Müßig: Denn Überkreuzvergleiche im Sport pflegen gewaltig zu hinken

Kolumne

Moment mal

(Euskirchen/Tampere/Krefeld, 04. Juli 2022)
Überkreuzvergleiche jedweder Art im Sport pflegen gewaltig zu hinken. Alles ist bis zum Wettkampf hin und bei ihm selber anders. Nämlich: Andere Bedingungen, andere Gegner, andere Abläufe, anderer Rhythmus, andere Speisen mit Essen im Restaurant, nicht im eigenen Bett geschlafen und, und, und. Es gilt der Spruch: Wer nicht da ist, der hat frei. Titel und Medaillen werden bei Abwesenheit unter Angabe der Saisonbestleistung nicht verliehen und mit der Post zugeschickt, sie den tatsächlichen Gewinnern aberkannt.  
Diesen spinnerten Faden weiter gesponnen, würde das auch bei weltweit parallel laufenden Veranstaltungen zu internationalen Meisterschaften ein heilloses Durcheinander verursachen. Ja, klar: Fiktion halt. Allenfalls eine nette Spielerei. Mehr nicht. Allerdings soll sie verdeutlichen, dass es ausgemachter Humbug ist zu konstatieren, dass es bei den Nordrhein-Meisterschaften der Ü30-Generation am vergangenen Wochenende im Erftstadion eine ganze Reihe von besseren Siegerleistungen gegeben hat als bei den Masters-Weltmeisterschaften im rund 2.000 Kilometer entfernten finnischen Tampere. Insofern schenken wir uns diese überflüssige Zirkus-Nummer, zumal wir keine Gewähr für die Vollständigkeit übernehmen könnten. Wer dennoch mag, knöpfe sich die jeweiligen Ergebnislisten von Euskirchen und Tampere vor.

Sporttouristen aus aller Herren Länder geben sich ein Stelldichein

Eines offenbart es allerdings schon: Den fragwürdigen Stellenwert von kontinentalen und globalen Titelkämpfen der international Masters genannten Leichtathleten, in diesem Falle ab M/W35, die sich selber entsenden und nicht kontingentiert von ihrem Land nominiert werden. Klasseleistungen nicht ausgeschlossen, pflegen sich dort in sehr großer Zahl Sporttouristen aus aller Herren Länder ein Stelldichein zu geben. Das verwässert die Suppe gehörig, zieht obendrein die immer noch um Reputation und Anerkennung ringende Senioren-Leichtathletik vollkommen unnötig ins Lächerliche. Das Mindeste was her müsste wären zum Beispiel Normen, wie sie sinnvollerweise bei Deutschen Senioren-Meisterschaften Halle und Stadion verlangt werden. Nicht dieselben, versteht sich. Denn obwohl seit Jahren im steten Sinkflug, ist der Standard hier zu Lande immer noch verhältnismäßig höher in Relation zu anderen, oftmals eben auch kleineren Nationen als die Bundesrepublik mit ihren 83 Millionen Einwohnern und einem nationalen Dachverband mit etwa 380.000 Mitgliedern jenseits der Dreißig.

Es gehört einiges auf den Prüfständ und dringend geändert

Das hätte obendrein den Nebeneffekt, dass internationale Titelkämpfe auf einen wesentlich kürzeren Zeitraum komprimiert werden könnten, die Kosten für alle Beteiligten reduziert und leichter Veranstalter gefunden würden. Es kann und darf nicht der Maßstab sein, sich über die Quantität statt der Qualität der Teilnehmer/innen inszenieren und profilieren zu wollen. Das ist der absolut falsche Ansatz. Darüber sollten die Verantwortlichen Damen und Herren der internationalen Masters-Organisationen mal nachdenken, einiges auf den Prüfstand stellen und anschließend alte Zöpfe radikal abschneiden.
So schaut’s aus!

