Aphorismen eines Weltrekordlers im Zehnkampf der Senioren

(Göttingen/Krefeld, 24. August 2017) Stellt euch vor, einer bereitet sich viele Monate systematisch auf das Ereignis des Jahres vor, die Teilnahme am Zehnkampf bei einer Senioren-WM. Davor hattest du lange keine Verletzung und bist in einer Form, die du in den letzten Jahren nicht hattest. Du bist bereit, alles zu geben. Von Beginn an läuft es gut. Im Hürdenlauf rennst du gar einen Weltrekord. Beim Stabhochsprung, der achten Disziplin, verletzt du dich allerdings am Arm und musst deshalb auf weitere Höhen verzichten – 30 Zentimeter höher wären normal gewesen. Dennoch steht am Ende mit 8.726 Punkten ein Resultat, das weltweit bis dahin noch kein Senior in einer Altersklasse erreicht hat – etwa 1.000 Zähler über der durchschnittlichen Punktzahl aller Weltrekorde der Senioren.

Nicht von Abwertung der Leistung informiert worden

Diese Leistung ist nicht irgendwo erzielt worden, sondern bei den Weltmeisterschaften 1999 in Gateshead (Großbritannien) in der M55. Das war zwar vor fast zwei Jahrzehnten. Aber erst beim diesjährigen Zehnkampf-Meeting in Stendal erfuhr ich von der Abwertung auf 8.121 Punkte. Immerhin gut 600 Punkte weniger. Wann die Ab- beziehungsweise. Entwertung erfolgte, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn informiert wurde ich nie, von einer Begründung ganz abgesehen. Oder ist das in einer zivilisierten Gesellschaft etwa zu viel verlangt?
Was könnten die Gründe für eine Abwertung gewesen sein? Möglicherweise herrschte Ratlosigkeit bei den Bewertungsexperten ob der hohen Punktzahl. Darf ein Senior so viele Punkte erreichen wie die Zehnkämpfer der absoluten Weltelite in der offenen Klasse bei den professionellen Männern? Um Gottes Willen, wird man gesagt haben, vielleicht macht der beim nächsten Zehnkampf noch mehr Punkte. Die Konsequenz: wir müssen die Faktoren ändern. So könnte die Reaktion der Experten gewesen sein. Im Nachhinein Bewertungsfaktoren verändern? Das geht gar nicht, denn die Leistung wurde zu den damalig gültigen Bedingungen erbracht! Welch ein kurioses Rechtsverständnis in den Verbänden zu herrschen scheint, zeigt sich an diesem Fall. Prägnanter geht´s nicht mehr.

Weltrekord zunächst an- und wieder aberkannt

Während der europäische Senioren-Verband EMA diese Leistung „nur“ abwertete, hat die die globale Dachorganisation WMA sie nach einer Zeit der Anerkennung irgendwann wieder aberkannt. Welches Haar haben sie in der Suppe gefunden? Nun, zum einen war es angeblich die handgestoppte Zeit im 1.500-Meter-Lauf. Dazu sagt jedoch die Regel, dass alle handgestoppten Läufe von 1.000 Meter aufwärts anzuerkennen sind. Um eine mit elektrischer Messung vergleichbaren Zeit zu erhalten, bräuchten im Übrigen lediglich 0,14 Sekunden hinzuaddiert werden – wie das in der Anfangszeit der elektrischen Zeitmessung bei Ausfällen auch geschehen ist. Das andere Haar, das in der Suppe gefunden wurde, ist der im Wettkampf zur Verfügung gestellte Speer. Der soll angeblich 800 Gramm schwer gewesen sein, obwohl die Regel in der M50/55 700 Gramm schwere Speere vorschreibt. Wenn es dann doch so gewesen sein sollte, hätten nicht nur ich, sondern sicher auch meine Konkurrenten vehement protestiert. Das Ganze ist insofern kurios und kaum zu glauben, dass sich durch einfachste physikalische Kenntnisse belegen lässt, dass bei gleichem Krafteinsatz und Abwurfwinkel der leichtere Speer weiter fliegt. Die als Vorteil ausgelegte Nutzung des 800-Gramm-Speers ist in Wahrheit ein klarer Nachteil, mithin Punktverlust (ob das der mathematische Umrechnungsfaktor in Gänze auszugleichen vermag, ist nicht beweisbar; die Redaktion).

Ungeachtet der Tiefschläge macht die Leichtathletik dennoch Spaß

Vielleicht war das der für die Anerkennung des Weltrekords zuständigen Amerikanerin nicht klar. Dazu muss man jedoch nicht in Harvard studiert, sondern nur die Unterstufe eines deutschen Gymnasiums besucht haben. Wen wundert es da, dass ein Amerikaner die Weltrangliste anführt? Auch in der Masters-Leichtathletik der USA scheint der bekannte Slogan zu gelten: America first!
Dass mir die Leichtathletik trotz solcher Tiefschläge dennoch Spaß macht, verstehe ich mitunter selber nicht.