Titelverteidiger David Storl wurde diesmal EM-Dritter mit 21,41 Meter

(Berlin/Krefeld, 08. August 2018) Es hat nicht zum von uns beschriebenen „Goldenen Schuss“ gereicht. Mithin blieb ihm auch das historische Ereignis verwehrt, als erster Kugelstoßer bei einer Europameisterschaft den vierten Titel in Serie zu gewinnen. David Storl aus Leipzig ging aber zumindest nicht leer aus, darf sich bei der noch anstehenden Medaillenzeremonie mit Bronze dekorieren lassen. Der 28-jährige Sachse bot mit im ersten Versuch erzielten 21,41m ein solide Leistung, wie er hinterher selber sagte, jedoch keine überragende. Er hätte schon seine Saisonbestleistung  von 21,62m in dem für europäische Verhältnisse hochklassigen Wettbewerb (die „Top Six“ hatte eine 21 vor dem Komma) überbieten müssen, um die beiden Polen (21,72 und 21,66m)  vor ihm einzufangen. Garantiert wollte „Storli“ mehr, konnte das allerdings in der Stunde der Wahrheit nicht abrufen. Die Rückkehr zum Umspringen anstatt des Stützstoßes hat er noch nicht vollends verinnerlicht, konnte bei seinem starken Vortrieb vier seiner Versuche jenseits 21 Meter nicht im Ring halten.

Absolute Biss und Sieger-Gen fehlten

Und der absolute Biss und das Sieger-Gen, womöglich im finalen Durchgang noch einen auszupacken, scheint ihm auch abhandengekommen zu sein, wenngleich der Wille dazu sicherlich vorhanden war. Bleibt die Erkenntnis, dass selbst ein reichlich dekorierter Weltklasseathlet eben ein Mensch aus Fleisch und Blut und keine Maschine ist. Das kann freilich nicht als Pauschalentschuldigung für die vielen bisherigen Versager in der angeblich „sehr ambitionierten deutschen Mannschaft“ herhalten. Zumal die wenigsten davon sich mit dem Attribut „internationale Spitzenklasse“ schmücken können. Selbst Europa ist für den Rest vom deutschen Fest (siehe untenstehende Resultate) noch viel zu groß.

Gina Lückenkemper stürmte nach schwachem Start noch zu Silber

Schön, dass es noch ein paar rühmliche Ausnahmen gibt. Vorneweg Sprintstern und Sonnenschein Gina Lückenkemper aus Leverkusen, die sogar das Flutlicht überstrahlte. Die 21jährige legte im Halbfinale blitzsaubere 10,98 Sekunden hin. Diese Zeit wiederholte sie später im Endlauf. Trotz eines Grottenstarts als Letzte aus den Blöcken gekommen, sammelte sie auf dem kurzen Weg bis zur Lichtschranke eine nach der anderen ein. Und kurz vor der Ziellinie auch noch die Niederländerin Dafne Schippers (10,99). Schließlich keine Laufkundschaft und als 200-m-Spezialistin mit einer gehörigen Portion Sprintausdauer und Endgeschwindigkeit ausgestattet. Der Lohn für die blonde junge deutsche Antwort auf Gina Lollobrigida war der Silberrang hinter der früh enteilten favorisierten dunkelhäutigen Britin Dina Asher-Smith (10,85). Mit einem verbesserten Reaktionsvermögen und einem gescheiten Start kann die Wahl-Leverkusenerin aus dem Rohrpott auch in diese Bereiche vorstoßen. Das ist nicht mal eine allzu kühne Prognose. Denn zwischen den Ohren hat sie alles, was zu einer großen Karriere auf dem Laufsteg, der da Kunststoffbahn heißt, gehört.

Arthur Abele bei „Halbzeit“ auf Rang zwei

Prima schlagen sich zur „Halbzeit“ des Zwei-Tage-Werkes auch die drei heimischen Zehnkämpfer Arthur Abele (2. mit 4.285 Punkten), Niklas Kaul ((4.089) und Matthias Brugger. Ärgerlich, dass sich der Letztgenannte mit taktischem Unvermögen seiner drei satt übergetretenen Versuche im Weitsprung um die Früchte seiner offenbar guten Form gebracht hat. Dummheit muss als Lerneffekt halt bisweilen bestraft werden.
Sehr erfreulich, dass wir die fast 38-jährige Carolin Hingst, die schon 2002 bei der EM in München mit von der Partie war, als Zwölfte (4,35m) der Qualifikation im Stabhochsprung in der finalen Entscheidung wiedersehen werden.
Für alle anderen Germanen reihte sich bei der Abendveranstaltung weitestgehend eine Enttäuschung an die andere. Eine trostlose Vorstellung bot einmal mehr der sprintende Meister der Ausreden Julian Reus als 16. der Drittelfinals über 100 Meter in 10,37 Sekunden. Derweil sprach DLV-Schönredner Cheik-Idriss Gonschinska in einem Kurz-Interview beim ZDF mit getragenen, salbungsvollen Worten von einem „steten Auf und Ab“. Eine Aussage fürs Phrasenschwein. Immerhin hat er nicht im reinsten DLV-Denglish „Up and down“ gesagt. Gleichwohl gibt es für ihn von uns die virtuelle Schlafmütze und - wohlwollend gerechnet - die neue Rekord-Ausfallquote von 61,54 Prozent. Beileid!

Für Robert Harting fällt in seinem „Wohnzimmer“ heute Abend der Vorhang

Nicht vergessen: Für Diskuswurf-Ausnahmekönner Robert Harting aus Berlin fällt heute Abend (Beginn 20.20 Uhr) in seinem sportlichen Wohnzimmer der letzte Vorhang auf internationaler Bühne. Und das Finale im Kugelstoßen der Frauen mit dem Terzett Christina Schwanitz, Alina Kenzel und Sara Gambetta. Da trägt "La Schwanitz" die Würde und Bürde der Top-Favoritin auf ihren kräftigen Schultern. Hoffen wir mal, dass es kein ungünstiges Omen ist, dass auch sie als Europameister/in von Amsterdam 2016 in den Ring geht. Wenn nicht sie, wer sonst, sollte mit dieser Drucksituation umgehen können?! Als Mutter von einjährigen Zwilligen musste sie sich zwangsläufig Nerven wie fingerdicke Drahtseile aneignen.
Resterampe: Frauen, 100-m-Drittelfinals: 9. Tatjana Pinto 11,26, 14. Lisa Marie Kwayie 11,36; Stabhochsprung-Qualifikation: 12. Caroline Hingst 4,35m; ausgeschieden Jaqueline Otchero 4,35m, Stefanie Daubner 4,00m.
Männer, 100-Drittelfinals: 16. Lukas Jakubczyk 10,32, 18. Julian Reus 10,37; 10.000-m-Endlauf: 16. Amanal Petros 29:01,19, 24. Sebastian Hendel 29.53:45; Richard Ringer aufgegeben. – Alles Weitere unter diesem Link.