Phil Raschker trat zu ihren ersten beiden Wettbewerben nicht an

(Tampere/Krefeld, 03. Juli 2022; 20:30 Uhr) Ja, das ist halt die Krux bei großen Ankündigungen, die dann doch, aus welchen Gründen auch immer, nicht realisiert werden. Das achtteilige Comeback von Phil Raschker (*1947) bei den Masters-Weltmeisterschaften im finnischen Tampere in der für die Deutsch-Amerikanerin neuen Altersklasse W75 ist zumindest für den heutigen Auftakt geplatzt. Die 75-Jährige ist vor Ort, wurde auch heute Vormittag beim Physiotherapeuten gesehen, trat allerdings über 200 Meter und im Stabhochsprung nicht an. Nun wollten wir natürlich liebend gerne zur Information unserer neugierig gemachten Leser erfahren, weshalb nicht? Aus der Ferne vom linken Niederrhein aus der Stadt wie Samt und Seide logischerweise nicht zu klären. Also schalteten wir unseren finnischen Korrespondenten Hannu Koivunen ein. Der konnte allerdings auf die Schnelle auch nicht zaubern und weiterhelfen. Ob sich diese Hängepartie noch auflöst, bleibt abzuwarten. Morgen ist erst mal Ruhetag am WM-Schauplatz, steht die Generalversammlung des Welt-Seniorenverbandes World Masters Athletics (WMA) auf der Agenda.

WMA-Präsidentin Margit Jungmann bleibt mindestens bis 2024 im Amt

Insbesondere aus eingeschränkter deutscher Sicht haben wir in diesem Zusammenhang eine interessante Personalie. Bei früherer Gelegenheit haben wir erwähnt, dass die Amtszeit von WMA-Präsidentin Margit Jungmann (*25.05.1956; im Bild) aus Rehlingen mit diesen globalen Titelkämpfen enden würde. Da sind wir offensichtlich einer „Fake News“ frei nach Donald „Duck“ Trump aufgesessen. Wie die 66-jährige
Saarperle" dem Verfasser dieses Beitrages in einer E-Mail mitteilte, steht ihre Position erst in zwei Jahren bei den nächsten Stadion-Weltmeisterschaften in Göteborg (Schweden) zur Disposition. Trifft sich gut, denn nach einem Schlager von Udo Jürgens, Gott hab‘ in selig, fängt das Leben ja angeblich eh erst mit 66 Jahren an.

Titelverteidiger Ralf Mordhorst vom Olympia-Dritten Frantz Kruger entthront

Aber wir haben beim unseligen Wühlen durch die unübersichtlichen Ergebnislisten bei diesem insgesamt erbärmlichen Internet-Auftritt noch etwas Aktuelleres vom heutigen Diskuswurf der M45 beizutragen, der um 18 Uhr mit lediglich 13 Teilnehmern aufgenommen wurde. Vorab zur Historie der beiden im Mittelpunkt stehenden Giganten von einst und jetzt: Einerseits Lokalmatador Frantz Kruger (*22.05.1975 in Kempton Park) aus Südafrika, nach zwischenzeitlicher Ehe mit der Finnin Heli Koivula seit 2007 für das Gastgeberland startberechtigt, persönliche Bestleistung 70,32m, Meldeleistung 59,61m, mit 68,19m Olympia-Dritter von 2000 in Sydney hinter dem Litauer Virgilijus Alekna (69,30m) und Lars Riedel (68,50m). Dazu der zwei Jahre ältere, im letzten Jahr dieser Altersklasse angehörende Titelverteidiger Ralf Mordhorst (*11.05.1973; im Bild) vom LAC Lübeck, der im September 2018 in Malaga bei seinerzeit 25 (!) Startenden mit 50,47m gewann, persönliche Bestleistung 61,46m aus 2003, Meldeleistung 51,35m. Obwohl stets auf dem Platz entschieden wird, folglich von den Voraussetzungen ein ungleiches Duell. Das war es dann auch, wie das Nordlicht in kleiner Runde anlässlich des Kugelstoß-Einladungswettkampfes von Senioren-Sprecher Heiko Wendorf am 28. Mai in Neustädt (Thüringen) richtig gemutmaßt hatte. Kruger setzte sich ziemlich genau papierformgemäß mit 55,54 zu 48,36m gegen den fortgeschrittenen „Jong von der Waterkant“ durch (siehe Ergebnisliste).
Noch ein Hinweis zu unserer diesmal bewusst abgespeckten WM-Berichterstattung: Erst nach Abschluss der Titelkämpfe und dem Vorliegen der gesamten Resultate in hoffentlich chronologischer Reihenfolge werden wir ausführlicher von Stoß und Wurf berichten.

