Rennen mit noch mehr Hindernissen für Felicitas, die "Glückliche"

Mein WM-Logbuch

(London/Krefeld, 12. August 2017)
Bei allem zum saisonalen Höhepunkt „zur Schau“ gestellten Unvermögen ist es auch ein kleines bisschen verhext, was so um das deutsche Team bei der Leichtathletik-WM der Männer/Frauen in London passiert. Die aussichtsreiche Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause wurde von einer schon zuvor irrlichternden kenianischen Läuferin, die nicht rechtzeitig zum Wassergraben abbog, unverschuldet in einen Sturz verwickelt. Dabei ist sie an mehreren Stellen arg verletzt worden (darunter eine Prellung und Hautabschürfungen am rechten Knie). Derweil genau in dem Moment vorne die Post abging, rappelte sich die erst vor wenigen Tage 25 Jahre jung gewordene Krause wieder auf und hechelte als Letzte (14.) dem weit enteilten Feld hinterher. Jede andere hätte vermutlich enttäuscht und entnervt aufgegeben. Nicht so die kleine, zierliche Frau mit dem großen Kämpferherzen. Nach und nach fing sie fünf Mitbewerberinnen vor ihr ein und lief noch als Neunte in 9:23,87 Minuten durchs Ziel.
Jeder der mit ihr leidenden etwa 3 Millionen deutschen Fernsehzuschauer mit ein wenig Sachverstand konnte miterleben, dass sie  bestens vorbereitet war und sich in prächtiger Form befand. Und so wie sich das Renngeschehen entwickelte und die hoch gehandelten fünf Schwarzafrikanerinnen beim überraschenden Doppelerfolg der US-Girls durchgereicht wurden, hätte sich ihr womöglich eine kleine Medaillenchance aufgetan. Eine Hypothes zwar, aber ihren eigenen deutschen Rekord von 9:15,70 Minuten hätte sie garantiert pulverisiert.

Sichtlich geknickt, letztlich dennoch sehr gefasst, "die Siegerin der Herzen"

Klar, dass Krause im anschließenden Interview bei ARD-Moderator Claus Lufen einen geknickten und niedergeschlagenen Eindruck machte. Aber sie trug es den Tränen nahe letztendlich mit Fassung, nannte es ein Risiko, das bei einem hautnahen Rennen über Hindernisse und Wassergraben stets mitlaufe. Trotzdem: Wenn es einen selber erwischt – das gilt es erst mal zu verdauen und verschmerzen. Dabei bedeutet ihr zweiter Vorname doch „die Glückliche“. Die 60.000 Zuschauer im einstigen Olympiastadion werden es überwiegend in der Tragweite nicht bekommen haben. Wer hat schon die Position im weiten Rund, um gleichzeitig auf die Laufbahn und große Videoleinwand schauen zu können? Sicherlich nicht nur für mich war sie „die Siegerin der Herzen“. Gleichwohl ein ganz schwacher Trost, wozu sie obendrein ihr eigenes, sehr intaktes Umfeld hat.

Geteiltes Leid nun halbes oder doppeltes Leid?

Und sonst? Bei der es gemeinhin rausreißenden Fraktion von Stoß und Wurf setzte sich die Pannenserie gestern Vormittag fort. Nadine Müller löste nach einer Zitterpartie im dritten Versuch der Diskuswurf-Qualifikation mit einer Weite von 63,35m über die gelbe Feldmarkierung das Ticket fürs Finale der besten Zwölf. Juliane Harting benötigte dazu schon die Gnade der ebenfalls schwächelnde Konkurrenz, um über die Auffüllrate als Elfte mit 61,70m weiter zu kommen. Hingegen schied Anna Rüh als 14. mit 60,78m ziemlich sang- und klanglos aus. Stellt sich die Frage, ob nun geteiltes Leid halbes oder doppeltes Leid ist? Dieses „Schicksal“ ereilte bereits ihren ebenfalls diskuswerfenden Lebensabschnittsgefährten Martin Wierig, der allerdings ausschließlich ungültige Versuche fabrizierte.

Da irrte Experte Frank Busemann

Lichtblicke gab es allerdings durch die deutsche Brille betrachtet auch zu sehen. Dazu gehörte Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz, auch ein optischer Hingucker, die mit zwei blitzsauberen Darbietungen am Vormittag (12,74 sec.) und Abend (12,71) ins heutige Finale über 100 m Hürden eingezogen ist. Von der Sorte, die wenigstens ihr Potenzial abrufen, hätte es bis hierhin ein paar mehr Germanen/innen bedurft. Auf Medaillenkurs liegen bei Halbzeit die Zehnkämpfer Kai Kazmirek als Zweiter mit 4.421 Punkten und Rico Freimuth als Dritter (4.361). Ob es bei der Endabrechnung auch zwei Medaillen geben würde, wollte Lufen von dem herzerfrischenden Experten und Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann wissen. Da wollte er als Intimkenner indes den ersten Tag nicht vor dem zweiten Abend loben und meinte "das wäre historisch“ bei einem weltweiten Großereignis. Womit der Olympiazweite von 1996 in Atlanta irrt. Beim Nachkramen in meinem Gedächtnis und Archiv bin ich meiner Disziplin entsprechend auf die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles gestoßen. Seinerzeit belegte hinter dem „ewigen“ Daley Thompson (8.798 P.) aus Großbritannien eine deutsche Troika mit meinem Klubkameraden Jürgen Hingsen (8.673), Siegfried Wentz (8.412) und Guido Kratschmer (8.326) die nächsten Plätze, folglich zwei davon mit Medaillen dekoriert. Der wandelnde Leichtathletik-Almanach Alwin J.Wagner (*11.08.1950), der gestern Geburtstag feierte, wird uns garantiert informieren, wenn es weitere, noch länger zurückliegende Beispiele geben sollte.
Noch viel mehr auf  der Netzseite der IAAF. Auch der ominöse Medaillenspiegel springt gleich ins Auge, auf dem "GER" auf Platz 24 zurückgefallen ist. Aber die "Peak Performer" kommen laut Gondschinska ja noch (siehe Glosse).