Wahl zu Senioren-Leichtathleten des Jahres allenfalls eine nette Spielerei

Kolumne

Moment mal

(Darmstadt/Krefeld, 20. Januar 2018)  
Leider habe ich auch nicht den Stein der Weisen gefunden, noch predige ich das alleinseligmachende Evangelium. Das mag jetzt prosaisch daherkommen: Aber ich fühle mich dem Ehrenkodex der Sportjournalisten verpflichtet,  ein Thema mit der größtmöglichen Objektivität und Sorgfalt anzugehen. Gleichwohl unvermeidlich, dass dabei stets die subjektive Wahrnehmung nicht vollends ausgeblendet werden kann. Allzu menschlich eben. Begebe ich mich also mit der Replik auf die „Wahl zu den Senioren-Leichtathleten des Jahres 2017“ auf dünnes Eis. Die uns dazu erreichenden vielen Stellungnahmen sind ein guter Grund mehr für den Versuch einer Analyse.

Es ist wie es ist und eh nicht mehr zu ändern

Dabei geht es vordergründig nicht darum, an Siegern und Platzierten herumzumäkeln. Es ist wie es ist und eh nicht mehr zu ändern. Auf den ersten, oberflächlichen Blick betrachtet mag es ein Fortschritt gewesen sein, dass erstmals die Leser der Senioren-Spielecke auf der Verbandsnetzseite in einem Online-Verfahren ihren persönlichen Favoriten, ergo subjektiv, oder bestenfalls nach allgemein verbindlichen Kriterien die vermeintlich Herausragenden aus den je zehn Nominierten (aus-)wählen konnten. Doch schon bei der Anzahl der Teilnehmer/innen kommen erhebliche Zweifel an dem Vorgang auf. Der DLV gibt sie wie fast immer in solchen oder ähnlichen Fällen pflaumenweich „mit mehr als 700“ an (warum nicht die feststehende genaue Zahl?).

Eine sehr geringe Wahlbeteiligung im Vergleich zu Österreich

Das ist verdammt wenig, von repräsentativ so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Nur mal so zum Vergleich: In der beschaulichen Alpenrepublik Österreich (8,8 Mio.) mit etwas mehr als zehn Prozent der Einwohner in Deutschland (82,7 Mio.) nicht gerade ein Eldorado der Leichtathletik, beteiligten sich an der gemeinsamen Wahl in je drei Klassen männlich und weiblich, einschließlich Senioren/innen, 2.512 (!) Online-Wähler. Die geringe Beteiligung begünstigt die mehr oder wenige intensive „Lobby-Arbeit“ der Nominierten, spielt mithin eine ganz entscheidende Rolle beim Ausgang. Gehen wir großzügig von 720 Abstimmenden aus, so votierten für Sieger Herbert E.Müller lediglich 173 und für die Ersplatzierte Ulrike Hiltscher gar nur 142 Personen. Wer sieben Vereinen und Vereinigungen angehört, viele Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn hat, die zu mobilisieren vermochte, war klar im Vorteil. Voraussetzung war lediglich eine aktuelle E-Mail-Adresse, konnten Krethi und Plethi für wen auch immer ohne Sinn und eigenen Sachverstand abstimmen.

Überraschungen waren vorprogrammiert

Es wäre indes ein Leichtes gewesen, in der Eingabemaske zur Bedingung zu machen, Ross und Reiter zu nennen sowie zumindest einem Leichtathletik-Klub angehören zu müssen. Bei der Wahl zu Deutschlands Sportler des Jahres werden auch nur berufsständisch organisierte Sportjournalisten zugelassen, kann sich zum Beispiel nicht die Fleischerinnung aus Buxtehude ge- und berufen fühlen. Eine der bei uns eingegangenen ausnahmslos kritischen Stellungnahmen lautet, dass bei öffentlichen Wahlen mit einer derart vereinfachten Zugangsmöglichkeit Überraschungen geradezu vorprogrammiert wären. All‘ die abgezogen, läuft es vermutlich auf eine Halbierung des Stimmvolkes hinaus.  Obwohl er keinen Anlass hat sich zu beklagen, hält Müller das Prozedere in Österreich mit einem paritätischen Mix aus Online-Wählern sowie Trainern und Journalisten für das gerechtere Verfahren, bei dem  Zufall oder (legitimer) Stimmenfang nicht Tür und Tor geöffnet würden.

Je zehn Nominierte schlicht zu viel des Guten

Eindeutig zu viel des Guten sind je zehn Nominierte. Als ob es bei der Disziplin-Vielfalt nicht schon schwer genug wäre, Äpfel und Birnen gegeneinander abzuwägen?  Die – mit Verlaub – Hinterbänkler ab Rang sechs nehmen den zu krönenden Häuptern einfach zu viele potenzielle Stimmen weg: 176 bei den Senioren, sogar 222 bei den Seniorinnen entfielen auf die „Resterampe“. Darunter bedauerlicherweise auch absteigend von Platz sieben bis zehn die vier Werfer. Fairplay ließ offensichtlich die sechstplatzierte Wurf-Allrounderin Bettina Schardt (65 Stimmen) walten. Schließlich hätte die ZDF-Sportredakteurin ihre gesamte Kollegenschar beim Sender in Mainz vor ihren Karren spannen können.

Lieblose Proklamation als und zur Krönung

Kaprizieren wir es darauf, dass diese an sich schöne ideelle Auszeichnung unter den gegebenen Vorzeichen allenfalls eine nette Spielerei ist. Dem trägt der veranstaltende Dach- und Fachverband auch dadurch Rechnung, dass die Proklamation (welche eine Übertreibung in dem Kontext) im Rahmen der kommenden Hallen-DM in Erfurt lieblos „zwischen Supp‘ und Gemüs‘“ vorgenommen wird. Da kann er sich von den „Ösis“ ebenfalls eine ganz dicke Scheibe abschneiden, die das im Rahmen einer feierlichen Gala an nobler Stätte in der Metropole Wien mindestens durch die Präsidentin Sonja Spendelhofer selber über die glitzernde Bühne gehen lassen.
Felix Austria! Glückliches Österreich!