Einige WM-Starter werden bei den Nordrhein-Meisterschaften fehlen

(Euskirchen/Krefeld, 02. Juli 2022) Bleiben wir im Lande und nähren uns – getreu dem Sprachbild – redlich mit regionaler Kost, hauptsächlich aus Nordrhein-Westfalen. Indes nicht ohne einen kleinen Bogen zu den derzeit laufenden Masters-Weltmeisterschaften in Tampere/Finnland zu spannen. Denn dort sind 25 Leichtathleten*innen aus dem LVN-Gebiet unter den insgesamt 319 Deutschen am Start, die zwangsläufig bei den Offenen Nordrhein-Meisterschaften der Ü30-Generation heute und morgen im Erftstadion zu Euskirchen fehlen werden. Darunter die seit vielen Jahren in Mexiko lebende Weltenbummlerin und Wurf-Allrounderin Brunhilde Ponzelar (*1939/W80) vom CSV Krefeld, die dort zu Kugel, Diskus, Gewichtwurf und im Wurf-Fünfkampf gemeldet hat. Allerdings hätte sie sicherlich nicht für diese Titelkämpfe den Riesentrip über den „großen Teich“ angetreten. Allenfalls in Verbindung zu einem Besuch in der alten niederrheinischen Heimat.
Ungeachtet jener, die sich im hohen Norden tummeln, liegt die Resonanz nach bloßen Zahlen mit 247 Gemeldeten aus 119 Vereinen bei 452 beabsichtigen Starts ziemlich genau auf dem Niveau des Vorjahres (243/442) Ende August im Arena-Sportpark in Düsseldorf . Einige mehr also und dennoch ein neuerlicher Rückschritt, da die diesjährigen Meisterschaften im Vergleich zu 2021 offen ausgeschrieben sind. Wer woher kommt und überall startet, bildet die verlinkte Meldeliste nach Altersklassen und Disziplinen im allseits berühmt-berüchtigten SELTEC-Durcheinander ab (ja, wir werden nicht müde, das gebetsmühlenartig anzuprangern).

Leichtathletik-Ikone Phil Raschker greift heute ins Geschehen ein

(Tampere/Krefeld, 03. Juli 2022) Keinen Siebenkampf wird die äußerst vielseitige Deutsch-Amerikanerin Philippa „Phil“ Raschker (*21.Februar 1947 in Hamburg) bei ihrem von Fachleuten viel beachteten und mit Spannung erwarteten „Comeback des Jahrzehnts“ nach neunjähriger Wettkampf-Abstinenz im Trikot der USA absolvieren (wir berichteten). Dafür aber anlässlich der Weltmeisterschaften der Ü35-Generation im finnischen Tampere in nicht weniger als sage und schreibe acht Disziplinen von Solo-Wettbewerben. Womöglich kommt auch noch eine Staffel für ihre Wahlheimat hinzu. Und wird für den früheren Star der Masters-Szene wieder die Flagge Stars an Stripes" gehisst und die amerikanische Nationalhymne der noch sehr Deutschland verbundenen, mit Zehnkämpfer Heinz Keck (*1941) von der LG Alster Nord zwischenmenschlich verbandelten Auswanderin gespielt?

Einen 200-m-Lauf zum Aufgalopp vor dem Stabhochsprung

Die Jung-Fünfundsiebzigerin greift heute um 11:35 Uhr gewissermaßen zum Aufgalopp mit dem 200-m-Vorlauf ins Geschehen ihres prallen Programms ein. So es ein Finale (16:40 Uhr) geben und sie es erreichen sollte, wird es sich mit ihrer einstigen Paradeübung überschneiden. Denn der Stabhochsprung beginnt bereits um 16 Uhr. In dieser technisch sehr anspruchsvollen Konkurrenz gilt die Leichtathletik-Ikone als sportliche Pionierin bei den Frauen der USA. Bereits als 47-Jährige sprang sie 1994 mit 3,38m amerikanischen Rekord. Wohlgemerkt in dieser Klasse, nicht bei der W45. Ein Jahr später vertrat sie das Land der in diesem Fall tatsächlich unbegrenzten Möglichkeiten beim A-Länderkampf gegen Gastgeber Großbritannien in Gateshead. Das mutet geradezu wie ein Märchen aus 1.000 und einer Nacht an, ist aber die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und was kann sie da heutzutage noch oder wieder leisten?

