Beim Vorhang für Robert Harting fehlte der dramaturgische Höhepunkt

(Berlin/Krefeld, 09. August 2018) Schade, schade, jammerschade! Bei den Robert-Harting-Festspielen des überragenden deutschen Leichtathleten und weltweit besten Diskuswerfers des letzten Jahrzehnts gestern Abend bei den Europameisterschaften vor 37.125 Zuschauern im bei Weitem nicht ausverkauften Berliner Olympiastadion (Fassungsvermögen 55.000) fehlte beim letzten Vorhang auf internationaler Bühne der dramaturgische Höhepunkt – die Bronzemedaille. Die war zwar bei realistischer Einschätzung gemessen an seiner und den Jahresbestleistung/en seiner finalen acht Konkurrenten eigentlich nicht mach-, aber nach dem kuriosen Wettkampfverlauf der überwiegend schwächelnden, anscheinend in Ehrfurcht vor Harting erstarrenden Konkurrenz doch greifbar.
Der 33-jährige Allesgewinner hatte den dritten Platz auch zwischenzeitlich inne, ehe er noch in den beiden letzten Durchgängen durchgereicht wurde und mit 64,33m den sechsten Rang belegte. Die bronzene Plakette gewann stattdessen der Österreicher Lukas Weißhaidinger mit 65,14m im finalen sechsten Versuch. Da wurde er seinem Spitznamen „Lucky Luke“ vollauf gerecht. Eine derartige Weite jenseits von 65 Metern hatte sich der Berliner auch zugetraut. Aber bei seinen Würfen segelte die Scheibe nicht richtig aus, stürzte meist aus luftiger Höhe von um die drei, vier Meter senkrecht ab. Zuletzt bei den 63,38m in Durchgang sechs. Der, konjunktiv, hätte es werden können.

Niemals geht man so ganz

Ins gerötete, angestrengte Gesicht gemeißelt physisch und mental völlig ausgebrannt, hinterließ „Der Harting“ anschließend beim ARD-Interview bei Moderator Claus Lufen einen ziemlich geknickten, enttäuschten, fast gebrochenen Eindruck. Von der Emotionalität des Abschieds auf großer internationaler Bühne keine Spur. Auch von außen auf den Rängen nicht. Jedenfalls vermittelte es sich so am Bildschirm. Allerdings wurde das vermeintliche Harting-Spektakel auch überlagert von gleichzeitig mit großer Berechtigung um Medaillen kämpfenden deutschen Athleten um Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Zehnkämpfer Arthur Abele sowie völlig überraschend Weitspringer Fabian Heinle, denen im weiten Rund verdientermaßen ebenfalls große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das war durch die heimische rosarote Brille betrachtet von der Zeitplan-Gestaltung sicherlich nicht der große Hit. So wie manches andere Organisatorische auch nicht an diesem Abend. Für „das Gesicht“ der deutschen Leichtathletik bleibt der Trost in der von Trude Herr, Wolfgang Niedecken und Tommy Engel besungenen Ballade mit dem Titel „Niemals geht man so ganz“. Denn schlussendlich hat er noch seine Abschiedsgala beim ISTAF am 02.September vor sich. Dann sicherlich mit seinen befreundeten langjährigen Weggefährten Daniel Jasinski und dem Polen Piotr Malachowski, die diesmal beide zum Zuschauen verurteilt waren. Und irgendwie wird er seiner mit viel Hingabe und Leidenschaft betriebenen Sportart erhalten bleiben. Das kündigte er bereits zwischen den Zeilen an.

Auch Christina Schwanitz konnte ihren Titel nicht verteidigen

Die nach den Speerwerfern (alle drei erwartungsgemäß im Finale) wohl größte germanische Hoffnung Christina Schwanitz (im Bild) hatte sinnbildlich schon im Kugelstoßen die Hand an der Goldmedaille. Die wurde ihr im letzten Versuch von der Polin Paulina Guba nach dem Motto „Ich habe keine Chance, aber die nutze ich jetzt“ noch entrissen, die sich von 19,02 auf 19,33m steigerte. Die matt, saft-, kraftlos und verkrampft wirkende Titelverteidigerin (also doch ein schlechtes Omen wie beim entthronten Storl) vermochte sie nicht mehr zu kontern, blieb auf ihren bereits zum Auftakt erzielten 19,19m stehen. Ja, da war doch was? Genau! Das ist nach Sekunden jene immer noch gültige Weltrekordzeit über 200 Meter, die der Jamaikaner Usain (Witz-)Bolt bei der WM 2009 an gleicher Stelle auf die damals bereits blaue Kunststoffbahn trommelte.
Daran wird die Zwillingsmama freilich in dem Moment garantiert nicht gedacht haben. Die Ernüchterung war hinterher groß, nicht das gezeigt zu haben, was sie drauf hatte. Und das seien so um die 20 Meter gewesen, wie sie selber in die Mikrofone sagte und Notizblöcke der Journalisten notieren ließ. Die Nachwehen des selbst verschuldeten Verkehrsunfalls nach der DM auf dem Weg ins „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF hätten dabei keine Rolle gespielt.
Das ist Sport", konstatierte sie profan, indes treffend.
Einen prima Wettkampf machte die wie stets mit stoischer Ruhe daherkommende Sara Gambetta als Sechste mit der saisonalen Bestleistung von 18,13m. Die höher eingeschätzte Alina Kenzel erreichte nicht den Endkampf, wurde Neunte mit 17,26m (SBL 18,21m).

