Es geht im Jahr eins der Corona-Apokalypse auch anders

(Flensburg/Krefeld, 19. September 2020) Angelehnt an einen pfiffigen Werbeslogan zur Animierung der Freunde von Gerstenkaltschale: Das flenst! Nicht flächendeckend in allen 20 Landes- und Regionalverbänden (schließlich haben wir „nur“ 16 Bundesländer) wurden Senioren-Meisterschaften zur Leichtathletik-Diaspora im Jahr eins der Corona-Apokalypse ausgerufen. Just heute haben im Städtischen Stadion von Flensburg (flenst es jetzt?) die Verbände von Gastgeber Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ihre gemeinsamen Titelkämpfe der Ü30-Generation. Dazu haben 178 Senioren*innen  aus 69 Vereinen zu 378 Starts ihre Meldungen abgegeben. Es geht mit einem bisschen guten Willen und ein wenig Herzblut für die ewigen Talente in die nächsthöhere Altersklasse auch in Zeiten von Corona also doch. Das nennt LAMPIS ein „Leuchtturmprojekt“, das für manch notorische Verweigerer zumindest bundesweite Strahlkraft entwickeln sollte. Ein frommer Wunsch, ich weiß. Erwähnt werden musste es trotzdem.

Ralf Mordhorst ragt aus der Meldeliste heraus

„Stubenältester“ ist der 91-jährige Wolfgang Reuter (*1929/M90) vom LAV Husum, dem vom DLV ein Porträt gewidmet worden ist. Mangels Ausschreibung muss er in die M85 runterstarten, hat sich einen Wahl-Fünfkampf (100m, Weit, Kugel, Diskus, Speer) aufgebürdet und nur zweimal einen leibhaftigen Konkurrenten.
Etliche Altersetagen tiefer sei stellvertretend noch Ralf Mordhorst (*1973, im Bild) vom LC Lübeck als Weltklasse-Kugelstoßer und vor allem –Diskuswerfer der M45 genannt. Das urige, ausgesprochen verträgliche Mannsbild mit dem furchteinflößenden Nachnamen hat auch mit überschaubarer Konkurrenz von je zwei Mitbewerbern ein Alleinstellungsmerkmal der Marke „unschlagbar“. – Die vollständige Meldeliste zum etwaigen Stöbern. 

341 Gemeldete für 873 Starts bei Österreichs Masters-Meisterschaften

(St.Pölten/Krefeld, 18. September 2020) Wildern wir – nicht nur aus der Not geboren, sondern vor allem der sportfreundschaftlichen Beziehungen wegen – mal wieder in Nachbars blühendem Garten. Felix Austria = Glückliches Österreich! Anders als hier zu Lande hat die Alpenrepublik auch in den vermaledeiten Zeiten von Corona für ihre pfleglicher behandelte Ü35-Generation nationale Einzelmeisterschaften einschließlich Sprintstaffeln im prall gefüllten Zwei-Tages-Programm. Das geht morgen und Sonntag auf der Union Sportanlage in St.Pölten rund 65 Kilometer von Wien entfernt über die sportliche Bühne. Und das Schöne daran, dass sie wie in allen Jahren zuvor international ausgeschrieben worden sind. Wenngleich aufgrund der besonderen Situation diesmal ein frühzeitiger Aufnahmestopp für Gaststarter ausgesprochen werden musste. Darunter litt die internationale Vielfalt, aber nicht die quantitative und qualitative Resonanz. Kurzum: Es sind 341 Senioren*innen aus sieben Nationen (Vorjahr 16) zu 873 Starts gemeldet. Den Löwenanteil der Gäste stellen die reiselustigen und wettkampffreudigen Germanen mit insgesamt 35 Talenten von gestern und vorgestern, mithin etwas mehr als zehn Prozent.

Schauplatz vom Bannstrahl der Reisewarnung nicht betroffen

So sie es nicht schon selber gehört oder gelesen haben, über den Flughafen Wien einschweben oder eingedenk der Attraktivität der Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität hier Quartier machen sollten/woll(t)en: Die deutsche Bundesregierung hat die österreichische 1,9-Millionen-Metropole infolge der aktuellen Infektionszahlen zum Risikogebiet erklärt und eine Reisewarnung ausgesprochen. Rückkehrer von hier haben sich einem Corona-Test zu unterziehen und müssen sich bis zu einem hoffentlich negativen Ergebnis in Quarantäne begeben. Insofern Entwarnung, als dieses Szenario ausdrücklich nicht für das in dieser Hinsicht unverdächtige St.Pölten gilt!

