer. Auch für den sach- und fachkundigen, patriotisch angehauchten Betrachter. Da beziehe ich mich durchaus ein. Zumal ich seit im nunmehr 52. Jahr mit Herz, Leib und Seele als Feierabend-Leistungssportler das „schmutzige Geschäft“ mit der Kugel betreibe, in meiner besten Zeit  bei einer Größe von 1,87m und 96 Kilo Körpergewicht als Bestleistung 16,90m (1976) zu Buche stehen habe. Daher weiß ich auch, anders als der unfähige ZDF-Reporter Marc Windgassen (der Nachname ist Programm), dass die schweren Jungs nicht nur bis 200 Kilo Kniebeugen machen, als der freudentrunkene Überraschungsdritte Stipe Junic (21,46m) aus Kroatien den nach der Papierform nicht minder überraschenden neuseeländischen Sieger Tomas Walsh hochhob. Der bot schon als Titelgewinner feststehend im finalen sechsten Versuch mit 22,03m (zuvor 21,75m) sein Meisterstück in einem alles in allem auch rein dramaturgisch gesehen enttäuschenden Wettbewerb. Silber gewann US-„Boy“ Jo Kovacs mit 21,66m, sein als Favorit auserkorener Landsmann, der Weltjahresbeste (22,65m) Ryan Crouser wurde mit 21,20m lediglich Sechster.

Inzwischen ärgern ihn die Jungspunde

Das alles machte es für Storl nicht erträglicher, zumal die Jungspunde Konrad Bukowiecki (20,89m), der nach einer positiven A- und „verschwundenen“ B-Probe im Vorjahr streng genommen nicht in dieses Feld hätte gehören dürfen, und „Milchgesicht“ Jacko Gill (20,82m) aus Neuseeland noch vor ihm landeten. Das war früher „Storlis“ Aufgabe die Etablierten zu ärgern.
Ergebnisse und sonstiges Wissenswertes bei der IAAF unter diesem Link.