Zehnkämpfer Arthur Abele von Berlino zum „König der Athleten“ gekrönt

„König“ Arthur Abele, der sich schon unterwegs ein Bein hätte brechen müssen, wurde nach den dreidreiviertel Ehrenrunden mit Zeitmessung im abschließenden 1.500-m-Lauf von Maskottchen Berlino mit der Krone für den „König unter lauter Königen der Athleten“ dekoriert. Der bärige, muskulöse Typ aus Ulm leistete sich bis auf den Stabhochsprung keine Schwäche und gewann überlegen mit 8.431 Punkten in Brüllhitze das ohnehin gnadenlose Zwei-Tage-Werk der Vielseitigen. Der 32-Jährige avancierte zugleich zum ältesten Zehnkampf-Sieger der EM-Historie. Immerhin gab‘s da mal so Dauerbrenner wie die beiden Ex-Weltrekordler Thomas Dworzak und Roman Seberle aus Tschechien. Prächtig schlug sich auch der aufgrund der Verletzung von Kai Kaczmirek kurzfristig ins kalte Wasser geworfene 20-jährige Youngster Niklas Kaul. Der Junioren-Weltrekordler arbeitete sich von Platz 25 nach dem einleitenden 100-m-Lauf sukzessive nach vorne, belegte in der Endabrechnung in Sichtweite zu Bronze (8.290) mit der persönlichen Bestleistung von 8.220 Punkten einen grandiosen vierten Platz. Nicht oder eben doch auszudenken, wenn er in seiner Paradedisziplin Speerwurf (67,72m) sein riesiges Potenzial (83,94m mit 700, 72,89m mit 800 Gramm) ausgeschöpft hätte. Aber der Junioren-Weltrekordler (8.435 Punkte) hat – Achtung: Phrase – die sportliche Zukunft schließlich erst noch vor sich.

Weitspringer Fabian Heinle überraschte mit Silber

Und zu guter Letzt die Überraschung, die höchstwahrscheinlich niemand auf dem Zettel hatte. Weitspringer Fabian Heinle aus Stuttgart gewann in einem chaotischen, immer wieder unterbrochenen Wettbewerb mit Fehlern bei der optischen Weitenmessung und zig Protesten sowie der sehr prominenten Oberflächenglätterin Heike Drechsler als zweifacher Weitsprung-Olympiasiegerin an der Harke bei Weitengleichheit von 8,13m (SBL) die Silbermedaille. Der Schwabe hatte dem Ukrainer Serhii Nykyforov mit nochmal 8,13 und 8,02 zu 8,00m gleich zwei nächstbessere Versuche voraus. Noch verdienter geht's kaum. Der mit 8,25m erfolgreiche Grieche Miltiádis Tentóglou bedankte sich nach seinem letzten Versuch artig bei Drechsler mit einem Bussi für ihren nimmermüden Einsatz in der Grube.

Gepriesene deutsche Organisationskunst erhielt drei herbe Kratzer

Kunterbunt ging es auch beim Diskuswurf zu. Da wurden gültige Versuche ungültig gegeben (beim Schweden Stahl sogar nachträglich) und ungültige gültig. Ebenfalls im Nachhinein beim Rumänen Firfirica. Obwohl er völlig zu Recht, wie die Fernsehbilder belegten, bei seinem sechsten Versuch die rote Flagge gezeigt bekam, tauchten später 63,73m in der Ergebnisliste auf. Wie sind die bloß auf den frühzeitig als ungültig angezeigten, demzufolge nicht gemessenen Wurf auf dieses Resultat gekommen? Elendig lange Pausen wie beim Weitsprung, da obendrein noch bis zur Bekanntgabe des Endergebnisses, waren die katastrophale Folge. Kein Ruhmesplatt war es ferner, den Speerwurf der Gruppe B der Zehnkämpfer bei sich kreuzenden Bahnen mit den Drittelfinals über 400 m Hürden der Frauen zusammen gelegt zu haben. Die viel gerühmte deutsche Organisationskunst erhielt drei derbe Kratzer!

Ein gutes altes Bandmaß wäre die Alternative gewesen


Es darf gemutmaßt werden, dass der Gott begnadete, vom Himmel gefallene DLV-Leiter Wettkampforganisation Frank O(ooh). Hamm seine unseligen Finger im Salat hatte. Noch ein Tipp an ihn und seine Konsorten: Sollte die optische Weitenmessung oder deren Anwender mal verrücktspielen, gibt es immer noch das gute alte verlässliche Bandmaß. Es sei denn, es hat ein Italiener in der Hand und dessen Landsmann Giovanni Evangelisti springt. Da können dann schon mal schnell 58 Zentimeter zu viel herauskommen, wie 1987 bei den Weltmeisterschaften in Rom. Aber, das Jahr verrät es bereits, ist der schon lange nicht mehr aktiv. Der Kampfrichter hoffentlich auch nicht.

Beachtlicher vierter Platz von Langstrecklerin Alina Reh


Vergessen wir über diese schrille Begleitmusik Langstreckenläuferin Alina Reh nicht, die über 10.000 Meter in 32:28,48 Minuten in dem mit eingebürgerten Afrikanerinnen gespickten ursprünglich 26-köpfigen Feld (18 erreichten das Ziel) einen sehr beachtlichen vierten Platz belegte.
Alles weiteren Details von Gestern unter diesem Link.