Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler nun auch Europameister

(Berlin/Krefeld, 10. August 2018) Es wäre zu schön gewesen um wahr zu werden – ein rein deutsches Podest im Speerwurf der Männer bei den Europameisterschften in Berlin. Wurde es auch nicht. Aber zwei kamen durch, sorgten Olympiasieger Thomas Röhler (89,47m) und Andreas Hofmann (87,60m) gestern Abend vor 39.355 Zuschauern in der  wieder nicht ausverkauften Arena in der Bundeshauptstadt für einen Doppelerfolg. Ausgerechnet der mit 87,39m qualifikationsbeste Weltmeister Johannes Vetter schaute mit 83,37m als Fünfter in die Röhre. Die Weite liegt über vier Meter unter seinem bisherigen Schnitt von 87,66m aus den vorherigen zehn Wettkämpfen. Bronze war für 85,96m zu haben, das an den Esten Magnus Hirt ging. „Wenn’s nicht läuft, dann läuft’s nicht“, konstatierte sein Bundes- und Heimtrainer Boris Obergföll geborener Henry zwischendurch auf ZDF-Nachfrage. „Johannes hat die falsche Platte aufgelegt. Da läuft momentan nicht die richtige Musik im Kopf ab.“ Die bestand wohl darin, die Würfe in einem zu hohen Abwurfwinkel angesetzt zu haben. Keinen hat das logischerweise mehr gewurmt, als den mit 92,70m Weltjahresbesten selbst.

Pamela Dutkewicz und Cindy Roleder stürmten zu Edelmetall

Zu guter Letzt versüßten die heimischen Hürdensprinterinnen, auch als optische Hingucker, den schwer zu toppenden bislang erfolgreichsten Tag in den schwarz-rot-goldenen Farben. Bereits zweieinhalb Stunden zuvor waren Pamela Dutkewicz (12,71), Cindy Roleder (12,83) und überraschend auch Ricarda Lobe in persönlicher Bestzeit von 12,90 Sekunden in den Drittelfinals (unsinnigerweise werden drei Läufe Semifinals genannt) unisono in den Endlauf gestürmt. Da liefen Dutkewicz (12,72) und Roleder (12,77; SBL) hinter der Weißrussin Elvira Hermann (12,67) zu Silber und Bronze. Lobe wurde in blanken 13 Sekunden Fünfte. Ein tolles Gemeinschaftswerk und –erlebnis, wobei sich das Trio hinterher vollauf berechtigt um die Wette freute.

Eine allzu kühne Vorstellung vom rein deutschen Podest

Doch noch ein Salto rückwärts zum Speerwurf.  Da hätte die Devise lauten müssen, die Kirche hübsch im Dorf zu lassen. Es war schon eine sehr kühne Vorstellung konstruieren zu wollen, dass das die Weltrangliste anführende deutsche Terzett Vetter (92,70m), Hofmann (92,06m) und Röhler (91,78m) die EM-Konkurrenz nach Belieben beherrschen sowie in Schutt und Asche werfen würde. Allzu schnell wird dabei übersehen, dass sie ihre saisonale Bestweiten zu sehr unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten geworfen haben. Und da gab es noch den Esten Kirt, der bis gestern in neun Wettkämpfen ungeschlagen war und dabei alle drei Deutschen bezwungen hatte. Bleibt festzuhalten, dass es sich per Saldo um ein überragendes Ergebnis mit dem richtigen Sieger handelt, der sich hernach aus überschäumender Freude wie dereinst Hammerwurf-Weltmeister Karsten Kobs im garantiert pi-warmen Nass des Wassersgrabens
abkühhlte". Neben der Tagesbestweite hatte Röhler noch zwei weiteren Würfe (88,02 und 87,90) über Hofmanns Spitzenergebnis. Dabei hat er seinen ähnlich weiten Auftaktversuch durch eine Unachtsamkeit zur eigenen Verblüffung quasi abgeschenkt. Das wurde in der Zeitlupenwiederholung im Fernsehen deutlich.
Und noch ein Fakt: Nach David Storl und Christina Schwanitz ist Vetter der Dritte im Bunde, der als Klassenprimus der „Quali“ nicht auch im Finale vorne liegt. Er ist freilich der Erste, der gemessen an Edelmetall leer ausgeht.

Kann Kristin Hussong den Bann durchbrechen?

Hoffen wir mal, dass Speerwerferin Kristin Hussong diesen Bann durchbrechen kann, die sich gar mit persönlicher Bestleistung von 67,29m überlegen durchsetzte. Die Reihe der Enttäuschenden, Enttäuschungen und Enttäuschten setzten hier Katharina Molitor (58,00m), deren Nominierung indes mehr ein Trostpflaster für die damalige Ausbootung gegenüber Christina Obergföll gewesen sein dürfte, und die restlos abstürzende Dana Bergerath (53,61m) fort. Dagegen, um die Fraktion Wurf abzuschließen, kamen Shanice Kraft (61,13m), Nadine Müller (60,64m) und Claudine Vita (59,18m) in der nicht sonderlich hochklassigen Diskuswurf-Qualifikation geschlossen weiter. Das hätten die Weitspringerinnen auch gerne von sich behauptet, das war eigentlich auch „erwartet“ worden. Doch lediglich Malaika Mihambo (6,71m) überstand die Ausscheidung. Alexandra Wester (6,55m) und Sosthene Mognenara (6,54m) scheiterten wie auch alle drei germanischen 800-Meter-(Mit-)Läufer.

Medaillengewinne trüben so manchen Blick auf das große Ganze

Und schon sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie DLV-Lautsprecher Cheik-Idriss Gonschinska das Abschneiden der „sehr engagierten deutschen Mannschaft, die um jeden Zentimeter kämpfen wird“ irgendwann in seiner Manöverkritik, die diese Bezeichnung nicht verdienen wird, über den grünen Klee hinaus schönredet. Dass es in einem solchen Massenaufgebot auch Ausfälle geben wird, die auch andere Nationen zu beklagen haben, liegt auf der Hand. Aber das sind der „Rohrkrepierer“ eindeutig viel zu viele. Und noch ist das Ende der Fahnenstange nicht erreicht.
Die angesehene, häufig zitierte Rheinische Post schreibt heute: „Die Festspiele der deutschen Leichtathleten bei der Heim-EM gehen weiter.“ Das mag rein auf Medaillengewinne herunter gebrochen sogar stimmen. Aber das große Ganze hat der selber aus der Leichtathletik kommende Autor Berthold Mertes, ein Läufer, komplett aus dem Blick verloren. Ganz der DLV-Tradition und -Sichtweise folgend. Es darf gemutmaßt werden, dass er als (un-)heimlicher Öffentlichkeitsarbeiter auch auf deren Gehaltsliste steht.
Etwas Ähnliches gibt's auch mit ZDF-Sportredakteurin Bettina Schardt (vermutlich hinter den Kulissen in Berlin im wonnevollen Einsatz fürs Fernsehvolk), die in der Senioren-Spielecke des Verbandes ausschließlich in Friede, Freude, Eierkuchen machen darf. Schwer zu glauben, dass sie als aktive Werferin die vielen Missstände nicht sieht. 
Der große Rest vom Fest unter dem wahrlich großartigen Internet-Auftritt bei der European Athletics unter diesem Link.