Zweimal Gold, je einmal Silber und Bronze "in der Nacht der Nächte"!

(Berlin/Krefeld, 12. August 2018) Zitieren wir einen bekannten, inhaltsschwangeren Songtitel von der Band „Die Toten Hosen“ um Frontmann Campino: „An Tagen wie diesen…“ Den müsste man sich ganz zu Gemüte führen, könnte die Strophen mit Fug und Recht auf vier deutsche Leichtathleten duplizieren. Sie rockten „in der Nacht der Nächte“ gestern Abend das mit 60.500 begeisterungsfähigen Zuschauern überausverkaufte Berliner Olympiastadion (wegen des großen Andrangs musste der an sich geschlossene Oberrang teilweise geöffnet werden). Das hatte etwas von Schwerelosigkeit. Insbesondere bei Hochsprung-Entertainer Mateusz Przybylko aus Leverkusen, der alle Höhen bis zur Einstellung der persönlichen Bestleistung von 2,35m im ersten Anlauf nahm und fast zeitgleich mit der zum Favoritenkreis zählenden Weitspringerin Malaika Mihambo (6,75m) die Goldmedaille gewann. Und damit immer noch nicht Ende im Gelände der weitläufigen Arena. Das weibliche Diskuswurf-Terzett erfüllte anders als die Männer die in sie gesetzten zur Erwartung tendierenden Hoffnungen. Einträchtig belegten sie hinter der bis auf eine Ausnahme ungewohnte Schwächen offenbarende,  funkturmhohe Favoritin und mit 71,38m (!) Weltjahresbeste Sandra Perkovic (67,62m) aus Kroatien einträchtig die nächsten Ränge: Nadine Müller (63,00m; SBL), Shanice Kraft (62,46m) und Claudine Vita (61,25m).

Kristin Hussong bleibt (vorerst?) die Vorsprung-Europameisterin

Vermelden wir in diesem Zusammenhang als hauptsächliche Werfer-Netzseite, dass Speerwerferin Kristin Hussung mit 6,05 Meter Vorsprung vorerst die überlegenste Europameisterin der gesamten Zunft bleibt. Daran kann heute Abend beim Schlussakkord nur noch die schwergewichtige polnische Hammerwerferin Anita Wlodarczyk etwas ändern. Sie ist nicht nur körperlich ein Schwergewicht, sondern eine ähnlich „Außerirdische“ wie Perkovic. Ohne ihr zu nahe treten zu wollen, müssten der dagegen zierlich wirkenden Katrin Klaas schon Flügel des „Roten Bullen“ wachsen, wenn sie die wieder einmal außerordentlich erfolgreiche Medaillen-Bilanz der Fraktion Stoß/Wurf aufpolieren wollte. Obwohl selbst hier bis zu ganz herben Enttäuschungen (Christoph Harting, Daniel Jasinski) längst nicht alle Blütenträumen reiften. Aber zu einer Analyse kommen wir noch später, ehe uns der DLV wieder Geschichten aus dem Bereich Märchen und Sagen auftischt.

„Mattes“ sprang sich in einen Rausch und berauschte das Publikum

Der Mann mit dem schwer zu schreibenden und noch schwerer richtig auszusprechenden Namen, nennen wir ihn wie seine Freunde „Mattes“, befand sich in einem Aggregatzustand, den sie heutzutage bei jeder sich bietenden Gelegenheit neudeutsch als „Flow“ bezeichnen. Formulieren  wir es in unserer schönen, ausdrucksstarken Sprache: Der 26-Jährige befand sich in einer Art Rausch auf Wolken sieben. Auf der landete er dann auch weich, nach dem der zwischenzeitlich „Taschenspielertricks“ ziehende erst 20-jährige Weißrusse Nedasakau bei der persönlichen Bestleistung von 2,33m verblieb. Nach minutenlangem Abfeiern ließ der neue Titelträger mehr so zur Schau die Latte auf die neue deutsche Rekordhöhe von 2,38m legen. Er ging sie auch nur ein- statt dreimal erfolglos an. Carlo Thränhardt behält sie zunächst mit 2,37m, gesprungen am 02.September 1984 in Rieti (Italien). Sei's drum. Der Sonnyboy vom Mittelrhein hatte auch so diesen altehrwürdigen Sporttempel in der Bundeshauptstadt, sicherlich noch (womöglich kreist hier wegen "König" Fußball bald die Abrissbirne) eines der schönsten Stadien weltweit mit Leichtathletik-Anlagen, in ein Tollhaus verwandelt.

Mihambo folgte auf harkender Heike Drechsler nach 20 Jahren als Europas Beste

Das würzte die dagegen eher introvertierte Malaika Mihambo (im Bild; beide Fotos von der European Athletics) mit einer gehörigen Prise Nervenkitzel. Die 24-jährige Heidelbergerin schaute bei dieser Windlotterie als Neunte nach zwei Versuchen schon in den Abgrund. Obwohl sie auch im dritten Durchgang gut und gerne zehn Zentimeter auf dem 20 Zentimeter Balken „verschenkte“, katapultierte sie sich mit 6,75m auf Platz eins. Dass es schon ihr Sprung zu Gold sein sollte, war gegen die sich bis zuletzt heftig wehrende Konkurrenz da noch nicht abzusehen. Selbst als sie vor ihrem finalen sechsten Versuch bereits als Siegerin feststand, blieb Mihambo ganz bei sich und hochkonzentriert bis in die krausen Haarspitzen. Es sollte ihr Meisterstück werden, was ihr mit 6,73m knapp verwehrt blieb. Aber was soll’s?! Der Titel ist das, was schlussendlich zählt. Stramme zwei Jahrzehnte nach der großen Heike Drechsler ist sie die erste Deutsche, die wieder Weitsprung-Europameisterin geworden ist. Ein Dramaturg hätte es nicht besser inszenieren können, dass just Drechsler als Oberflächenglätterin ihrer sehr späten Nachfolgerin den Sandteppich dazu bereitete.

Duo Müller und Craft hinter „Miss Diskuswurf“ auf den nächsten Medaillenrängen

Das „Miss Diskuswurf“ gleich alle sechs Würfe versemmeln würde, war fast so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Allerdings ließ sie bis zum fünften Versuch ihre noch sieben, mit Verlaub, „Opfer“ ein bisschen träumen. Doch dann stellte sie mit dem Befreiungsschlag von 67,72m die Hackordnung wieder her, schob das bis dahin führende Duo Müller (63,00) und Vita (61,23) auf die nächsten Medaillenränge. Das krempelte Craft im letzten Durchgang noch einmal um, verbesserte sich mit 62,46m auf den Bronzerang. Dem hatte Vita unmittelbar danach nur noch eine Minimalverbesserung auf 61,25m entgegenzusetzen.
Den großen Rest vom gestrigen logischerweise nicht ausnahmslos deutschen Fest übergeben wir der verlinkten umfangreichen, sehr detaillierten Online-Ergebnisliste des europäischen Leichtathletik-Verbandes. Die leisten auf diesem Gebiet fürwahr als Anschauungsunterricht allererster Güte hervorragende Arbeit. Grand compliment als Gruß an den Verbandsitz in Lausanne am Genfer See in der französischsprachigen Schweiz.