„Alterspräsidentin“ Elfriede Fuchs peilt Kugelstoß-Weltrekord der W100 an

Kommen wir zum sportlichen Teil, wobei Vorschauen gelegentlich der Makel anhaftet, dass sich Vorankündigungen aus vielerlei Anlässen als Schall und Rauch erweisen können. Halten wir uns schlicht an das, was von der Meldeliste bekannt ist und gewähren wir dem Gastgeberland den Vortritt. Älteste Teilnehmerin ist die 100-jährige Elfriede Fuchs (*26.08.1920), die in der Lage sein müsste einen neuen Weltrekord im Kugelstoßen der W100 aufzustellen. Der liegt seit 2010 bei 4,10m und womöglich in ihrer Reichweite.
Aus der Abteilung „Jugend forscht“ ist Diskuswerferin Veronika Watzke (*13.08.1985/W35) zu nennen, Die Mutter von zwei Kindern hat in dieser späten Saison bereits beachtliche 52,90m geworfen (PBL 58,77m). Kein Vorbeikommen gibt es natürlich am erfolgreichen gemischten „Ösi“-Doppel Marianne Maier (W75), die sechsmal auf Titeljagd geht, und Hammerwerfer Gottfried Gassenbauer (M60). Beide zugleich amtierende österreichische Masters-Leichtathleten des Jahres 2019. Mit Georg Werthner (M60) macht gar ein vierfacher Olympionike seine Aufwartung im Speerwurf und Stabhochsprung.

Eva Nohl, das Ehepaar Ritte und Roland Gröger sorgen für deutschen Glanz

Das ist die passende Überleitung zu einigen weithin bekannten deutschen Startwilligen. Werthner wird im gemeinsamen Wettbewerb der „Himmelsstürmer“ auf Stabhochsprung-Überflieger Wolfgang Ritte (M65) vom SC Bayer 05 Uerdingen treffen. Da diese Konkurrenz nicht für Seniorinnen ausgeschrieben ist, weicht Rittes Frau Ute (W65) auf den Weitsprung aus. Weltklasse-Viertelmeiler Roland Gröger (M55) von Topfit Berlin hat seine noble sportliche Visitenkarte für die Palette von 100 über 200 bis 400 Meter abgegeben. Und, nicht zu vergessen, Hammerwurf-Weltrekorderlin Eva Nohl (*W70) vom TSV Langenzenn. Ursprünglich hatte sie vor im von Gottfried Gassenbauer geleiteten riesigen Sportcenter Donau City in Wien zu logieren und mit ihm zu trainieren.
Mehr Zahlen, Daten, Fakten und Informationen unter diesem Link (>Details).

David Storl übertraf auf der letzten Rille die 21-Meter-Marke

(Zagreb/Krefeld, 16. September 2020) Ende gut, alles gut? Fast. Er hat es doch noch nicht komplett verlernt, der inzwischen zum nationalen Jung-Senior der M30 herangereifte einstige Kugelstoß-Wunderknabe David Storl (*27.07.1990) vom SC DHfK Leipzig. Auf der letzten Rille übertraf er wegen der durch Corona bedingten später begonnenen Saison mit all den bekannten Ausfällen nach manchen für seine Verhältnisse grauseligen Wettkämpfen (Versuche unter 20 Meter) noch die 21-Meter-Marke. Gewissermaßen das Entree zur erweiterten Weltklasse, die sich mittlerweile in breiterer Phalanx jenseits 22 Meter angesiedelt hat. Das gelang dem 30-jährigen Sachsen am Montagabend bei einem so genannten Markplatz-Wettbewerb in der Innenstadt der kroatischen Metropole Zagreb. Als Drittplatzierter hinter den beiden US-Amerikanern Ryan Crouser (22,74m), dem saisonalen Überflieger, und Joe Kovacs (21,30m) mit 21,20m im zweiten Durchgang. Der doppelte Ex-Weltmeister garnierte das mit einer sehr stabilen Serie von sechs gültigen Versuchen und einem Zielstoßen (gleich dreimal 20,81, noch 20,79 und 20,89m). Nicht nur wegen der Saisonbestleistung (SBL) sein absolut stärkster und stabilster Wettkampf anno 2020.
Ob nun gleich dermaßen auf den Putz gehauen werden muss wie in dem Beitrag auf der DLV-Netzseite, dass nun für die Olympiasaison 2021 wieder die 22-Meter-Marke in den Fokus rücke, sei dahingestellt. Da empfehlen wir der Autorin den Schlusssatz unserer gestrigen Kolumne, die Kirche im Dorf zu lassen. Nützt jetzt allerdings nix mehr. Geschmacksache auch die Überschrift in zum Teil englischer Sprache und einer nicht für jeden gängigen Abkürzung (könnte auch Selbstbedienung heißen) von: „21,20 Meter: David Storl beendet mit SB die Late Season“.

