Reine Erfolgsbilanz an Medaillen kann sich durchaus sehen lassen

Kommentar
 
Unter uns gesagt

(Berlin/Darmstadt/Krefeld, 13. August 2018) Vorausgeschickt, um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen: Per Saldo kann sich die reine Erfolgsbilanz der deutschen Leichtathleten bei den Europameisterschaften der Männer/Frauen im Berliner Olympiastadion absolut sehen lassen. Mit sechs Titeln, sieben Silber- und sechs Bronzemedaillen lag die Ausbeute sogar über der EM von vor zwei Jahren (5/4/7) im niederländischen Amsterdam. Das wiegt nicht nur nach nackten Zahlen mehr, sondern auch relativ gesehen. Denn 2016 hingen die Trauben längst nicht so hoch, da wegen der noch bevorstehen Olympischen Spiele in Rio de Janeiro viele Nationen ihre Spitzenkönner bei den kontinentalen Meisterschaften von Europa nicht an den Start gebracht haben.

Positiv: Zehn persönliche und 15 saisonale Bestleistungen

Dennoch sind die Verantwortlichen beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) in Darmstadt sehr gut beraten, sich vom Glanz des 19-fachen Edelmetalls nicht restlos blenden zu lassen. Ehe einmal mehr der branchenübliche hausinterne Verdrängungswettbewerb stattfindet, sei an die allzu vollmundige vorherige Aussage von DLV-Cheftrainer und –Lautsprecher Cheik-Idriss Gonschinska „von einer sehr engagierten deutschen Mannschaft, die um jeden Zentimeter kämpfen wird“ erinnert. Dazu schlicht und ergreifend knallharte Fakten. Wobei wird das mit 125 Athleten/innen wie ein Heißluftballon aufgeblasene Team lediglich am eigenen Leistungsvermögen, also den Saisonbestleistungen der weiblichen und männlichen Protagonisten, gemessen haben. Dies sollte legitim und erlaubt sein. Das Positive zuerst: Es sind in der jeweiligen Stunde der Wahrheit, dabei nicht stets zwingend europäisches Spitzenniveau erreicht zu haben, insgesamt zehn persönliche Bestleistungen auf- respektive eingestellt worden. Dazu noch 15 saisonale „Hausrekorde“. Prima, keine Frage.

Ausfallquote beträgt dagegen viel zu hohe 31,25 Prozent

Aber nun zu der matten Kehrseite des siebentägigen Geschehens bei Lauf, Sprung und Stoß/Wurf. Es waren in Summe 40 (24 Männer, 16 Frauen) mehr oder minder schwere Ausfälle zu beklagen. Das ließe sich selbstverständlich mit den dazugehörigen Namen erhärten, würde jedoch viel zu lang geraten. Linear sind das schmerzliche 31,25 Prozent! Was den Schluss zulässt, dass Gonschinska bei allem von ihm berufsmäßig auszustrahlenden Optimismus ein hoffnungsloser Fantast ist. Der Mann mit einem gut dotierten Direktoren-Gehalt ist ja nicht auf den Mund gefallen. Auf der breiten rhetorischen Klaviatur hätte es noch ein paar Töne zwischen Utopie und Realitätsnähe gegeben.

Banal und fatal: Zuletzt drei tollen Tage ließen jegliche öffentliche Kritik verstummen

Beim medialen Getöse ob der zuletzt drei tollen Tage mit allein zehn der 19 Plaketten wurde dann  blitzschnell in den Chor träge machender Zufriedenheit eingestimmt. Ebenso banal wie fatal. Freitagmittag um 14.50 Uhr vor dem Medaillenrausch hatte ARD-Moderator Claus Lufen nahezu wörtlich gesagt: „Später haben wir noch die beiden erfolgreichen Hürdensprinterinnen (gemeint waren Pamela Dutkiewicz und Cindy Roleder, die Redaktion) zu Gast aus einer DLV-Mannschaft, für die es bisher nicht wirklich gut lief.“ Der traurige Rest (siehe oben) ist später beim Resümee einfach in Bausch und Bogen ohne jeden Anflug von auch nur leiser Kritik unter den Tisch gekehrt worden. Die zugestanden prächtigen Erfolge machten alles andere ja nicht um ein Jota besser.
Überhaupt werden sich aktive Leichtathleten unter den Lesern/Fernsehzuschauern mächtig gewundert haben, was da so von vermeintlicher geballter Fachkompetenz im analogen und digitalen Blätterwald  geschrieben stand sowie bei den Übertragungen von ARD, ZDF und EUROSPORT frei Haus ins Pantoffelkino geliefert wurde. Wenigstens hat Letzteres bis auf die etatmäßigen Gebühren nichts gekostet.