Politikum und mehr auf dem Rücken der Athleten/innen ausgetragen

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Kolumne

Moment mal

(Málaga/Krefeld, 17. September 2018)
Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Nicht nur beim Tischler. Eine Binsenweisheit. So lange es keine Normen bei internationalen Meisterschaften gibt, wird das Gezeter und Gejammer kein Ende nehmen, dass sich Sporttouristen aus aller Herren Länder an Senioren-Weltmeisterschaften beteiligen und die Suppe gehörig verwässern. Diesmal im spanischen Málaga an der Costa del Sol in Andalusien, touristisch besonders reizvoll, hatten 8.197 Athleten aus 101 Nationen ihre Willenserklärungen für meist mehrere Starts zu den 23. globalen Titelkämpfen abgegeben. Nicht alle werden erschienen sein. Aber das lässt sich nicht kalkulieren. Also ist ein gigantischer organisatorischer Apparat zu bewältigen, mussten die Massen in den vielen Altersklassen und Disziplinen auf vier Schauplätze verteilt werden. Das geht zwangsläufig auf Kosten der Atmosphäre, Stimmung und einem kunterbunten Stelldichein.

Es klemmte überall bis hin zum handfesten Skandal

Und so klemmte es nahezu unauweichlich an allen Ecken und Enden. Müßig, dass jetzt alles aufzuzählen. Kaprizieren wir uns auf die wesentlichen Dinge und fangen gleich mit einem handfesten Skandal an. Obwohl Gibraltar kein eigenständiger Staat ist und zu Großbritannien gehört, ist es ordentliches, selbständiges Mitglied des übergeordneten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Mithin auch der World Masters Athletics (WMA) als WM-Schirmherrn. Demzufolge sind deren Athleten bei allen internationalen Meisterschaften hinauf bis zu den Masters startberechtigt. Ein Quintett hatte gemeldet, war folgerichtig auch akzeptiert worden. Doch nun kamen die Animositäten zwischen Spanien und Gibraltar ins unselige Spiel. Offenbar auf Druck der spanischen Regierung, sollten sie nicht unter ihrer Nationalflagge teilnehmen dürfen, sondern „Neutral“. Gewissermaßen staatenlos, wie die suspendierten Russen.

WMA mit Präsident Stan Perkins an der Spitze knickte ein

IAAF-Präsident Sebastian Coe aus Großbritannien zwitscherte auf Twitter: „Die IAAF unterstützt die Rechte Gibraltars, ihre Athleten unter der Nationalflagge antreten zu lassen, da ihre Heimat als europäischer Verband offiziell  anerkannt ist. Deshalb drängen wir die WMA dazu gegenüber diesem politischen Manöver standhaft zu bleiben.“ Wunschdenken. Die Verantwortlichen der WMA mit dem Noch-Präsidenten Stan Perkins (Australien) an der Spitze knickten mit dem Hinweis darauf ein, dass die spanischen Behörden sonst die Durchführung der Veranstaltung verboten hätten. Vier Athleten von Gibraltar boykottierten daraufhin die WM, einer trat als „Neutraler“ an.

Unzumutbare Bedingungen bei Stoß und Wurf

Kommen wir eingedenk dessen rein exemplarisch noch zu ein paar „Luxusproblemen“. Die betrafen häufig die Kugelstoßer und Werfer mit zum Teil unzumutbaren Wettkampfanlagen bis hin zur Beschaffenheit löchriger, verletzungsträchtiger Bodenbeläge der Ringe. Da sei nur an die Aussage von Kugelstoß-Ass Andy Dittmar erinnert (wir berichteten). Beim Diskuswerfen der M60 waren Beinahe-Unfälle sowie regelrechte Stürze wie bei Ralph Fruguglietti sowie Greg Holden (beide USA) zu beobachten. Ganz zu schweigen von einer WM unwürdigen fehlenden Feldmarkierung im Radiusverlauf des Kugelstoßsektors. „Da jegliche Orientierung fehlte, wäre ein Einspruch bei einem etwaigen Messfehler unmöglich gewesen“, beklagte Jeannette Denz aus der W40. Noch schlimmer, dass sie Zeitzeugin einer Regelbeugung wurde. Elf Starterinnen waren gelistet, erschienen dementsprechend im Callroom, wurden zu Anlage geführt und stießen sich ein. Plötzlich kam eine Zwölfte aus Sri Lanka hinzu, nahm am Wettkampf teil und wurde Dritte. „Wozu Regeln, wenn sich keiner daran hält?“, fragt sie völlig zu recht.
Wohlgemerkt geht es hier nicht vordergründing darum zu stänkern, sondern vielmehr um Denkanstöße und konstruktive Kritik, es vielleicht beim nächsten Großereignis besser zu machen. Dazu gehört auch unabdingbar für die technische Kommission, die Wettkampf-Anlagen genau zu inspizieren und nicht in Vogel-Strauß-Manier den Kopf in den Sand zu stecken.
(Redaktionelle Anmerkung: Diesen für das Fenster Flurfunk gedachten Beitrag vom gestrigen Abend stellen wir zunächst in diese unsere Seite aufmachende Nachrichtenspalte.)