Enorme Belastung in kurzer zeitlicher Abfolge

Die Frage stellt sich auch beim riesengroßen Rest vom Fest? Als da wären am: 05. Juli: 200m Hürden (11:50 Uhr), Weitsprung (14 Uhr); 06.Juli: 400m-Vorlauf; 07.Juli: Hochsprung; 08. Juli: 400m-Finale; 09. Juli: Dreisprung (12 Uhr), 80m Hürden (12:23 Uhr). Und: Hält sie ein solche riesengroße Belastung mit 75 Jahren auf der Lebensuhr trotz intensiver Vorbereitung in so kurzer zeitlicher Abfolge mit lediglich einem Regenerationstag dazwischen überhaupt aus? Der „Physio“ des amerikanischen Teams (342 Gemeldete) wird jedenfalls allein bei ihr alle Hände voll zu tun bekommen. Oder jeweils ab in die Eistonne. Die sollte es bei den saunabesessenen Finnen geben.

Trotz toller Vorstellung Jochen Gippert "lediglich" Vize-Weltmeister...

(Tampere/Krefeld, 01. Juli 2022; 07:45 Uhr) Lehnen wir uns über unseren originären, aber nicht ausschließlichen Bereich von Stoß/Wurf ein wenig aus unserem Redaktionsfenster hinaus und machen eine Verbeugung vor der gepriesenen, oftmals elektrisierenden Königs-Disziplin der Leichtathletik, dem 100-Meter-Sprint. Zumal unsere Nation in der Männer-Klasse beim Weltkonzert lediglich eine Statistenrolle als Pausenfüller spielt, noch nie einer unter zehn Sekunden rannte. Bei den Senioren haben die Germanen jedoch einen Jochen Gippert (*1977; im Bild) vom TV Herkenrath im Bergischen Land, der sich bei den Weltmeisterschaften der Ü35-Generation im finnischen Tampere anschickte nach der Krone zu greifen. Der im doppelten Wortsinne sehr zielstrebige 45-Jährige mit ultralangem sportlichen Haltbarkeitsdatum, dem ein großes Interview in der Senioren-Spielecke auf leichtathletik.de gewidmet wurde, hatte erst kürzlich den Europarekord (11,00 sec.) des Italieners Mario Longo mit 10,98 unter die hier magische 11-Sekunden-Marke gedrückt.

...und dazu noch den gerade verbesserten Europarekord verloren

Da setzte er nun als Sieger des Halbfinales im ebenfalls heißen kühlen Norden in phänomenalen 10,89 noch einen drauf, hatte allerdings lediglich eine Hundertstel hinter sich den mitfavorisierten Briten Dominic Bradley im Schlepp. Auf diese beiden kaprizierte sich gestern Abend im Finale der dramaturgische Höhepunkt um Sekt oder Selters. Und der Endlauf hielt, was er versprach. Leider mit dem „falschen“ Triumphator. Bradley hatte bei nahezu idealem Rückenwind von 1,5m/sec. in abermals neuer Europarekord-Zeit von 10,84 das bessere Ende für sich, Gippert bestätigte in 10,90 seine überragende Form, hat mit den 200 Meter ein weiteres Eisen im Feuer. Wer allerdings (mich eingeschlossen) glaubt(e), jene 10,84 müssten doch in der M45 auch Weltrekord sein, der sieht sich getäuscht. Den hält seit 2006 der US-Amerikaner Willie Gault in 10,72 Sekunden. Einfach der ganz normale Wahnsinn in der schnellkräftigsten aller Schnellkraft-Wettbewerbe, wo gemeinhin jenseits der Dreißig die Biologie gnadenlos zuzuschlagen pflegt.
Sei noch für die extrem eingefleischten Enthusiasten unter den unendlich vielen daheimgebliebenen wettkampfaffinen deutschen Senioren*innen erwähnt, dass mit den nachfolgenden Verlinkungen ein Livestream (offenbar nur aus dem Hauptstadion) und die Resultate als Suchspiel von diesen Titelkämpfen abrufbar sind. Überhaupt ist der Internet-Auftritt des Lokalen Organisationskomitees (LOC) ein Artmutszeugnis der Extraklasse.