Für simplen formalen Akt benötigte der DLV fast sieben Monate

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Darmstadt/Krefeld, 17.September 2020) Na, schau an, wer hätte das gedacht oder gar für möglich gehalten? Insider gewiss nicht. Selbst beim als schwerfällig und langatmig bekannten Moloch Deutscher Leichtathletik-Verband (DLV) mit Sitz in Darmstadt geschehen noch sowas wie Zeichen und Wunder. Vorgestern wurde um 10:22 Uhr eine überarbeitete Fassung (siehe Punkt 5.2.4) der Deutschen Leichtathletik-Ordnung (DLO), so eine Art Bibel und Fibel des Reglements, mit Stand 21.Februar 2020 veröffentlicht. Nach geschlagenen fast sieben Monaten wurde nun endlich die Änderung zum Startrecht für Ausländer bekanntgegeben, die bereits für die Hallen-DM mit Winterwurf der Ü35-Generation vom 28.Februar bis 01.März 2020 in Erfurt in Kraft getreten ist. Und für diesen minimalen Verwaltungsakt hat die Administration im Hessischen über 200 Tage benötigt. Ein Drittklässler mit ein paar Grundkenntnissen in der Elektronischen Daten-Verarbeitung (EDV) schafft das in 20 Minuten. Höchstens.

Allzu oft weiß die Linke nicht was die Rechte tut

Bei der DLV-Wettkampforganisation, unter Leitung des Vizepräsidenten Frank O.Hamm (im Bild) aus Aachen, kann das schon mal „geringfügig“ länger dauern. Da fehlt es an allen Ecken und Enden, inklusive fähigem, engagiertem, sach- und fachkundigem Personal der über 50 hauptamtlichen Beschäftigten, weiß die Linke oftmals nicht was die Rechte tut. Allem Anschein firmierte diese erforderliche und überfällige Änderung nicht als „Leuchtturmprojekt“. Weltweiter Strahlkraft hätte es da nicht mal bedurft.
Noch bemerkenswert, dass es jetzt nicht mehr allein um EU-Ausländer mit Lebensmittelpunkt in Deutschland geht. Es können alle Athleten*innen aus den 212 Mitgliedsverbänden der World Athletics (früher IAAF) im Seniorenbereich des DLV an allen Wettkämpfen bis hinauf zu nationalen Titelkämpfen teilnehmen. Voraussetzung für DM-Auftritte ist jedoch, dass dieser Personenkreis einem deutschen Verein angehört, einen entsprechenden Startpass besitzt und sich verpflichtet international ausschließlich für die Wahlheimat Deutschland zu starten. 
Dies bedarf indes einer per Antrag beim Senioren-Weltverband World Masters Athletics (WMA) schriftlich fixierten Willenserklärung. Soviel Ordnung muss halt sein, ist zudem in solchen Fällen nachvollziehbar und sinnvoll. Dennoch: Für Außenstehende muss das sehr schräg anmuten, qua Mitteilung seine Nationaltät für diesen Zweck gewissermaßen abwählen zu können und für ein anderes Land nicht nur bei deren Meisterschaften zu starten. Das stelle man sich mal in den klassischen Ballsportarten oder mit Puck (Eishockey) vor. Unvorstellbar!

Entlarvendes Bekenntnis von DLV-Seniorenreferent David Deister

Kolumne

Moment mal

(Darmstadt/Krefeld, 15. September 2020) Ein russisches Sprichwort lautet: „Ein hohles Fass dröhnt lauter als ein gefülltes." David Deister (im Bild), seines Zeichens beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) in Darmstadt zuständig für das Referat Senioren, hat sich dies zu Herzen genommen und stellt im neuesten SPIEGEL (14.9.2020, S. 88/89) ernsthaft die Frage „...wie es uns gelingt, alle Senioren noch besser mitzunehmen".
Der Mann verfügt über Humor, denn sein Verband hat – sein polyglottes Führungspersonal ausgenommen – seine Senioren weder im Fahrzeug noch den Geldbeutel betreffend oder gar mit deren kritisch-konstruktiven Anliegen „mitgenommen", eher im Regen stehen lassen. Notgedrungen hat man sich daran gewöhnt.
Entlarvend, wenn er dem „SPIEGEL- Reporter" (der ihn bei der Mehrkampf-DM in Zella-Mehlis befragte) die Begründung gleich mitliefert: „Diese Zielgruppe ist interessant, auch wirtschaftlich." So ist es!
Angelehnt an den bevorzugten DLV-Sprachgebrauch: Dear Mr. Deister, let the church in the village!